Annika Scharnagl absolviert Freiwilligendienst
Am Heiligen Abend in Bethlehem

Um die Religionen kennenzulernen suchte Annika unter anderem den Felsendom und den Tempelberg auf.
Vermischtes
Mitterteich
23.12.2016
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Heimische Traditionen wie der St. Martins-Laternenzug und die selbst gebackenen Martinshörnchen machten Annika das Eingewöhnen in Jerusalem leichter.
 
Auch die Pausenaufsicht für die Erstklässler gehört zu Annikas Aufgaben, die sie alle mit viel Begeisterung erfüllt. Bilder: privat (3)

Annika Scharnagl dürfte im gesamten Landkreis die einzige sein, die Weihnachten direkt am Geburtsort des Jesuskindes verweilt. Die 19-Jährige feiert das schönste Fest des Jahres in Jerusalem und wandert nach Bethlehem.

Jerusalem/Mitterteich. Als Annika Scharnagl Mitterteich verließ, war es Hochsommer. Dabei hatte die Abiturientin ein ganz besonderes Ziel vor Augen: Annika hatte sich entschieden, den Freiwilligendienst in Jerusalem zu absolvieren. Damit begann ein Abenteuer, das man der zierlichen Mitterteicherin zuerst beinahe nicht zutrauen wollte.

Nur drei Monate später kann Annika bereits mit den Händlern in Jerusalem Arabisch sprechen, singt im "Olive Branches Choir", im Chor von Betlehem mit und hört jeden Tag arabische Musik. "Ich kann es mir heute schon nicht mehr vorstellen, nicht jeden Tag diese Musik zu hören und einmal die Woche Falafel zu essen", erzählt die "Auswanderin auf Zeit". Annika berichtet per E-Mail begeistert von ihren ersten Eindrücken in einem Land, in dem Gastfreundschaft groß geschrieben wird.

Dabei hat sie sich einer großen Herausforderung gestellt: Die 19-Jährige arbeitet in der Schmidt-Schule auf dem Gelände des "Deutschen Vereins vom Heiligen Lande" in Ost-Jerusalem. Dort bringt sie als Volontärin Erstklässlerinnen Deutsch und Englisch bei. Wie aus Annikas Erzählungen zu entnehmen ist, meistert die 19-Jährige ihr neues, spannendes Leben mit offenherziger Begeisterung für das Exotische und dem Wissen, davon später nur profitieren zu können. "In höheren Klassen mache ich mit einzelnen Schülern Übungen zur Phonetik und agiere bilingualen Science-Unterricht als lebendiges Lexikon, da der Lehrer nur Arabisch und Englisch spricht. Ich bin dann für die richtige Übersetzung ins Deutsche zuständig", schreibt sie, und ihre Freude ist geradezu herauslesbar.

Viel Herzlichkeit

Annika ist aber auch Büroangestellte, kontrolliert die Absenzen, betreut die Teeküche bis hin zu Krankenschwestertätigkeiten für die Schüler. Was sie fasziniert: Sie erlebt eine lockere Atmosphäre mit viel Herzlichkeit. Ihre Freistunden würden immer wieder von den arabischen Lehrern versüßt mit kleinen Essensfeiern. Oder man treffe sich einfach zu Salat- und Humus-Parties in der Küche hinter dem Büro. "Natürlich gibt es außer den schulischen Tätigkeiten vieles zu tun", hat Annika weiteres zu berichten aus dem Leben im exotischen Orient.

Zweimal wöchentlich besucht sie einen Arabischkurs, so dass sie sich schon mit den Händlern auf dem Wochenmarkt verständigen kann. Kaum angekommen nahm sie ein deutscher Lehrer gemeinsam mit ihrer Mitvolontärin Ada zur Chorprobe mit. Annika wird im "Olive Branches Choir" das Weihnachtsoratorium an ausgesprochen exponierten Plätzen in Jerusalem und Bethlehem als Sängerin begleiten.

Die Mitterteicherin lebt nicht nur in einem außergewöhnlichen Land. Sie wohnt an einem der berühmtesten Plätze Jerusalems: In unmittelbarer Nähe zum Damaskustor direkt am Eingang zur Altstadt herrscht, wie sie sagt, geschäftiges Treiben. Nur eine Straßenbahnstation weiter ist die Jaffa-Street mit dem modernen Stadtzentrum Jerusalems, wo es wie in europäischen Städten Geschäfte, Restaurants und Abendunterhaltung gibt. Rasch lernte die 19-Jährige beim täglichen Umgang mit den Arabern die dortige Kultur kennen bis hin zum ersten Schreiben der hebräischen und arabischen Schriften.

Laubhüttenfest

"Das hat nicht lange gedauert", beteuert sie. "Besonders interessant war es, neben dem Christentum die beiden anderen Religionen zu erforschen, so Annika, die deshalb die Synagoge an Rosh ha Shana, dem jüdischen Neujahrsfest, besuchte und während des Laubhüttenfests in der Sukka gesessen und im Felsendom war. Die reiselustige junge Dame ist aber längst noch nicht zufriedengestellt. Ihr Wissensdurst führte sie nach Ramallah, Jericho und Bethlehem. Sie bereiste Tel Aviv, Jaffa, Akko und Haifa. "Das besondere sind die persönlichen Erfahrungen. Noch dazu, da ich im kulturellen Brennpunkt Jerusalems lebe", schwärmt Annika und appelliert an die Daheimgebliebenen, auch ein solches Volontariat zu wagen.

Wenn auch ihre Anwesenheit in Jerusalem wie ein einziger Höhepunkt klingt, folgt bereits das nächste Highlight. Zu Weihnachten jetzt vermisst Annika zwar die Bräuche der Heimat. Aber sie konnte auf dem Weihnachtsmarkt bei der Erlöserkirche einen Adventskranz kaufen und hat Plätzchen gebacken. "Und ein Adventskalender ist auch rechtzeitig gekommen", freut sie sich über die weihnachtlichen Grüße aus Mitterteich. Dabei ist sie um ihr nächstes Erlebnis wirklich zu beneiden: Während ihre Eltern am 24. Dezember in Mitterteich in die Christmette gehen, ist Tochter Annika zum berühmtesten Ort des Christentums unterwegs.

So Gott will

Sie wandert gemeinsam mit ihren Kollegen nach Bethlehem. "Dabei geht man um Mitternacht in Jerusalem los und läuft die gesamte Strecke bis zur Geburtskirche, um am nächsten Morgen gewiss todmüde ins Bett zu fallen", erzählt sie. Was für ein Abenteuer - das Annika allerdings mit Humor und dem arabischen Ausdruck "inschallah" kommentiert. Das, erklärt sie, heiße so viel wie "So Gott will, mal sehen, irgendwann mal..." und bedeute, man müsse in dieser fremden Kultur in Jerusalem jede Minute damit rechnen, dass alles anders komme, als man denkt. Auch eine Erfahrung, um die Annika reicher geworden ist: Es gibt noch Länder, in denen nicht alles wie bei uns im Westen bis aufs I-Tüpfelchen perfekt terminiert sein muss.

FreiwilligenarbeitAnnika Scharnagl ist 19 Jahre jung, hat ihr Abitur in diesem Sommer am Stiftland-Gymnasium in Tirschenreuth absolviert und kommt aus der Stadt Mitterteich. Seit mehr als drei Monaten lebt und arbeitet sie als Volontärin der Schmidt-Schule der Organisation "Deutscher Verein vom Heiligen Lande" in Jerusalem. Dieser Verein entsendet jedes Jahr 20 Volontäre nach Israel/Palästina.

An dieser deutsch geführten Auslandsschule können palästinische Mädchen unter anderem das deutsche Abitur machen. Annika Scharnagl hat sich für dieses Jahr entschlossen, weil ihr die Idee der Freiwilligenarbeit sehr imponiert. Ihr Interesse für dieses Land wurde dann speziell durch eine Reise ihrer Eltern nach Israel geweckt. Annika bleibt noch bis August 2017 in Jerusalem. (ubb)


Ich kann es mir heute schon nicht mehr vorstellen, nicht jeden Tag diese Musik zu hören.Annika Scharnagl


Besonders interessant war es, neben dem Christentum die beiden anderen Religionen zu erforschen.Annika Scharnagl
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