10.10.2017 - 20:10 Uhr
Oberpfalz

Trotz Einwohnerschwund fehlen im Landkreis Neustadt/WN Immobilien Schöner wohnen - und billiger

Der Einwohnerschwund im Landkreis von 100 000 Menschen im Jahr 2005 auf heute weniger als 95 000 ist nicht unumkehrbar. Ein Experte macht den Kreisräten Hoffnung. Nicht, weil ein Babyboom ins Haus steht, sondern, weil in ein paar Jahren gesamtdeutsche Entwicklungen in der Region ankommen. Darin lägen Chancen.

von Friedrich Peterhans Kontakt Profil

Neustadt/WN. Bereits im vergangenen Jahr hatte der Landkreis beim Institut "Demosplan" ein Gutachten über den künftigen Wohnraumbedarf zwischen Eslarn und Kirchenthumbach in Auftrag gegeben. Das Fazit liest sich auf den ersten Blick ziemlich verheerend: "Konservativ geschätzt fehlen 2100 Wohnungen", bilanziert Herbert Tekles von "Demosplan" im Sozialausschuss des Kreistags.

Wie passt das mit sinkenden Einwohnerzahlen zusammen? Das eine bedingt das andere, erklärt Tekles. Denn wo der passende Wohnraum fehlt, ziehen Menschen weg oder gar nicht erst her. "Und das, obwohl der Landkreis in einem Jahr 1000 sozialversicherungspflichtige Arbeitsplätze dazugewonnen hat", ist Tekles durchaus beeindruckt. Woran hapert es also? Zum einen geben Grundstückseigentümer zu wenig Bauland her. Zum zweiten fehlen kleinere Einheiten wie Ein- bis Zwei-Zimmer-Wohnungen und zum dritten seien ältere Häuser, aus denen die Besitzer heraussterben, oft marode und unattraktiv. Beim letzten Punkt hakt Uli Münchmeier aus Vohenstrauß ein. Ortskerne stünden leer, weil der Denkmalschutz Sanierungen teuer und umständlich mache und es für Städtebau-Fördermittel hohe Auflagen gebe.

Renten-Boomer

Das alles werde spätestens in 10 bis 15 Jahren massiv durchschlagen, wenn die Babyboomer, die geburtenstarken Jahrgänge aus den 60er Jahren, in Rente gehen, warnt "Demosplan". "Spätestens dann werden auch Ihre Firmen ein Riesenproblem mit dem Personal bekommen", prophezeit Tekles. Die Lösung könne nur Zuwanderung und Einwanderungsgesetz heißen.

Dabei hat Tekles weniger Flüchtlinge im Auge, sondern Osteuropäer. "In manchen Regionen Deutschlands wächst mit ihnen eine neue Gastarbeitergeneration heran. Die Firmen sind heilfroh, wenn die kommen und auch ihre Partner mitbringen." Zudem hätten Ungarn, Kroaten, Slowaken oder Rumänen als EU-Bürger niedrigere Hürden bei der Integration zu überspringen. Wenn die tatsächlich anheuern, könnte Wohnraummangel den Bürgermeistern plötzlich auf die Füße fallen, geht aus den Berechnungen von "Demosplan" hervor. Denn im Kreis Neustadt/WN hat ein Bürger mit durchschnittlich 53 Quadratmetern Wohnraum zwar überproportional mehr Platz als jeder andere Oberpfälzer, Bayer oder Deutsche, gleichzeitig verfügt der Landkreis aber über die allerwenigsten Ein- bis Zwei-Zimmer-Wohnungen zwischen Hof und Freyung-Grafenau. Sie machen gerade einmal 4,2 Prozent am gesamten Wohnraum aus. Bei Einheiten mit vier oder fünf Zimmern oder Häusern mit mindestens sechs Zimmern ist Neustadt dagegen weit vorne dabei.

Das verführt zum Nesthockertum. Berufsanfänger könnten sich kein Reihenhaus zur Miete leisten und bleiben daher länger im Hotel Mama. Mitte 2016 lebten über 30 Prozent der 30-Jährigen und 65 Prozent der 25-Jährigen noch zu Hause, obwohl sie im besten Alter wären, allmählich an eine eigene Familie zu denken. Auch das sägt an der Geburtenrate.

Ein anderes Problem: Ehen gehen bisweilen schief. Ein Partner bleibt im Haus, der andere sucht eine kleinere Wohnung zur Miete. Da die im Landkreis dünn gesät sind, zieht dieser Partner, in der Regel der Mann, nach Weiden oder gleich weiter weg. Auch so entstehen Abwanderer.

Landrat skeptisch

Landrat Andreas Meier teilt diese Analyse nicht uneingeschränkt: "Ich weiß nicht, ob wir so viele Ein- bis Zwei-Zimmer-Wohnungen brauchen. Unsere Stärke ist doch Platz und günstiger Wohnraum für junge Familien. Das spielen wir auch in unserer Marketingstrategie aus." Das ist auch gut so, pflichtet ihm Tekles bei, der die Nähe zu den Bildungsstätten in Weiden positiv hervorhebt.

Wie wertvoll es ist, dies alles positiv zu verkaufen, erklärt dem Ausschuss ein Mitarbeiter des Landratsamtes, der erst seit einem Jahr wieder in der Region lebt: Bildungskoordinator Christian Frey, der mit Frau und drei Kindern von Berlin in seine Heimatstadt Weiden gezogen ist. "Wenn Sie in der Situation keine Oma oder Opa vor Ort haben, wissen Sie erst, was Sie an Floß oder Neustadt haben." (Angemerkt)

Konservativ geschätzt fehlen im Landkreis Neustadt 2100 Wohnungen.Herbert Tekles, Institut "Demosplan"

Angebot schafft Nachfrage

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