350 Bürger informieren sich
Pro und Kontra Westumgehung Kümmersbruck [Aktualisierung]

350 Bürger fanden am Mittwochabend den Weg in die Mehrzweckhalle, um sich im Vorfeld des Bürgerentscheids zur Kümmersbrucker Westumgehung eine Meinung zu bilden. Am Freitag lädt die Gemeinde zu Trassenbesichtigungen ein. Start ist um 14 Uhr bei der Firma Grammer. Bilder: Steinbacher (3)
Politik
Kümmersbruck
14.09.2017
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Der Saal war voll: 350 Leute kamen, um die Informationen zur Westumgehung aus erster Hand zu erhalten. "Es sind noch viele Unklarheiten da", sagte Bürgermeister Roland Strehl zur Begrüßung. Bild: Steinbacher
 
Josef Roggenhofer und Freya Zobel (von links) zählten ihre Argumente gegen die Westumfahrung auf. Heinrich Schäfer (Dritter von links) plädierte als Vorsitzender des Verbandes für Wohneigentum Haselmühl dafür. Bauoberrat Stefan Noll (stehend) erklärte die technischen Details.

"Ist irgendwie auch unlogisch. Erst sagen sie, dass sie gegen Naturzerstörung sind und dann, dass die Westumfahrung 2025 ja sowieso kommt." Der Mann spannt beim Hinausgehen seinen Regenschirm auf. Die Frau an seiner Seite zuckt mit den Schultern.

Meinungsfindung war angesagt. Drei Stunden in der Mehrzweckhalle lagen hinter diesem Paar und 350 anderen Bürgern, die am Mittwochabend zur Info-Veranstaltung gekommen waren. Sie alle hatten das Bedürfnis, sich über das 30-Millionen-Euro-Projekt zu informieren. Die Argumente waren noch längst nicht alle ausgetauscht. Am Sonntag, 24. September, dürfen die Gemeindebürger nicht nur ihre Stimme für die Bundestagswahl abgeben, sondern auch über einen Bürgerentscheid abstimmen.

Die Frage im Wortlaut: "Sind Sie dafür, dass die Ortsumgehungsstraße (Staatsstraße 2165) von Haselmühl/ Kümmersbruck/ Lengenfeld - die sogenannte Westumgehung in kommunaler Sonderbaulast der Gemeinde gebaut wird?" Bürgermeister Roland Strehl betonte, dass für das Projekt erst seit Mai 2017 Baureife vorliege. "Es könnte jetzt verwirklicht werden. Wir reden also nicht über ungelegte Eier." Möglich macht dies die kommunale Sonderbaulast.

Wenn Vorhaben nicht gerade oben auf der Prioritäten-Liste des Freistaates stehen, können sich Gemeinden aus diesem Topf bedienen, vorausgesetzt sie nehmen selber Geld in die Hand. In Kümmersbruck wären das sechs Millionen von insgesamt etwa 30 Millionen Euro, die das Bauprojekt kosten wird.

48 Projekte vor Kümmersbruck

Auch die Nordumgehungen von Ammersricht und Neustadt/WN wurden vorzeitig mit der kommunalen Sonderbaulast verwirklicht. Mit der Westumfahrung würde der Freistaat im Alleingang nicht vor 2025 beginnen, und auch danach ist der Start ungewiss. "48 Projekte liegen in der Dringlichkeit vor uns", sagte Stefan Noll vom Staatlichen Bauamt in der Diskussionsrunde. Diese müssten abgearbeitet werden. Zwar gebe es für die Kümmersbrucker Baurecht, aber "keinen Automatismus, dass die Umgehung gebaut wird". In seinem Vortrag, der die technischen Details zum Thema hatte, ging er auf die Straßenbelastung der Ortsdurchfahrt ein. Auf Staatsstraßen in Bayern fahren im Durchschnitt 3900 Autos in 24 Stunden. Der frequentierteste Abschnitt auf der Vilstalstraße liegt zwischen Kirchensteig und Zeilenstraße.

Rund 18 400 Fahrzeuge werden es nach einer Prognose vom Verkehrsgutachter im Jahr 2025 sein. Mit dem Bau der Westumfahrung rollen laut Expertise 6900 Fahrzeuge pro Tag weniger über diesen Abschnitt. "Alle zwei Sekunden fährt zwischen und 6 und 8 Uhr sowie zwischen 16 und 18 Uhr ein Fahrzeug vorbei, danach alle drei Sekunden. Die Belastung bleibt sehr hoch", merkte dazu später Josef Roggenhofer als Vertreter von 20 Grundeigentümern kontra Westumgehung an. Die Kritiker beriefen sich darauf, das die Zahlen falsch prognostiziert wurden und nach unten korrigiert werden müssten.


Kontra: Der falsche Weg

Freya Zobel und Josef Roggenhofer brachten als Gegner der Westumfahrung ihre Argumente vor. "Die Westumfahrung ist der falsche Weg", sagte die Vorsitzende der IG Ortsdurchfahrt entlasten - Natur erhalten. Die Vilstalstraße bleibe der Mittelpunkt für das tägliche Leben in Kümmersbruck.
"Die Verkehrsprognosen sind alle deutlich zu hoch gegriffen", sagte Zobel. Die Investitionssumme von sechs Millionen Euro werde bei Einrichtungen wie Kindergärten und Schulen fehlen. Nach dem Bau soll die Vilstalstraße in eine Ortsverbindungsstraße umgewidmet werden. "Das bedeutet, die Gemeinde muss unter Beteiligung der Anlieger für alle Kosten aufkommen." Zudem werde es lediglich noch zwei Übergänge zum Hirschwald geben.

Ihrer Meinung nach ziele die Westumfahrung am Bedarf der Bürger vorbei, weil sie zu wenig Entlastung bringt und Naturlandschaft zerstört. Als Lösungsansätze präsentierte das Duo sechs Punkte: Verflüssigung des Verkehrs durch bessere Steuerung der Ampelanlagen, Bezuschussung von Schallschutzfernstern, Verbesserung des öffentlichen Nahverkehrs, Radweg links der Vils mit Zufahrten zu den Verbrauchermärkten, Bau von Kreisverkehren sowie Überlegungen zum Aus- und Weiterbau von Gemeinde- und Kreisstraßen nach Nordosten.

Pro: Bessere Lebensumstände

Heinrich Schäfer, Vorsitzender des Verbandes für Wohneigentum Haselmühl, ist selbst "umittelbarer Anlieger" der frequentierten Vilstalstraße. "Ich weiß, wovon ich rede", sagte er als Befürworter der Westumfahrung auf dem Podium der Info-Veranstaltung in der Mehrzweckhalle.
Er verglich die Durchfahrtsstraße in seinem Referat mit einem Kranken, der nur durch eine Operation Entlastung erfahren würde. "Natürlich verändert die Straße die Landschaft", sagte Schäfer und stellte die Frage: "Aber ist das negativ?"

Seiner Meinung nach sei jeder Hausbau eine Nutzungsänderung und kein Verbrauch. "Wir sollten aufhören, gegen eine notwendige Baumaßnahme das Mantra des Naturschutzes zu nennen." Es gelte nicht nur, Tiere und Pflanzen zu schützen, sondern auch den Menschen. Freilich würden sechs Millionen Euro nicht aus der Portokasse zu bezahlen sein. Aber auch für Einrichtungen wie beispielsweise ein Schwimmbad werden hohe Summen bezahlt. "Auch das nutzt nicht jeder, aber wir leisten sie uns."

"Die Westumgehung ist ein wesentlicher Beitrag zur Verbesserung der Lebensumstände", zog Heinrich Schäfer sein Fazit. Schließlich zähle am Ende eben auch der Mensch.


Kurz gefragtGibt es einen Plan B zur Westumfahrung?
Bürgermeister Roland Strehl: Es gibt keine Alternativtrasse zur Entlastung. Notwendig wäre aber, sich ein alternatives Verkehrskonzept zur Entlastung der Ortsdurchfahrt zu überlegen. Kreisverkehre wären da durchaus eine Lösung.
Baut der Freistaat Bayern die Westumgehung in Eigenregie?
Strehl: Es gibt keinen Automatismus. Die Westumgehung ist derzeit in der Dringlichkeitsstufe 2, das heißt sie wäre frühestens 2025 dran.
Stellt das Aussetzen oder Aufkündigen des Vertrages über die kommunale Sonderbaulast einen Vertragsbruch dar?
Strehl: Dies ist ohne rechtliche Konsequenzen möglich. Baurecht bedeutet nicht Baupflicht.
Fanden Absprachen mit der Stadt Amberg statt?
Strehl: Natürlich. Die Stadt wird die Entscheidung der Kümmersbrucker akzeptieren.
Welche Meinung vertreten Sie als Bürgermeister?
Strehl: Ich habe meine Meinung, aber es macht wenig Sinn, vorzupreschen. Bürgermeister sollten bei Bürgerentscheiden eine neutrale Stellung einnehmen.


FaktenBaulänge: circa 5,75 Kilometer mit acht Brückenbauwerken.
Gesamtkosten: rund 30 Millionen Euro; davon 27 Millionen Euro Bau- und Grunderwerbskosten, drei Millionen Euro Nebenkosten.
Flächenbedarf: Neuversiegelung 6,9 Hektar; Bankette, Böschungen und Entwässerungsanlagen 21,3 Hektar; naturschutzfachliche Kompensationsmaßnahme 16,1 Hektar.
2 Kommentare
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Moritz Kellner aus Amberg in der Oberpfalz | 17.09.2017 | 14:46  
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Matthias Neumann aus Kümmersbruck | 19.09.2017 | 10:34  
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