12.04.2018 - 17:56 Uhr
Luhe-WildenauOberpfalz

Milcherzeuger warnen vor der nächsten Krise "Schweinezyklus" im Kuhstall

Die nächste Milchkrise ist so sicher wie das Muh im Kuhstall. Der Bund Deutscher Milchviehhalter (BDM) warnt angesichts der Pleite der Berliner Milcheinfuhr-Gesellschaft, einer der größten deutschen Milchhändler, und 380 000 Tonnen Milchpulver in den Lagern vor Preisverfall.

Die Musketiere der fairen Milch: (von links) Kreischef Werner Reinl, BDM-Bundesvorsitzender Carsten Hansen, Hausherr Georg Kick (auf seinem Hof in Luhe), und die BDM-Mitstreiter Hubert Meiler (Störnstein), Martin Deubzer (Störnstein) und Hans Mois (Denkenreuth). Bild: Herda
von Jürgen Herda Kontakt Profil

"Es ist immer dasselbe Theater", sagt BDM-Vorstand Hans Mois: "In der Hochpreisphase, melken einige auf Teufel komm raus, dann ist der Markt überschwemmt und der Preis am Boden." Volkswirtschaftlich sei das völlig falsch, aber psychologisch nachvollziehbar. Seitdem die Mengenregulierung wegfiel, die auch der BDM kritisierte, habe der attraktive Auszahlpreis Milchproduzenten zur Mehrleistung angetrieben - bei sinkenden Preisen. "Schweinezyklus" nennt man diesen Mechanismus auch im Kuhstall.

Auch bei der Milcherzeugergemeinschaft Bayern MeG, ein Dachverband, der 5 Milliarden Kilogramm Milch von 121 Erzeugerorganisationen mit etwa 15 000 Milcherzeugern aus zehn Bundesländern vertreibt, ist die Warnung angekommen. "Die Preise bröckeln", erklärt BDM-Kreischef Werner Reinl. "Es ist zu viel Milch im Markt, rund vier Prozent über dem Vorjahr - dazu das Magermilchpulver auf Halde, das zusätzlich auf den Preis drückt." Das habe inzwischen auch die Politik erkannt: Der Bayerische Landtag beschloss, die Menge in Krisenzeiten zurückzufahren. "Aber das Risiko tragen voll die Milchbauern", kritisiert Reinl.

Freiwillige Reduzierung

Dabei habe der BDM vor zwei Jahren mit seinem Marktverantwortungsprogramm gezeigt, dass es auch anders gehe: "Es gibt bereits eine Monitoring-Stelle in Brüssel, die alle Notierungen der Märkte und Kosten der Bauern im Blick behält - nur kann sie bisher nicht eingreifen", ärgert sich Bundesvorstand Carsten Hansen. "Wir wollen, dass die Stelle - in einer Lage wie heute - automatisiert eine Frühwarnung ausspricht."

Diese solle zunächst zu einer freiwilligen Reduzierung führen. Sollte das fruchten, könne die Warnung wieder aufgehoben werden. "Wenn nicht, tritt Stufe zwei in Kraft, eine Krisensituation wird ausgerufen, ein Bezugszeitraum festgelegt und ein Ausschreibungsverfahren regelt die Entschädigung für Landwirte, die reduzieren." Und wer sich nicht daran hält? "Der muss dann halt auch mal eine Abgabe zahlen", fordert Hansen. "Wir konnten widerlegen, dass der Aufwand für eine EU-weite Regelung zu hoch ist", sagt auch Reinl. Gelder für Ausgleichszahlungen seien vorhanden, könnten aber auch von den Milchbauern über eine Umlage selbst finanziert werden. "Die Marktwirkung hat eingesetzt, wir waren wieder bei 40 Cent." Warum also sträubt sich dann die Politik gegen eine nachhaltige Lösung? "Die Lobby der Molkereiindustrie ist enorm", findet BDM-Kollege Martin Deubzer, "die großen Genossenschaften setzen alle Hebel in Bewegung, damit nicht weniger Milch auf den Markt kommt."

Dazu komme: Mehr der deutsche als der bayerische Bauernverband sei sehr industrienah. Entscheidend sei, wie sich die neue Bundesregierung jetzt in der EU positioniere. "In Brüssel ist man vor allem mit dem Brexit beschäftigt", weiß Vorstandsmitglied Hubert Meiler. Und jetzt habe man eine neue Ministerin, die sich erst einarbeiten müsse: "Wir werden mit unserem Protest nicht vor der Klöckner haltmachen", warnt Kampfgenosse Martin Deubzer.

Halbierung in zehn Jahren

Der Staat fördere noch immer Produktivitätssteigerungen: "Erst hieß es 50 Kühe reichen nicht, man braucht mindestens 100 Kühe", schildert Meiler die verhängnisvolle Entwicklung. "Das ist aber heut' gar nichts mehr - in der Tirschenreuther und auch Amberger Gegend gibt's schon welche mit 500." Überregional gesehen immer noch überschaubar: "Im Osten Deutschlands sind's eher 1500, in Amerika 10 000 - dabei schafft eine Arbeitskraft maximal 50 Kühe."

Das Risiko, immer weiter zu wachsen, würden viele nicht mehr mitgehen: "Der Strukturwandel führt linear nach unten", erläutert Reinl, "wir haben uns in den vergangenen zehn Jahren halbiert." Und Meiler ergänzt: "Wenn die Alten ausfallen, musst du erst einmal Kräfte am Arbeitsmarkt finden - für den Mindestlohn macht das keiner 365 Tage im Jahr." Die Folge: "Entweder, du schaust, dass du ein halbes Jahr allein über die Runden kommst, oder du brauchst wieder größere Maschinen und noch einmal Kredite."

Die Konsequenz: "Viele Junge wollen oder können nicht mehr in Ställe investieren", sagt Deubzer. Bei diesem Milchpreis könne man nur voll auf Menge setzen oder aussteigen. "Die Stellplatzkosten haben sich bei gleichbleibendem Milchpreis verdreifacht", sagt Hans Mois. Dazu kämen ständig neue Auflagen wie Boden- oder Wassergutachten, mehr Tierschutz, mehr Fläche, größere Betonstärken. "Wir fordern keinen Luxus", findet deshalb Meiler, "wir wollen nur, dass unsere Jungen weitermachen können."

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So lässt sich der Milchpreis stabilisieren:

http://www.europeanmilkboard.org/de/special-content/marktverantwortungsprogramm.html

Kommentar

Milchtankstelle in die Supermärkte

Die Rechnung ist einfach: Jeder will verdienen an der Milch – und der Verbraucher wenig zahlen. Dem Ife-Institut für Ernährungswirtschaft zufolge kostet ein Liter Vollmilch mit 3,5 Prozent Fett inklusive Mehrwertsteuer bei Discountern im Schnitt 78 Cent. Beim Landwirt bleiben rund 36 Cent hängen – womit er die Kosten des Betriebs decken muss. Kein Wunder, dass mancher Landwirt wegen der Schweinepreise dem Schweinezyklus auf den Leim geht.

Die Handelsspanne des Lebensmitteleinzelhandels hat sich im Vergleich zu 2016 erheblich erhöht: von 6,4 Cent auf 13 Cent/Liter. Die Molkerei berechnet als Produktionskosten für die Verarbeitung von Rohmilch im Schnitt 8,3 Cent. Die Verpackungskosten liegen bei 8,5 Cent, Lagerhaltung und Logistik von der Molkerei hin zum Lager des Einzelhandels liegen bei 2,5 Cent, Verwaltung & Co. schlagen mit 0,6 Cent zu Buche.

Der Konsument hat die Wahl: Er kann den Preiskampf anheizen, indem er da kauft, wo die kleinste Zahl draufsteht – er sollte sich dann aber nicht ernsthaft Sorgen über das Tierwohl machen. Oder er orientiert sich an einem Label wie „Die faire Milch“, das Landwirten und Kühen Luft zum Atmen lässt. Ein Vorschlag fürs Heimatministerium: Ein Förderprogramm für Milchtankstellen an viel frequentierten Orten wie Supermärkten nutzt der Landwirtschaft, bewussten Verbrauchern und der Umwelt.

Hintergrund

Direktvertrieb: Milch von der Zapfstelle

Luhe. (jrh) Seit einem Jahr läuft die Zapfstelle in der Leuchtenberger Straße 22 von Georg Kick heiß: "Vor allem Pendler sorgen für regen Verkehr", freut sich der Luher Landwirt. Zwölf thüringische Waldziegen und ein Kuhstall sorgen ständig für frischen Nachschub. "Reich werden wir damit nicht", sagt Kick. "Es ist mehr eine Werbeaktion für die faire Milch." Die Ziegenmilch füllt der Familienbetrieb in Glasflaschen, die Kuhmilch läuft auf Knopfdruck rund um die Uhr aus einem Automaten - inklusive Wechselgeld und Kassenzettel.

"Aber einen Milchautomaten beim Lidl darf man nicht aufstellen", schimpft Kollege Hubert Meiler auf die bayerische Bürokratie: "Die EU verbietet das keineswegs." Einen Euro kostet Kicks Frischmilch und macht somit auf einen bekannten Missstand aufmerksam: "Wir sind mal mit der Forderung von 40 Cent als kostendeckender Preis angetreten", sagt BDM-Kreischef Werner Reinl. "Das ist Jahre her und wir bekommen nicht mal das." Nach einer Vollkostenstudie des Milchboards müsste der Preis in Bayern bei über 50 Cent liegen. Die Gewinne stecken andere ein.

So funktioniert der Schweinezyklus

Weiden. (jrh) Arthur Hanau prägte 1927 in seiner Dissertation den Begriff "Schweinepreiszyklus" für eine periodische Schwankung der Angebotsmenge und des Marktpreises. Bei hohen Preisen kommt es zu verstärkten Investitionen. Diese wirken sich aufgrund der Aufzuchtzeit erst mit Verzögerungseffekt auf das Angebot aus und führen zu Überangebot und Preisverfall. Viele Anbieter reduzieren ihre Produktion, was sich ebenfalls zeitverzögert auswirkt - und dann zu einem relativen Überschuss der Nachfrage und steigenden Preisen führt.

Die Lobby der Molkereiindustrie ist enorm, die setzt alle Hebel in Bewegung, damit nicht weniger Milch auf den Markt kommt.Milchbauer Martin Deubzer
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