Eltern lassen Kinder aus Angst vor zu hoher Radonbelastung der Schule zu Hause - Sanierung nötig
Gesundheit wichtiger als Unterricht

Lokales
Mehlmeisel
04.05.2013
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Freitag, 8 Uhr morgens, am Schulhaus in Mehlmeisel: Normalerweise sind die Kinder um diese Zeit dabei, ihre Hefte auszupacken oder ein Morgenlied zu singen, so wie es in den Schulen in Fichtelberg und Mehlmeisel üblich ist.

Heute aber ist alles anders: Eltern von Mehlmeiseler Schülern, die in Fichtelberg zur Schule gehen, schicken ihre Kinder demonstrativ nicht dorthin. Die Jungs und Mädchen steigen nicht in den Schulbus, bleiben in Mehlmeisel, werden von Eltern betreut. Mütter und Väter wollen ein Zeichen setzen, "endlich einmal Nägel mit Köpfen, unseren Herzen Luft machen" wie ein aufgebrachter Vater betont - weil im Fichtelberger Schulhaus die Radonbelastung zu hoch ist.

Bis zu 1000 Becquerel

Die Eltern haben Angst, um die Gesundheit ihrer Söhne und Töchter. Wie sie auf eine Anfrage hin erfahren haben, haben laut dem Leiter des Gesundheitsamts im Landratsamt in Bayreuth, Klaus von Stetten, erste Messungen Spitzenwerte von bis zu 1000 Becquerel ergeben. Aber er hatte geraten, "den Ball flach zu halten", obwohl es von der EU ab 400 Becquerel eine Empfehlung für Sanierungsmaßnahmen gibt (Radon in hoher Konzentration wird mit für die Entstehung von Lungenkrebs verantwortlich gemacht).
"Dieser Rat ist ein totaler Widerspruch zur Realität. Wie kann das sein." Die Eltern, die nun vor dem Schulhaus in Mehlmeisel stehen, diskutieren, geben Interviews, sind empört, entsetzt und weisen auch entschieden im Raum stehende Ansinnen zurück, dass hier ein Politikum mit im Spiel sei. "Es geht uns nur um die Gesundheit unserer Kinder, und uns ist es egal, ob sie in Fichtelberg oder Mehlmeisel zur Schule gehen", bringen Christine Nolte und Johannes Schinner die Meinung der Eltern auf den Punkt. Streitereien um den künftigen Schulstandort (wir berichteten mehrfach) dürften niemals auf dem Rücken der Kinder ausgetragen werden. Da sind sich alle Eltern einig. "Wir wollen nur eine gesunde Schule", betont Mitinitiatorin Silke Freche.

Vier Jahre lang seien die Kinder jeden Tag stundenlang dieser Gefährdung ausgesetzt. Und Kinder reagierten wohl noch viel sensibler auf die belastenden Werte als ein Erwachsener, sagt Johannes Schinner.

Zur Aktion war auch die Schulärztin Dorothee Ganser geladen. Die Werte im Gutachten seien so hoch, dass saniert werden müsse, sagt sie. Erste Sofortmaßnahmen - die Kellertüren dicht machen oder austauschen - wurden bereits ergriffen, die abgesicherten Kellerfenster sind ständig offen, bis nach den Pfingstferien wird eine weitere Sanierung abgeschlossen sein.
Ganser will nicht verharmlosen, warnt aber vor Hysterie. Ob sie selbst Kinder habe, wird sie gefragt. "Ja, vier", und die würde sie ohne Bedenken in Fichtelberg in die Schule schicken. "Und wissen Sie, ob das hiesige Schulhaus (ein von Fichtelberg gefordertes Asbestgutachten war negativ), nicht auch radonbelastet ist?", fragt sie in den Raum, was aber aufgrund seiner Bauweise und des Baujahrs kaum der Fall sein dürfte.

Eine Kurzzeitmessung würde schon mehr oder weniger Klarheit bringen. Was wäre wenn? "Dann gehen unsere Kinder nach Ebnath in die Schule", heißt es ganz lakonisch. Das Fichtelgebirge sei nun mal mit hohen Werten belastet, betont Dorothee Ganser. Und vielleicht sollte man auch einmal bedenken, wo die Kinder sich zu Hause aufhalten. Vielleicht sei hier die Belastung manchmal sogar noch größer.

Bürgermeister Günter Pöllmann und fast der gesamte Gemeinderat hat mit seiner Anwesenheit signalisiert, "dass wir die Ängste der Eltern" verstehen. Auch Eltern aus Fichtelberg, deren Kinder vor Ort zur Schule gehen, kommen dazu. Einigen von ihnen gefällt die Art und Weise nicht, wie die Initiatoren zu dieser Aktion aufgerufen haben: Nämlich den Kindern vor der Schule einen entsprechenden Brief mitzugeben.

"Politische Aktion"

Bürgermeister José-Ricardo Castro-Riemenschneider, der einen schon seit Wochen geplanten und nicht aufschiebbaren Termin hatte, sagte auf Anfrage des "Neuen Tags", dass er diesen Protest als politische Aktion empfinde. Er bedauere, dass dies alles auf dem Rücken der Kinder ausgetragen werde und Ängste geschürt würden. Es gehöre sich nicht, den Schülern solch einen Brief in die Hand zu drücken. Bezüglich der Radonwerte sei für ihn die Aussage der Fachleute maßgeblich

Rektor Jürgen Grießhammer, Schulleiter der Schule Fichtelberg/Mehlmeisel, ist enttäuscht, dass er vom Gesundheitsamt nicht angerufen wurde. Zweiter Bürgermeister Rudolf Elvers hat ihn informiert, weiteres habe er aus Zeitungsberichten erfahren. Die Ängste der Eltern seien für ihn gut nachvollziehbar: "Auch wir Lehrer machen uns Sorgen."
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