30.08.2014 - 00:00 Uhr
MantelOberpfalz

Als die Weidener Straße noch Sauschneider, Musikanten, Gaukler und Händler nach Mantel brachte Schlagader voller Schlaglöcher

Der Verkehr in der heutigen Weidener Straße ist eigentlich nichts Besonderes. Um 1900 war das noch anders. Da wartete jeder darauf, dass der Winter endlich vorbeiging und auf der Landstraße wieder was los war. Lorenz Stengel hat 1976 seine Erinnerungen an jene Zeit aufgeschrieben.

von Eva SeifriedProfil

Stengel beschreibt die Landstraße so: "Im Winter war die holprige Straße mit einer tiefen Schneedecke eingeebnet. Der Verkehr ruhte. Nur die Schulkinder bahnten sich einen Steig zur Schule, und einige alte Mütterlein wateten durch den Schnee zum Gottesdienst. Die anderen Leute blieben in der warmen Stube zu Hause."

Die Männer knüpften Strohbänder für die kommende Getreideernte, die Frauen saßen am Spinnrad, strickten Socken oder flickten Arbeitskleidung. Jeden Tag in der Früh fuhr die Kutsche nach Weiden, um die Post abzuholen. Der Postillion saß eingemummt in seiner schmucken Uniform auf dem Kutschbock. Ab und zu blies er auf seinem Posthorn ein Morgenlied: "Morgenglanz der Ewigkeit, Licht vom unerschöpften Lichte". Mittags kam er gegen 11 Uhr wieder zurück. Manchmal fuhr auch ein Passagier mit. Diesen Luxus konnten sich aber nur reiche Leute leisten. Eine einfache Fahrt kostete 70 Pfennige, damals viel Geld.

Oft kamen Langholzfuhrwerke aus Weiden, um in den umliegenden Staatswäldern Holz abzufahren. In der Früh um 8 Uhr fuhren sie durch Mantel. Die Pferde hatten lautes Schlittengeläut an den Geschirren. Die Fuhrknechte hockten dick eingepackt auf den Wagen, an ihren Schnurrbärten hingen kleine Eiszapfen. Zwischen 11 Uhr und 12 Uhr kamen die Wagen wieder voll beladen aus dem Wald zurück. Die Arbeiter machten im Gasthaus "Zur Post" Mittag. Vier bis fünf Festmeter war die Tagesleistung eines Gespannes.

Bärentreiber und Bettler

Mehr spielte sich im Winter auf der Landstraße nicht ab. Wenn dann im März der Föhnwind den Schnee zum Schmelzen brachte, kam wieder Leben auf. Zuerst gab es noch große Wasserpfützen, die der Märzwind später trocken pfiff. Dann wirbelte der Märzstaub auf. Da sagten die Bauern: "Märzenstaub bringt Gras und Laub". Jetzt fuhren wieder die Pferde-, Ochsen- und Kuhgespanne. Hü und Hott war mit lautem Peitschengeknalle auf der holperigen Kieselsteinstraße zu hören.

Nicht lange dauerte es, dann kamen die ersten Zigeunerwohnwagen auf zwei Rädern angekarrt. Der Mann war in der Gabeldeichsel eingespannt und zog den Wagen an einem Gurt über der Achsel. "Und das immer keifende und schimpfende Weib schob hinten an. Ein halbes Dutzend dürftig gekleidete Kinder trabte hinterdrein, von Haus zu Haus bettelnd", schrieb Stengel.

Tags drauf entpuppten sich die Zigeuner als Scherenschleifer, Kesselflicker und Regenschirmmacher. Eines Tages kam ein Bärentreiber aus der Bukowina. Während der Mann sein Tamburin schlug, musste der Bär seinen Tanz aufführen. Die Frau sammelte die wenigen Groschen der Schaulustigen ein.

Dann kam der "Schnelllaufferer", ein kleines Männchen, das an seinem Anzug alle Sorten von Glöckchen angenäht hatte, dass es nur so schepperte, wenn er lief. Auch er sammelte Pfennige und Zweier ein. Eine weitere Attraktion war der "Kraxenmann" aus Siebenbürgen mit seinem Kauderwelsch. "Was hatte der nicht alles dabei: Suppenzwirler, Mäusefallen, auch für Ratzen." "Modder, heite kaufen, alles billig", war sein Slogan.

Kaufladen statt Kaufhaus

Bekannt in Mantel war auch der "Hansgirgl" mit dem hölzernen Kaufladen auf dem Rücken. Den stellte er in den Küchen auf den Tisch, dann wurde ausgesucht: Für den Vater ein Schnappmesser, eine Tabakdose, Kragenknöpferln. Für die Mutter Zwirn, Nadeln, Schürzenbänder und für die Kinder Läusekampl und Schnuller. Für die Großmutter hatte der Girgl ein Augenglas dabei. Damals hat jedes gepasst, ohne ärztliche Untersuchung.

Von Zeit zu Zeit kamen die Bettelmusikanten, fünf oder sechs Männer aus "Lautra" (Kaiserslautern). Sie spielten in jeder Straßenzeile ein Ständchen. Zuerst ein Volkslied: "Den liebsten Platz, den ich auf Erden habe" und dann noch einen Ländler. Dann wurde mit dem Hut gesammelt.

Abwechselnd kamen zwei Orgelmänner über die Landstraße. Das waren Kriegsinvaliden von 1870/71. Damals bekamen die Kriegsgeschädigten keine Rente. Sie bekamen eine Drehorgel und einen Gewerbeschein, damit sie sich ihren Lebensunterhalt erspielen konnten. Stengel schreibt: "Vor diesen Männern hatten wir Kinder einen Riesenrespekt. Beide hatten große Schrammen im Gesicht (Kriegeverletzungen), und am Rock baumelten Orden und Ehrenzeichen herab. Denen legten die Leute auch Fünf- und Zehnpfennigstücke in den Hut."

Ein paarmal im Jahr kamen die "Sauschieber" aus der Gegend von Neustadt am Kulm. Die hatten auf dem Schubkarren 20 bis 30 Ferkel, da kauften die Bauern ihren Bedarf. Später kam noch der Seitz-Hansgirgl aus Weiden, der trieb 40 bis 50 Läuferschweine vor sich her. Die waren 20 bis 50 Kilo schwer. Das waren die rotbündigen deutschen Landschweine, auch "Polacken" genannt.

"Kian" aus Dießfurt

Die wurden von den Bürgern für die zukünftige Hausschlachtung im Winter gekauft und großgefüttert. Öfters kam auch ein Schaftreiber mit 200 Schafen durch. Ein anderer Mann fragte lauthals: "Kaafts koi Kian?" (Kuhketten). Der war aus Dießfurt und hatten auf dem Schubkarren zwei Zentner Viehketten aufgeladen.

Im Frühjahr und im Herbst kamen die Grünhütler aus dem Salzburger Oberland. Ihr Beruf war das Kastrieren von Ferkeln und Stierkälbern, ihr Spitzname daher "Sauschneider". Am 1. Mai traten Kuh- und Gänsehirten in Aktion. Etwa 100 Rinder aller Größen wurden im Markt zusammen- und dann auf die Gemeindeweide getrieben.

Wenn es im Sommer trocken war, kamen Männer und Frauen aus Dießfurt, Pechhof und Hammerles und sammelten das in den Manteler Wäldern reichlich wachsende "Lungenmoos". Das diente zur Arzneimittelherstellung. In der Erntezeit ging es hoch her auf der Landstraße. Da wollte jeder Bauer die größte Fuhre Heu oder Getreide haben. In Mantel fuhren damals drei Herren auf dem Hochrad. Das waren der Mechanikermeister Janner, der Uhrmachermeister Gräf und der Schreinermeister Wendler.

Eines Tages lehnte am Gasthaus "Zur Post" ein "Veloziped", was man heute wohl Fahrrad nennen würde. 40 bis 50 Kinder bestaunten es. Lorenz Stengel, der Wirts-Wilhelm und der Forster-Karl durften den Besitzer anschieben bis hoch zum Kellerhaus und bekamen jeder ein Zehnerl. "Was machen wir mit dem Haufen Geld?", fragten sich die Buben. Sie gingen zum Kaufmann Bäumler, da gab es Zuban-Zigaretten, 15 Stück und eine Spitze für zehn Pfennig. Stengel: "Da hat die ganze Schule mitgeraucht an der Waschbank hinter dem Kirchenrangen."

"Erinnerungsgedanken" nennt der Verfasser seinen Text. Schon beim Schreiben bedauerte er: "Pferde- Ochsen- und Kuhgespanne sind verschwunden mit all den lieben fremden Durchgängern, und auf der staubfreien Teerstraße braust nun der Verkehr." Sogar im öden Winter, der bald wieder einkehren wird.

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