Coltrane lebt!
Die spirituelle Kraft der Musik - Hans-Günter Brodmann erweckt „A Love Supreme“ zu neuem Leben

„Coltrane lives!“: Martin Kasper (Klavier) Johannes Göller (Kontrabass) Chris Kunz (Tenorsaxofon) und Hans-Günter Brodmann (Schlagzeug) erweckten beim Jazz-Zirkel-Weiden John Coltranes legendäres Quartett zu neuem Leben.
Kultur
Mantel
11.02.2018
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Hans-Günter Brodmann (*1955) erfüllte sich mit seinem „Coltrane Projekt“ einen lang gehegten Wunsch. Für ihn ist die Suite „A Love Supreme“ energetische Musik in höchster Ausprägung.
Weiden - John Coltrane (1926-1967) gehört zu den Säulenheiligen im modernen Jazz. Für Generationen von Saxofonisten war er Vorbild und er wurde tausendfach kopiert. Sein Album „A Love Supreme“ wird zu den Meilensteinen im Jazz gezählt und gilt als Höhepunkt in seiner Karriere.
Es wurde 1964 für das renommierte Plattenlabel „Impulse“ eingespielt und von Coltrane selbst nur einmal live beim Festival in Antibes 1965 präsentiert. „Dieses Album ist mein Geschenk an Gott, eine demütige Gabe an ihn“, so äußerte sich Coltrane selbst zu diesem epochalen Werk mit tief spirituellen Zügen.

Hans-Günter Brodmann, Professor für Jazz-Drums an der Nürnberger Musikhochschule, erfüllt sich mit seinem „Coltrane Projekt“ einen lang gehegten Wunsch. Im Bistrot Paris erweckt er mit seinem speziell für dieses Projekt zusammengestellten Quartett Coltranes Meisterwerk zum neuem Leben.

„Mondsichel“ und „Höchste Liebe“

Im ersten Teil des Abends aber steht Coltranes Album „Crescent“ auf dem Programm. Hier handelt es sich um fünf Kompositionen, die Coltrane ein halbes Jahr vorher eingespielt hatte, Titel, die in ihrer Schönheit und Dramaturgie vom ersten bis zum letzten Ton faszinieren. Dabei behält Brodman die Reihenfolge des Original Albums bei und spielt sie als zusammenhängende Suite im Wechselspiel von unter die Haut gehenden Balladen und expressiven Ausbrüchen.

Im zweiten Teil folgt die Suite „A Love Supreme“ mit ihren vier Sätzen, und auch hier wird das Prinzip Spannung und Auflösung deutlich: schwebende Klänge auf den Becken, ein mantraartig repetiertes Bass- Motiv und aufwühlende Saxofon-Phrasen. Natürlich wird Coltranes Musik nicht im Sinne einer „klassischen“ Interpretation Ton für Ton nachgespielt, die Themen werden fortgeführt und weiterentwickelt, Stimmungen und individuelle Auffassungen der einzelnen Musiker fließen ein, aber Botschaft und Geist des Originals bleiben erhalten.

Quartett aus einem Guss

Mit 24 Jahren ist Chris Kunz bereits ein Meister auf dem Tenorsaxofon. Sein Selmer (Baujahr 1933) überzeugt durch einen warmen, ausdrucksstarken Ton, er beherrscht alle Instrumental-Techniken Coltranes mit traumwandlerischer Sicherheit und versteht es, auch eigene Ideen einzubauen. So überrascht er mit einer Solopassage mit Obertönen, wie sie Albert Mangelsdorff einst für die Posaune salonfähig gemacht hat, oder auch mit Überblas-Effekten die erst in Coltranes späteren Alben oder im Free-Jazz auftauchen. Sein Instrument jubiliert, predigt und schreit und macht deutlich, dass Coltranes Musik vom Spiritual und von den Predigern in den schwarzen Kirchen der USA herkommt. Ähnlich wie der Tonfall in den Reden von Dr. Martin Luther King, erzeugen die Klänge auf dem Saxofon Stimmungen, die unter die Haut gehen und im Innersten aufwühlen. Dazu kommen perlende Piano-Figuren und Einwürfe von Martin Kasper, mal extrem leise mit viel Raum zwischen den Tönen, dann wieder kaskadenhafte Tonfolgen mit donnernder Lautstärke. Johannes Göller spielt einen wunderbaren Kontrabass, mal sparsam mit wenigen Tönen und weit angelegten Solopassagen, dann wieder mit rauen, eruptiven Ausbrüchen, die gelegentlich an Charles Mingus erinnern.

Eine dominante Stellung hat dabei das Schlagzeug. In Coltranes Originalquartett hatte Elvin Jones einen immensen Anteil am Gruppenklang, und Hans-Günter Brodmann steht voll in dieser Tradition. Er untermalt, kontrastiert, treibt vorwärts und hält das Quartett zusammen. Ob leise Becken oder pulsierende Paukenschläge, hier zeigt sich ein Meister am Werk. Er setzt die oft einfachen Melodielinien ins rechte Licht, und lässt auch die oft modal gespielten Passagen spannend und klingen. Im Titel „The Drum Thing“ hat er ausgiebig Gelegenheit, alle Nuancen seines feinsinnigen Spiels auszuloten, Schlagzeug ohne Show-Allüren und auf höchstem musikalischen Niveau.

Das Publikum ist begeistert und lässt die Musiker nicht so einfach von der Bühne. Als Zugabe gibt es noch einen Ohrwurm aus Coltranes früher Phase: „Naima“, eine einfühlsame Ballade, hatte Coltrane bereits 1959 seiner Ehefrau gewidmet und er spielte sie auch in späteren Jahren immer wieder bei Konzerten. Ein krönender Abschluss für einen Abend mit Musik, die unter die Haut geht!


Louis Reitz
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