24.11.2017 - 21:04 Uhr
Luhe-WildenauOberpfalz

Liandro Liam Lang über seine Transsexualität Angekommen

Im Sommer 2015 haben wir über den Transmann Liandro Liam Lang berichtet. Wie ist es dem heute 22-Jährigen seitdem ergangen? Ein Treffen gut zwei Jahre nach dem ersten Besuch. 

von Sonja Kaute Kontakt Profil

"Das Komplizierteste war, zu wissen, wann man wirklich angekommen ist", sagt Liandro Liam Lang über die vergangenen zwei Jahre. Ein langer Weg liegt hinter dem jungen Mann, der vor 22 Jahren im Körper eines Mädchens geboren worden ist. Seit dreieinhalb Jahren bekommt er Testosteron. Seitdem hat sich sein Körper schrittweise verändert: Stimme, Gesichtszüge, Haarwuchs, Fettverteilung. Liandro wurde auch äußerlich sichtbar zum jungen Mann. Im Mai 2015 folgte die Personenstandsänderung und rechtliche Anerkennung als Mann. "Es war ein unbeschreibliches Gefühl, den richtigen Personalsausweis in der Hand zu halten. Die richtige Geburtsurkunde abzuholen. Und all die anderen Karten und Urkunden als Mann zu bekommen", schreibt er auf seiner Facebook-Seite. Schon mit drei Jahren wusste Liandro, dass er ein Junge ist. Doch der Körper passte nicht zur inneren Identität, der Vorname auch nicht: Liandro hieß Celina. In der Grundschule kleidete er sich wie ein Junge, spielte Fußball in einer Jungenmannschaft. Ab der siebten Klasse bestand er auf den Vornamen Lino. Während seiner Kindheit war das kein Problem. In der Pubertät jedoch war er Hänseleien ausgesetzt. Heute geht er selbstbewusster mit Diskriminierung um. "Neulich wurde ich im Internet als Frankenstein betitelt, als halb Mensch, halb Tier." Das sagt er so beiläufig, wie es nur jemand sagen kann, der schon Vieles gehört hat. Bei Facebook zitierte er Sätze wie "Bring dich um, dann sind wir erlöst von dir", "Warum tust du dich deiner Mutter an?" Das ging nicht immer spurlos an ihm vorbei.

"Mein Leben ist ein Rätsel"

Die Jahre der Veränderung brachten viele Tiefs mit sich. "Mein Leben besteht aus Geschichten, die niemand versteht, aus Narben, die man sehen kann und auch nicht sehen kann. Mein Leben ist ein Rätsel. Dieses Rätsel versteht niemand. Niemand kann nachvollziehen, wie es in mir aussieht. Jeder Tag ist eine Qual", schrieb er im März 2016. Suizidgefahr, Klinikaufenthalt. "Es war eine Zeit, in der ich dachte, ich überlebe sie nicht", schrieb er im Nachhinein auf seiner Seite. "Ich wusste nicht mit all den Sachen umzugehen." Doch Liandro gab nicht auf, kämpfte sich aus diesem Tief heraus.

Heute sagt er, er hätte sich die letzten zwei Jahre im Vorfeld leichter vorgestellt. "Meine Mutter hat mich 10 000 Mal gefragt, ob ich weiß, was auf mich zukommt. Ich habe immer ,Ja, ja' gesagt. Heute weiß ich, dass ihre Fragen berechtigt waren." Die größte Herausforderung sei gewesen, "die ganze Geduld, die ganze Kraft herzubringen, wenn man eigentlich die ganze Kraft schon ausgeschöpft hat. Weil das so ein langer Prozess ist, bis man angekommen ist."

Liandro im Sommer 2015 mit einem Kommunionbild. Im Kleid wollte er nicht hingehen. Es wurde ein weißer Anzug. (Bild: Sonja Kaute)

"Mir geht es wieder gut", fasst Liandro im November 2017 zusammen. Er ist angekommen in seinem Leben als Mann: "Wer mich nicht kennt, nimmt mich ganz normal als Mann wahr. Wer mich kennt, reagiert meistens mit Respekt", sagt er. Und es gab auch gute Momente auf dem Weg, zum Beispiel, als er im Mai vergangenen Jahres zum ersten Mal wieder schwimmen gegangen ist. "Es war ein Lichtblick. Anfangs war ich ziemlich eingeschüchtert, habe mich total beobachtet gefühlt. Aber das war vermutlich reine Kopfsache. Es war eine Erlösung, sich so frei zu bewegen." Sein Facebook-Eintrag dazu: "Es gibt keinen Grund, sich zu verstecken, niemals. Ich bin schön, ich bin ein Mann, ich bin jemand." Im Juli 2016 veröffentlichte er ein Foto vom Badesee: "Es ist ein wahnsinnig gutes Gefühl, sich so endlos frei zu bewegen und zu zeigen. Immer wieder muss ich in mich rein schmunzeln, weil es mir persönlich ein verdammt gutes Gefühl gibt, mich so zeigen zu können."

Symbol für Freiheit

Liandro 2015

"Ich bin nicht krank, nur weil ich transsexuell bin" lautet der Titel unseres ersten Beitrags über Liandro Liam Lang aus dem Sommer 2015. Darin finden Sie auch viele Hintergründe zum Thema Transsexualität. Zum Beitrag geht's hier entlang.Wenn sich Liandro zeigt, wird seine Lebensgeschichte sichtbar: Viele Tattoos zieren seinen Körper, in den vergangenen zwei Jahren sind weitere hinzugekommen. Eine Uhr mit Rasierklingen ("das steht für die schwerste Zeit"), der Songtext von "Geboren, um zu Leben" von Unheilig, ein Stück Himmel mit Vögeln als Symbol für Freiheit. Was ihn auf seinem Weg am meisten mit Glück erfüllt hat: "Wenn man von Freunden oder von Fremden, die zu Freunden werden, so angenommen wird, wie man ist. Ohne Vorurteile, ohne überhaupt sich auf das ganze Thema beziehen und sich erklären zu müssen. ,Du bist für mich Mann, du warst schon immer Mann für mich und du bleibst auch für mich immer Mann' - das war das Beste." Die Transsexualität spielt in Liandros Leben heute allerdings eine noch größere Rolle als vor gut zwei Jahren, sagt er. "Aber ich lege den Fokus von mir weg auf andere, um helfen zu können. Andere stehen jetzt im Vordergrund." Über Facebook und das Foto-Netzwerk Instagram hat er von Neudorf (Luhe-Wildenau) aus Kontakt zu Transsexuellen aus ganz Deutschland. Mit seiner Erfahrung kann er helfen, viele der Fragen zu beantworten, die er selbst auch hatte. "Ich bin froh, dass ich das Ganze gepackt hab und freu mich umso mehr, von anderen den Weg zu verfolgen und zu sehen, wie sie genauso an das Ziel kommen. Jeder einzelne kann Stolz auf sich sein, kann mit einem breiten Grinsen und meinetwegen mit einer abstehenden Hose auf die Straße gehen und zeigen - ich habs geschafft", schreibt er bei Facebook. Respekt hat er auch vor denen, die ihm und anderen geholfen haben: "Ich ziehe vor jedem den Hut, der diesen Weg mit einem Betroffenen bestreitet. Es erfordert Geduld, Hingabe und unendlich Kraft auch für euch."

"Für mich ist der Prozess jetzt abgeschlossen", sagt der 22-Jährige. "Aber die Transsexualität gehört zu mir, ich stehe dazu. Auch wenn ich ein Mann bin, werde ich immer auch ein Transgender bleiben."

Transsexualität

Transsexualität bezeichnet Menschen, die mit einer körperlichen Abweichung zu ihrem Geschlecht geboren wurden. Transsexualität gilt als angeboren. Eine "Heilung" durch Psychiatrie ist nicht möglich. Wenn psychische Erkrankungen wie Depressionen vorliegen, hängen diese meist mit inneren Spannungen aufgrund der Transsexualität zusammen als dass sie ursächlich für Transsexualität wären. Entsprechend verringert sich der Leidensdruck, wenn geschlechtsangleichende Operationen durchgeführt werden.

Nach der Klassifizierung der Weltgesundheitsorganisation (WHO) zählt Transsexualismus als Geschlechtsidentitätsstörung zu den Persönlichkeits- und Verhaltensstörungen. 2018 soll diese diskriminierende Einordnung gestrichen werden. Stattdessen soll "geschlechtliche Nichtübereinstimmung" als wertfreier Zustand enthalten sein, der medizinisch von Belang ist.

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