15.06.2017 - 20:00 Uhr
MitterteichOberpfalz

Ein ganz normaler Tafel-Tag

60 000 Ehrenamtliche engagieren sich bundesweit regelmäßig bei den Tafeln und helfen so mit, die Versorgung von bedürftigen Menschen mit Lebensmitteln zu sichern. Dabei sind viele verschiedene Aufgaben zu bewältigen. Doch wie sehen die genauen Abläufe aus? Was ist alles zu beachten? Die Mitterteicher Tafel gewährt Einblicke.

Sobald die Lieferwagen eintreffen, haben Resi Kreger und ihre Kollegen alle Hände voll zu tun. Die Lebensmittel müssen vorsortiert und in die Regale geschlichtet werden.
von Werner RoblProfil

Es ist 10 Uhr am Samstagvormittag, ein ganz normaler Tafel-Tag. Vorsitzende Nicole Fürst und ihr Team warten auf das erste von zwei Fahrzeugen, die schon früh am Morgen aufgebrochen waren, um im ganzen Landkreis Lebensmittel abzuholen. Der eintreffene Lieferwagen hat in zahlreichen Filialen Backwaren eingeladen, die am Vortag keinen Käufer gefunden hatten.

Fahrer Roland Glowka steuert den voll beladenen Kleintransporter rückwärts an den Eingang und schon wenige Augenblicke später werden die Boxen und Kartons in einer Gemeinschaftsaktion in den Laden getragen. Dort folgt nach einer ersten Sichtung eine sorgfältige Vorsortierung des jeweiligen Inhalts. Allzu große Eile ist noch nicht geboten, denn die ersten Kunden werden erst in einigen Stunden erwartet, die Tafel öffnet um 14 Uhr. "Viele kommen aber bereits früher", berichtet Nicole Fürst, die inzwischen damit beschäftigt ist, eingetroffenes Obst und Gemüse in die Regale zu schlichten. Auch Ramona Glowka und Doris Schneider haben alle Hände voll zu tun, die Waren zu verstauen. Alles schaut ordentlich aus, das Sortiment ist bunt und verlockend. Weggeworfen wird nur sehr wenig. Und auch nur das, was aufgrund von Vorschriften nicht in den Verkaufsregalen und schon gar nicht auf den Tellern der Bedarfsgemeinschaften landen darf.

Im Gegensatz zu vielen anderen ihrer Mitarbeiter ist Nicole Fürst erst seit einigen Wochen vorne mit dabei - seit sie das Amt ihrer Vorgängerin Hannelore Bienlein-Holl übernommen hat. Mit den Tätigkeiten hatte sie sich aber bereits längere Zeit zuvor vertraut gemacht. "Die Arbeit macht zufrieden. Ich fühle mich dazu auch berufen", sagt Nicole Fürst und lobt auch die Atmosphäre vor Ort. Tatsächlich herrscht ein freundschaftliches Miteinander im Team, dem die Arbeiten fast wie am Fließband zügig von der Hand gehen.

Von Anfang an dabei

Dass die Arbeit bei der Tafel Freude bereitet, bestätigt auch Mila Braun. Von Beginn an ist die Mitterteicherin dabei, zählt quasi zu den Herzstücken der vor zehn Jahren ins Leben gerufenen Einrichtung. "Anderen Menschen Gutes tun, tut selber gut", beschreibt sie ihre Einstellung. Mila Brauns Worten schließen sich auch Resi Kreger und Ute Vollmering an. Dem sei nichts hinzuzufügen, betonen die beiden und wenden sich gleich wieder ihren Aufgaben zu.

Dass man seine Zeit opfern und alles andere während dieser Arbeit zurückstellen müsse, sei doch Ehrensache, meint Silvia Schemm. "Ich könnte ja auch ein Fitnessstudio besuchen", fügt die Pechbrunnerin scherzend hinzu. Den Einsatz bei der Tafel bezeichnet die hauptberufliche Steuerbüro-Fachkraft als einen gesunden und wohltuenden Ausgleich.

Inzwischen ist auch Gottfried Sperrer beim Laden an der Wiesauer Straße eingetroffen. Der Fuchsmühler ist als Schriftführer, Fahrer und Mitorganisator tätig. Auf seinem Tourenplan steht heute unter anderem der Wiesauer Rewe-Markt, wohin er nun mit Annemie Härtl und Hans Kamm startet. Seit vielen Jahren stellt Rewe nicht verkaufte Lebensmittel der Tafel zur Abholung zur Verfügung. Die Übergabe begleitet diesmal Markt-Mitarbeiterin Sabrina Lukas. Nach den Formalitäten wird die mannshoch beladene Gitterpalette auf den Parkplatz geschoben und die Kartons wandern in den Wagen.

In den Räumen der Tafel füllen sich Regale und Warenkörbe mehr und mehr, es duftet nach Semmeln, Brot, Kuchen, Gemüse und Obst. Mila Braun wischt schnell noch den Ladentisch sauber, Monika Hoyer kehrt den Boden rein. Nur noch geringfügig unterscheidet sich der "Tafel-Markt" jetzt von einem gewöhnlichen Discounter. Draußen haben sich bereits die ersten Kunden versammelt, während sich das Personal um Nicole Fürst, ausgestattet mit roten Schürzen, für den Verkauf rüstet.

Zwei Euro pro Einkauf

Währenddessen bereitet Berthold Kreuzer seinen Schreibtisch vor. Seine Aufgabe ist es, jeweils zwei Euro von den Bedarfsgemeinschaften zu kassieren - ein eher symbolischer Betrag, den die Tafel bei jedem Einkauf verlangt. Pünktlich um 14 Uhr werden die Türen geöffnet und die Kunden strömen herein und entrichten den geforderten Obolus. Hektik setzt aber nicht ein. Ein System mit farbigen Berechtigungskärtchen sorgt dafür, dass alles reibungslos abläuft. Höflich werden die Kunden bedient, gerne ist man behilflich. Selbstbedienung sei nicht gestattet, verweist Nicole Fürst auf die Ladenordnung und nicht zuletzt auf amtliche Kontrollen. "Die Mitterteicher Tafel handelt schließlich mit Lebensmitteln. Die Hygienevorschriften werden penibel eingehalten."

Freundlicher Umgangston

Der Umgangston im Laden ist freundlich, immer wieder sind die engagierten Mitarbeiter bestrebt, die herangetragenen Wünsche zu erfüllen. "Neue Ware wird jetzt nicht mehr angeliefert", informiert die Vorsitzende. Mit Blick auf das vielbeschäftigte Personal fügt sie hinzu: "Niemand hätte jetzt Zeit, sich neu eintreffender Lebensmittel anzunehmen." Jede verfügbare Hand ist im Dauereinsatz, Pausen gönnt man sich nicht.

Nach rund zwei Stunden ist alles vorbei, der Laden ist fast leer geräumt. Mit welchem Angebot man am nächsten Tafeltag aufwarten kann, ist offen. "Wir wissen nicht, was in den Märkten unverkauft in den Regalen liegen bleibt " Mit leeren Händen werden die Tafel-Verkäufer aber sicher nicht im Laden stehen. Mit Überproduktion und Überangebot müsse man hierzulande eben leben, bemerkt Nicole Fürst mit Bedauern. "Gut dass es unsere Tafeln gibt. So landet wenigstens nicht alles auf dem Müll." Dass es diese Einrichtungen in einer Wohlstandsgesellschaft überhaupt geben müsse, sei dennoch bedauerlich.

Nach den Aufräumarbeiten gibt es für das Team noch einen wohlverdienten Kaffee. Danach gehen alle nach Hause - geschafft, aber zufrieden. Lob und Anerkennung von anderen erwarte man gar nicht, betont die Vorsitzende. Eine Sache, die ihr besonders am Herzen liegt, stellt sie aber noch klar: "Nicht jeder ist berechtigt, die Tafel zu nutzen." Das Angebot sei nur für jene da, die Anspruch auf bestimmte Sozialleistungen haben. Dies müsse durch amtliche Belege nachgewiesen werden. Für jede Bedarfsgemeinschaft wird eine Karteikarte angelegt, auf der die Abholungen vermerkt werden. Nach deren Ablauf verfällt der Anspruch, dann ist ein neuer Antrag fällig. Nicole Fürst versichert: "Wir überprüfen das selbstverständlich."

Die Arbeit macht zufrieden. Ich fühle mich dazu auch berufen.Tafel-Vorsitzende Nicole Fürst
Anderen Menschen Gutes tun, tut selber gut.Mila Braun

Helfer willkommen

Ehrenamtliche Helfer sind bei der Mitterteicher Tafel jederzeit willkommen. Wer Interesse hat, kann sich unter Telefon 09633/795 92 82 oder auch per E-Mail (tafel. mitterteich[at]online[dot]de) melden.

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