04.01.2018 - 20:00 Uhr
MitterteichOberpfalz

Eine Mitterteicherin in Israel In Bethlehem zwischen Stühlen

Ein Besuch im Heiligen Land ist kein Spaziergang. Eine Mitterteicherin gerät bei ihrem Aufenthalt in Israel und Palästina zwischen die Fronten. Einen Tag vor ihrer Ankunft hat Donald Trump Jerusalem als Hauptstadt Israels anerkannt.

Im Holy Family Children's home "Créche" in Bethlehem sind Findelkinder untergebracht. Leiter Iskander Andon zeigte Beatrix Kempf die Einrichtung.
von Michaela Kraus Kontakt Profil

Zur furchtsamen Sorte gehört Beatrix Kempf nicht. Und so beschloss die Krankenschwester mit Palliativausbildung, alleine und auf eigene Faust für zwei Wochen nach Israel zu fliegen. Die 39-Jährige, die an der Technischen Hochschule Deggendorf nebenberuflich ein Studium der Pflegepädagogik absolviert, wollte die Kontakte zur Uni in Jerusalem nutzen. "Das schau ich mir mal an, am besten noch im Dezember", beschloss die vierfache Mutter, die seit Januar am Klinikum Fichtelgebirge an der Krankenpflegeschule unterrichtet.

"Christen für Christen"

Vorher war Beatrix Kempf bei unterschiedlichen Pflegediensten tätig. Sie hat den Verein "Stiftland-Sternenkinder" gegründet, in dem sie sich mit fünf weiteren Krankenschwestern ehrenamtlich um kranke Kinder kümmert, die keine hohe Lebenserwartung haben. Sie hat selbst einen körperbehinderten 14-jährigen Sohn und legt sich mit großer Tatkraft ins Zeug, um anderen Familien das schwere Los etwas zu erleichtern.

Die Palliativpflege interessiert sie besonders. "Die Israeliten sind da weit in der Forschung, vielleicht kann man sich was abschauen", schildert Kempf ihre Motivation. "Ich wusste nicht viel über Palästina", räumt sie ein. Schon bald merkte sie, dass es bei ihren israelischen Ansprechpartnern nicht besonders gut ankam, dass sie sich auch im Westjordanland umschauen wollte. Doch über den Mitterteicher Pfarrer Anton Witt knüpfte sie Kontakt mit Reinhold Then vom Verein "Christen helfen Christen" und Elias Awad, der den Verein in Bethlehem vertritt. Dort gibt es auch das "Caritas Baby Hospital", das von einem Schweizer Priester gegründet wurde und Patienten jeder Religion hilft.

Wachsende Unruhen

Noch im Flugzeug nach Tel Aviv informierte sich Beatrix Kempf per Internet über die wachsenden Unruhen in Palästina nach dem Alleingang des US-Präsidenten, Jerusalem zur Hauptstadt Israels zu erklären. Die Freundlichkeit bei der Einreise endete, als klar war, dass die Stiftländerin auch nach Palästina will: "Viel Spaß", zischte man ihr zu und pfefferte den Ausweis zurück. Ein Taxi brachte sie nach Bethlehem, wo die Auseinandersetzungen zwischen palästinensischen Demonstranten und israelischen Sicherheitskräften schon greifbar waren. "Bethlehem lebt ja vom Tourismus in der Weihnachtszeit", beschreibt Kempf das sonst weitgehend friedliche Nebeneinander von Christen und Moslems in der Geburtsstadt Christi. Doch 2017 wurden die prächtig beleuchteten Christbäume demonstrativ abgeschaltet.

Tränengas und Steine

Kempf sah Einsätze mit Tränengas und Gummigeschossen, erlebte Steinwürfe und Festnahmen mit. Auf dem Platz neben der Geburtskirche Jesu war sie plötzlich als einzige Frau und Touristin mitten unter Demonstranten mit Schildern wie "Jerusalem ist die Hauptstadt von Palästina". Mit einem Reporter von "Radio Bethlehem" war sie auch in Ramallah unterwegs. Sie bekam mit, wie aufgehetzte junge Leute nach den Freitagsgebeten aus den Moscheen stürmten und sich Auseinandersetzungen mit dem Militär lieferten.

Viel Herzlichkeit

Angefeindet wurde die Deutsche im Heiligen Land nach eigenen Angaben nie. "Aber der Konflikt ist so tief. Plötzlich sitzt du zwischen den Stühlen", sagt die 39-Jährige, die viel Armut und Perspektivlosigkeit in Palästina sah: "Da bleibt oft nur Aggression." Gleichzeitig erlebte sie viel Gastfreundschaft und Herzlichkeit. Auch als Frau ohne Kopftuch wurde sie "absolut hochanständig" behandelt, versichert sie. Hatte sie jemals richtig Angst in den zwei Wochen? "Wenn ich Angst zulasse, kann ich die Menschen nicht mehr sehen", erklärt Beatrix Kempf ihre Haltung. Mulmig war ihr dennoch einige Male zumute, etwa am von Soldaten beherrschten Checkpoint zwischen Jerusalem und Bethlehem, den alle benutzen müssen. Oder beim Geräusch der Kampfjets Richtung Gaza in der Nacht.

Nur Toleranz zählt

Die Kinderklinik in Bethlehem wurde zum wichtigen Anlaufpunkt für Beatrix Kempf: "Plötzlich waren alle Türen offen. Alle wollten zeigen, wie es bei ihnen läuft." Die Besucherin erfuhr viel über die Arbeit der Mediziner im Heiligen Land, knüpfte Kontakte zu Ärzten, merkte, dass die Pflege in den Hospitälern, ihr eigentliches Thema, dort geringen Stellenwert hat.

Rückblickend sieht die Mitterteicherin ihre Reise schon als Abenteuer. "Aber ich bin dankbar um jeden Menschen, den ich dabei kennengelernt habe. Nur Toleranz und Respekt vor dem menschlichen Leben zählen." Als Schwester müsse sie ihre Pflegehaltung bewahren, egal welchen Glaubens die Patienten sind. Wie in einem Hospital, das sie besuchte: Da lag ein Polizist, verletzt durch Steinwürfe. Und zwei Betten weiter ein Mädchen, das dieser Mann durch Schüsse verwundet hatte.

Öl ins Feuer

Die Gefahr der Reise für sich selbst sieht Kempf relativ: "Ich war zwei Wochen vor dem Anschlag in Berlin auf dem Breitscheidplatz. Es kann immer was passieren." Am Tag, als die Krankenschwester zurückfliegen wollte, wurde ein palästinensischer Demonstrant im Rollstuhl getötet, erfuhr sie später. "Trump hat Öl in ein Feuer gegossen, das eh schon lodert", bedauert sie den verschärften Konflikt, der schon viele Hunderte Gefangene und Verletzte zur Folge hatte.

Vor der Rückkehr ins weihnachtliche Stiftland kurz vor dem Fest musste die Deutsche noch eine harte Geduldsprobe bestehen. Am Flughafen fiel sie wegen einer Adresse aus Palästina auf. "Da wars dann vorbei. Drei Stunden lang haben sie mich festgehalten und verhört, mit wem ich dort Kontakt hatte, mit wem ich was gesprochen habe." Doch schließlich ließen die Israelis sie doch noch rechtzeitig zum Flieger. Beatrix Kempf will übrigens wiederkommen ins Heilige Land, auch mit ihren Kindern: "Man muss andere Kulturen erleben, um sie zu verstehen."

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