29.10.2017 - 13:22 Uhr
Luhe-WildenauOberpfalz

Friedhof als Geschichtsbuch Der Pfarrer und sein "Sepperl"

"Dem Bader geh' ich noch in die Leich', aber sonst keinem mehr", soll Josefa Maurer einmal gesagt haben. Die "Pfarrer-Sepperl" genannte Josefa Mauerer war die Nichte des Luher Ehrenbürgers Joseph Maurer.

Das Grab des Pfarrers und Luher Ehrenbürgers Joseph Mauerer wird vom Markt auch fast 100 Jahre nach seinem Tod erhalten. Bild: Schönberger
von Autor SEFProfil

Luhe. Der Friedhof an der Planstraße besteht seit 1877. Vorher begruben die Luher ihre Toten rund um die Pfarrkirche St. Martin. Bis heute ist er wie ein großes Geschichtsbuch. Auf dem Gottesacker finden sich Erinnerungen an bemerkenswerte Persönlichkeiten und Vertreter unterschiedlichster - bisweilen ausgestorbener - Berufe. Nebeneinander ruhen Freiherr, Postexpeditor, Lehrer, Tafernwirt, Bauer, Bäuerin, Bader, Einsiedler, Taubstummenpfarrer, Mesner, Müller, Weber, Handwerksmeister, Magd, Bahnwärter, Gendarm, Gemeindediener, heimgekehrter Auswanderer, Bürgermeister und Ordensschwester.

Ein Grabdenkmal, das der Markt bis heute erhält, weist bis heute auf den 1844 geborenen Pfarrer Joseph Mauerer hin. 1890 hatte Bischof Ignatius von Senestrey ihn aus Tiefenbach nach Luhe berufen. Fast regelmäßig war der Luher Pfarrer Dechant (Dekan) des nach dem Dreißigjährigen Krieg gegründeten Dekanats Leuchtenberg.

Mauerer nahm sich sehr der Gründung katholischer Vereine an. So wurden auf seine Initiative hin Männer-, Arbeiter- und Burschenverein ins Leben gerufen. Daneben war ihm die Ausstattung der Martinskirche ein wichtiges Anliegen. Tabernakel, Turmuhr, Glasfenster, Orgel und Kreuzwegbilder gehen auf seinen Einsatz zurück. Es gab aber auch Rückschläge. So musste er am Fastnachtssonntag 1910 feststellen, dass unter anderem zwei Ziborien genannte kostbare Gefäße zur Aufbewahrung von Hostien aus der Pfarrkirche gestohlen worden waren. 1917 musste er ebenfalls ohnmächtig mit ansehen, wie man vier der fünf 1892 von ihm geweihten Glocken vom Kirchturm herunterholte. Der vernichtende Krieg machte auch um Luhe keinen Bogen.

Bis zuletzt betreute der Geistliche die weit entfernte Filialkirche Enzenrieth. Eigentlich wäre St. Barbara in Neudorf leichter zu erreichen gewesen. Doch deren Seelsorge gestand er dem jeweiligen Kooperator zu. In der Marienkapelle am Luher Ortseingang zelebrierte er jeden Samstag die Frühmesse. 1919 - nach 29 Jahren Seelsorge im Ort - trat er in den Ruhestand. Der war ihm aber nur kurz vergönnt. Mauerer starb als hoch geachteter Geistlicher Rat am 25. Februar 1920 im 77. Lebensjahr.

Gleich in der Nähe fand seine unverheiratete Nichte Josefa Mauerer die letzte, mittlerweile aufgelassene, Ruhestätte. Sie war am 14. Dezember 1893 in Biberbach bei Waldmünchen zur Welt gekommen. Ihre Mutter starb früh. Daraufhin holte ihr Priesteronkel das Mädchen zu sich.

Jedermann schätzte Josefa als freundliche, versöhnliche und hilfsbereite Zeitgenossin. Geradezu legendär waren ihre außergewöhnlichen Strickkünste. Sie kannte unzählige Muster und vermochte sie auch anschaulich zu erklären. Die Bevölkerung nannte sie liebevoll das "Pfarrer-Sepperl".

1919 hatte Josefa das Haus Nummer 15 an der Marktmauer erworben. Als sie krank wurde und hörte, dass Bader Johann Ruf bettlägerig sei, ahnte sie wohl schon ihren Tod. "Dem Bader geh' ich noch in die Leich', aber dann keinem mehr", sagte sie zu ihrer Mieterin Berta Pruy.

"In die Leich' gehen" hieß im Volksmund, an Requiem und Beerdigung teilzunehmen. Während der Totenmesse setzte sich bei der Gabenbereitung eine Prozession - zuerst Männer, dann Frauen - in Bewegung. Auf der Kommunionbank standen drei Körbchen, in die jeder eine Münze legte. Neben dem letzten Behälter stand ein Ministrant, der die Sterbebildchen austeilte.

Bei großen Leichen dauerte dieser Opfergang häufig den gesamten Gottesdienst. Lediglich im Augenblick der Wandlung kam er zum Stillstand. In aller Ruhe konnten sich die trauernden Angehörigen vergewissern, wer dem Verstorbenen die letzte Ehre erwies. Natürlich legten auch die Kirchenbesucher Wert darauf, gesehen zu werden. Dieser Brauch wurde mittlerweile fast überall abgeschafft, störte er doch die heilige Handlung.

Am Freitag, 24. Januar 1964, starb Johann Ruf um 6 Uhr früh. Ein paar Stunden später am Mittag läutete die Sterbeglocke auch für Josefa Mauerer. Die 80-Jährige konnte ihr Vorhaben nicht mehr verwirklichen. Immerhin lag sie - üblicherweise offen aufgebahrt - drei Tage lang neben dem Bader im Leichenhaus.

Am Sonntagvormittag wurde der 89-jährige Friseurmeister zu Grabe getragen. Tags darauf erfolgte Josefas Beerdigung. Pfarrer Josef Sauer nahm die Einsegnung vor. Er erwähnte das "gottgesegnete Alter der Verstorbenen von über 80 Jahren" und würdigte ihre Nächstenliebe.

Quellen

Karl Rothenberger, Markt Luhe - Chronik, Weiden 1989

Erinnerungen von Helga Arnold, Katharina Schwab und Karl Weiß

Der neue Tag, 29. Januar 1964

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