06.04.2018 - 17:06 Uhr
Oberpfalz

Landkreis will Mobilitätsverhalten seiner Bürger für ÖPNV-Konzept ausloten Auf Fragebögen abfahren

Neustadt/WN. Die Klage ist fast so alt wie der erste Linienbus auf deutschen Straßen: Der ÖPNV ist eine feine Sache, er sollte nur besser werden, dann würden auch mehr Menschen das Auto stehen lassen. Solche Kritiker könnten es in Zukunft schwerer haben. Mit einer großangelegten Fragebogenaktion in allen Haushalten zwischen Eslarn und Kirchenthumbach will das Landratsamt in zwei Wochen ausloten, wo es konkret Bedarf gibt und welche Strecken eventuell zu kurz kommen.

Pirk ist durch die Nähe Weidens gut mit öffentlichen Verkehrsmitteln zu erreichen. Doch vielleicht hapert es irgendwo an Haltestellen, dem Takt oder dem Komfort. Das will das Landratsamt jetzt herausfinden. Bild: Meister
von Friedrich Peterhans Kontakt Profil

Dabei berät Thomas Huber die Fachabteilungen des Lobkowitzerschlosses. Er ist Leiter der Abteilung "Innovative Verkehrskonzepte" der Regionalbus-Ostbayern und stellte am Donnerstagabend seinen Ansatz vor Busunternehmern und Verkehrsexperten des Landratsamtes vor. Huber outete sich dabei keineswegs als Bus-Lobbyist. "Der klassische Linienbus ist nicht immer die beste Lösung, es geht um verschiedene Bedienformen vom Anrufbus bis zum Baxi." Damit sei vieles möglich. "Wenn Bedarf da ist, schafft man es bis ins letzte Dorf", ist Huber sicher. Das zeige etwa der Landkreis Deggendorf.

Wichtig ist aber, die Wünsche und das Mobilitätsverhalten der Bürger zu kennen. Deshalb gehen am 17. April die Fragebögen raus. Es handelt sich dabei um ein Blatt mit Vorder- und Rückseite zum Ausfüllen. Um den 4. Mai sollten die Bögen zurückgeschickt werden. "Wir hoffen auf 10 Prozent Rücklauf. Das ist die Erfahrung aus anderen Landkreisen. Es darf natürlich gerne mehr sein", sagt Huber. Auch online können Bürger über einen QR-Code mitmachen. Wer neugierig ist, kann bereits einen Blick darauf werfen und sich die Internet-Seite "mobil,neustadt.de" ansehen.

Interessant: Die Aktion ist nicht nur auf Zahlen für eine Statistik aus, sondern fragt nach dem Warum. "Der Rücklauf soll auch zeigen, wo der Lieblingsbäcker der Leute ist. Weshalb wollen alle in einen bestimmten Ort?", erklärt Huber.

"Je besser die Datenlage, desto besser ist später das Konzept", sind sich Huber und Landrat Andreas Meier einig. Mitmachen lohnt sich also, obwohl der ÖPNV für ein ländlich strukturiertes Gebiet wie den Kreis Neustadt schon recht gut funktioniert, unterstreicht Huber. Der Ansicht ist auch Meier. Er weiß, dass noch mehr möglich ist, will aber nur auf Basis gesicherter Daten loslegen. "Mehr ÖPNV kostet auch mehr." Etwa das Baxi, ein Mittelding zwischen Anrufbus und Taxi, das den Landkreis Tirschenreuth bedient. "Es müsste mit dem Nachbarlandkreis Tirschenreuth verzahnt werden", sagt der Landrat.

Josef Fütterer vom Bauernverband forderte eine enge Abstimmung mit Weiden. Die Waidhauser Bürgermeisterin Margit Kirzinger sieht in der Fragebogenaktion vor allem eine Chance für ihre Ortsteilbürger. Sie könnten mit zahlreicher Beteiligung zeigen, dass sie für eine bessere Anbindung kämpfen.. Angemerkt

Einstieg in den Umstieg

Das neue ÖPNV-Handlungskonzept ist nichts Revolutionäres. Landauf, landab suchen Landratsämter seit Jahrzehnten nach dem Nahverkehrs-Stein der Weisen. Weil niemand so recht zufrieden ist. Vielleicht weil es zu wenige ausprobiert haben. Die Aussage, dass es ohne Auto im ländlichen Raum nicht geht, ist zwar richtig, allzu leicht gerät die Aussage aber zur Ausrede.
Mit der bevorstehenden Fragebogenaktion haben es die Bürger selbst in der Hand, Druck aufzubauen. Die Initiatoren wären schon mit der bescheidenen Rücklaufquote von 10 Prozent zufrieden. Wie wäre es, wenn die Neustädter mit 30 Prozent ein Ausrufezeichen setzten, dass ihnen der ÖPNV wirklich am Herzen liegt? Dann hätte der Landkreis wirklich belastbare Fakten zur Hand.
Wer weiß: Vielleicht taucht dabei wirklich irgendwo einen verkehrstechnisch abgehängter Ortsteil auf, der mit Hilfe der Fragebögen mal auf sich aufmerksam machen könnte. Freilich: Sobald ein Bus mehr Ortsteile anfährt, verlängern sich Fahrzeiten. Damit läge wieder ein Argument pro Auto auf dem Silbertablett. Landrat Andreas Meier hat recht, wenn er sagt, dass es die optimale Lösung nicht geben wird. Es lohnt sich aber, danach zu suchen.
Der Freistaat könnte dabei mithelfen. Denn bislang scheiterte die Einführung des in Tirschenreuth bekannten Baxis auch daran, dass Neustadt dafür nicht im Förderprogramm war.

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