05.06.2017 - 20:28 Uhr
LeuchtenbergOberpfalz

Thoma-Klassiker "Die Lokalbahn" bei den Burgfestspielen Leuchtenberg Wutbürger, Brutus und die "Lügenpresse"

115 Jahre hat das Stück schon auf dem Buckel, es ist allerdings zeitlos und könnte auch heute in manchen Orten der Oberpfalz spielen.

Noch prahlt Bürgermeister Fritz Rehbein (Gerhard Kühner, 3.v.l.) vor den Honoratioren mit seinem vermeintlich couragierten Auftritt beim Minister in der Hauptstadt. Lokalreporter Heitzinger (Tobias Schäffler, stehend) sorgt dafür, dass die Schilderung auch in der Tageszeitung zu lesen ist
von Holger Stiegler (STG)Profil

Provinzpolitiker zeigen der Obrigkeit vermeintlich die Stirn, um dann doch wieder als Papiertiger zu landen. Und schuld daran ist nur die Presse, die alles aufgebauscht hat. Ludwig Thomas Komödie "Die Lokalbahn" erlebt am Freitag bei den Burgfestspielen Leuchtenberg eine gelungene Premiere.

Ein bisschen kann einem der Bürgermeister von Dornstein schon auch leid tun: Im Dorf herrscht dicke Luft wegen der geplanten Eisenbahnstrecke, die nicht durch den Ort, sondern nur daran vorbeiführen soll. Das hat die Regierung nun einmal so beschlossen. Doch irgendwie erwarten die Wutbürger der Gemeinde schon von ihm, dem treuen Anhänger des Staates und jeglicher revolutionärer Bestrebungen gänzlich unverdächtig, dass er im Ministerium dagegen protestiert. Schließlich will Bürgermeister Rehbein ja auch wiedergewählt werden.

Und damit geht die ganze Misere - für die Zuschauer eine nach wie vor unterhaltsame Komödie - los. Trefflich in Szene gesetzt hat diesen Klassiker der bayerischen Theaterliteratur Marlene Wagner-Müller, assistiert von Verena Forster und Evi Wagner. Verantwortlich für die Bühne ist Tobias Schäffler, für die Kostüme Evi Schwab, für die Maske sind es Stefanie Gallitzendörfer und Nicole Sommer. Die Technik liegt in den Händen von Marco Bäumler.

Aktuell wie eh und je

"Die Lokalbahn" ist ein Stück mit doppelten Boden - vordergründig lustig, unterhaltsam und viele Lacher provozierend. Aber eben auch mit viel Satire und Überzeichnung, die die damaligen politischen und soziokulturellen Verhältnisse - als Ludwig Thoma das Stück 1902 schreibt, herrschen in Bayern Prinzregent Luitpold und im Deutschen Reich Kaiser Wilhelm II. - aufs Korn nimmt und der Gesellschaft den Spiegel vorhält. Die Regisseurin hat sich dafür das geeignete Ensemble ausgewählt, das in allen Facetten die spießbürgerlichen Erscheinungen auf die Bühne bringt. Gerhard Kühner brilliert als Bürgermeister, der zum vermeintlichen Helden im Kampf gegen die Obrigkeit wird - jenem Kampf, den zwar alle im Dorf meinen führen zu müssen, der ihnen aber dann doch zu "heiß" wird. Den Minister zu rüffeln in Sachen Eisenbahnstrecke - das lässt die Bevölkerung erst einmal aufjubeln und das Ego des Gemeindeoberhauptes mächtig anschwellen. Dumm nur, dass die Realität ganz anders aussieht und das Gespräch mit dem Minister nur aus "Grüß Gott" und "Wiedersehen" besteht. Und dann steht der vermeintlich couragierte Auftritt am nächsten Tag auch noch haarklein beschrieben in der Zeitung,

Redakteur Peter Heitzinger (gesanglich und schauspielerisch sehr präsent: Tobias Schäffler) stimmt gar die Lobeshymne "Er gleicht dem Brutus aus der antiken Welt, der sich dem Tyrannen entgegenstellt" auf Rehbein an. Immer diese "Lügenpresse"! Rehbeins künftiger Schwiegersohn Adolf - von Tobias Schmauß glänzend als Karikatur des obrigkeitsdevoten und stocksteifen Beamten dargestellt - fürchtet um seine Karriere als Richter und droht die Verlobung mit Suschen (verliebt bis zur Selbstaufgabe: Barbara Kießling) aufzulösen.

Doch auch die Honoratioren der Stadt, die tags zuvor Rehbein für seinen Heldenmut mit Blaskapelle und Gesang hochleben ließen, sind mittlerweile der Ansicht, dass ihr Bürgermeister in der Hauptstadt vielleicht doch etwas zu forsch aufgetreten ist. Allen voran Peter Hösl als Brauereibesitzer Josef Schweigel und Hans-Jürgen Gmeiner als Kaufmann Franz Stelzer überzeugen als wandlungsfähige und konfliktscheue Spießbürger, die dabei Unterstützung bekommen von den weiteren Handwerkern des Dorfes, Schreinermeister Kiermayer (Daniel Retzer), Buchbindermeister Gschwendtner (Stefan Oppitz) und Schlossermeister Gruber (Michael Sandner).

Moral der Doppelmoral

Auch wenn Maulheldentum und Untertanengesinnung die Oberhand behalten, bringt Thoma in seinem Werk doch die verkörperte Renitenz unter - und das ausgerechnet in der Person des Bürgermeister-Bruders Major a.D. Karl Rehbein. Holger Popp verleiht dieser Rolle sehr viel Authentizität und hinterfragt nicht nur einmal die Doppelmoral der Dornsteiner Gesellschaft. Das Ensemble komplettieren die auch gesanglich starke Brigitte Beer als Bürgermeister-Ehefrau Anna Rehbein, eine herrlich überdreht agierende Martina Striegl als Bürgermeister-Schwägerin und "Dorfratschen" Frieda Pilgermaier sowie Juliane Lang als kesses Dienstmädchen Marie.

Thoma selbst hat seinem Stück die Zeitangabe "Gegenwart" vorangestellt - und bis heute hat "Die Lokalbahn" nichts von ihrer Aktualität verloren und glänzt auch in Leuchtenberg durch meisterliche (Über-) Zeichnung bayerischer kleinstädtischer Lebensart. Viel Applaus für die Verantwortlichen vor und hinter den Kulissen.

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