21.02.2018 - 21:26 Uhr

Kinderhilfe Afghanistan Erös kritisiert "massenhaften Zwangsexodus"

Mintraching/Kabul. (we/epd) Deutschland hat erneut Afghanen ohne Aufenthaltsrecht in ihr Heimatland abgeschoben. Ein gechartertes Flugzeug mit insgesamt 14 abgelehnten Asylbewerbern an Bord startete am Dienstagabend vom Flughafen München nach Kabul, wie das bayerische Innenministerium mitteilte. Den Angaben zufolge waren unter den Abgeschobenen sechs Straftäter und drei Männer, die ihre Mitwirkung bei der Feststellung ihrer Identität verweigerten. Außerdem sei ein als Gefährder eingestufter Afghane an Bord gewesen. Der Bayerische Flüchtlingsrat und der Verein "Matteo - Kirche und Asyl" kritisierten die Abschiebung scharf.

"Gegen Abschiebungen zu protestieren ist eine Sache. Sich um die Abgeschoben dann in ihrer Heimat zu kümmern, halte ich für mindestens genauso wichtig." Zitat: Dr. Reinhard Erös
von Frank Werner Kontakt Profil

Nach Angaben des bayerischen Innenministeriums mussten die Männer Deutschland verlassen, nachdem das Bundesamt für Migration und Flüchtlinge ihren Asylantrag rechtskräftig abgelehnt habe. Von den Abgeschobenen hielten sich zehn zuletzt in Bayern auf. "Mit jeder konsequenten Abschiebung setzt der Rechtsstaat ein Zeichen", erklärte der bayerische Innenminister Joachim Herrmann (CSU).

Nach Auskunft von Dr. Reinhard Erös, Leiter der Kinderhilfe Afghanistan, haben in den vergangenen 14 Monaten von den rund 220 000 afghanischen Flüchtlingen knapp 200 Deutschland gegen ihren Willen verlassen. Mehr als 4000 seien seit 2016 freiwillig aus Deutschland und den Nachbarländern an den Hindukusch zurückgekehrt.

Im selben Zeitraum hat Afghanistans Nachbar Pakistan laut Erös "mit brutalen Zwangsmaßnahmen mehrere 100 000 Afghanen auf Lastwagen gepfercht und über den Khyberpass in ihr Heimatland abgeschoben. Bis Ende 2019 sollen dann alle der rund vier Millionen afghanischen Flüchtlinge, die zum Großteil seit Jahrzehnten in Pakistan leben, aus dem Land vertrieben werden, darunter Kinder, die noch nie das Heimatland ihrer Eltern kennengelernt haben".

Unter den Abgeschobenen befinden sich nach Angaben von Erös auch Tausende von Schwangeren, Körperbehinderten und Greisen: "Von Protestaktionen bei der pakistanischen Botschaft in Berlin gegen diesen massenhaften Zwangsexodus ist bei unseren Flüchtlingshelfergruppen, Parteien oder gar Politikern bislang nichts zu vernehmen."

Zur ärztlichen Versorgung der Abgeschobenen hat die Kinderhilfe Afghanistan schon vor Monaten an den Grenzstationen in Pakistan zwei Mutter-Kind-Kliniken errichtet. In diesen Einrichtungen werden Schwangere betreut, Geburten ärztlich überwacht, Mütter und Neugeborene einige Tage stationär aufgenommen, Kranke untersucht und zumindest soweit behandelt, dass sie den weiteren beschwerlichen Weg nach Afghanistan überstehen können.

Ein Großteil der unfreiwilligen Rückkehrer landet in den Slums der Hauptstadt Kabul. Am Westrand der Stadt, dem Armenviertel Dewandegi, bietet die Kinderhilfe seit Jahresbeginn vor allem den Müttern der Rückkehrer-Familien in einer Klinik fachärztliche Versorgung durch eine Gynäkologin und zwei Hebammen. Erös: "Die Patientenzahlen haben sich seither von Woche zu Woche verdoppelt, so dass wir zu Jahresmitte die Klinik personell wohl erweitern müssen."

Gegen Abschiebungen zu protestieren ist eine Sache. Sich um die Abgeschoben dann in ihrer Heimat zu kümmern, halte ich für mindestens genauso wichtig.Dr. Reinhard Erös

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