15.03.2018 - 17:28 Uhr
Mitterteich

Jugendräte und Stadträte tief beeindruckt von Besuch bei Elterninitiative krebskranker Kinder Hilfe für Familien in schwerer Notlage

2000 Euro hat der Mitterteicher Jugendrat zugunsten der Elterninitiative krebskranker Kinder Erlangen e.V. gesammelt. Zur Übergabe reisen einige Mitglieder des Gremiums und mehrere Stadträte aller Fraktionen gemeinsam nach Mittelfranken, um sich näher über den überregional tätigen Verein zu informieren. Der Besuch vor Ort hinterlässt bei ihnen tiefe Eindrücke.

Die Übergabe des Spendenschecks mit dem städtischen Jugendbeauftragten Reiner Summer, Fabian Weinberger, Julian Schultes, Simon Prommersberger, Sozialpädagogin Christine Habermann, Jugendratssprecher Rainer Schnurrer, Theo Schaumberger, Nele Bauland, Josef Schwägerl, Angelika Müller und Sonja Gleißner (von links). Bild: exb
von Externer BeitragProfil

Von Reiner Summer

Mitterteich/Erlangen. "Meine Kollegin wird gleich zu Ihnen stoßen. Sie ist immer montagmorgens bei der Stationsbesprechung in der Kinderklinik. Da wird die kommende Woche besprochen, und was am Wochenende so alles los war." Die Mitterteicher können nur vermuten, welche menschlichen Tragödien sich hinter diesem letzten Halbsatz verbergen: Welches Kind hat es nicht über das letzte Wochenende geschafft? Welche Eltern haben jetzt den Tod ihres Kindes zu betrauern?

Verwaltungsmitarbeiterin Christine Blechschmidt führt die Delegation in einen Gemeinschaftsraum. Es gibt Kaffee und Butterbrezen. An der Wand hängen Fotos von Kindern und Jugendlichen. Einige haben aufgrund der Chemotherapie eine Glatze, alle lächeln in die Kamera. Am Ende erfahren die Besucher, dass es das Mädchen mit der rosa Mütze auf dem letzten Bild in der Reihe nicht geschafft hat.

Mittlerweile ist Christine Habermann - sie ist als Sozialpädagogin im psychosozialen Dienst der Elterninitiative tätig - von ihrem Meeting in der Klinik zurück. "Die Diagnose Krebs ist für die Kinder und ihre Familien ein Schlag ins Gesicht. Deshalb versuchen wir von der Elterninitiative krebskranker Kinder, wenigstens das Umfeld während der Behandlung auf der Kinderonkologiestation der Uniklinik in Erlangen so angenehm wie in einer solchen Krise möglich zu gestalten." Als Sofortmaßnahme bietet der Verein Eltern die Möglichkeit, ihrem Kind in der existenzbedrohenden Lebensphase bzw. während der Behandlung, die von teils heftigen Nebenwirkungen begleitet wird, nahe zu sein.

Für den kleinen Unkostenbeitrag von 10 Euro stehen Apartments in direkter Nähe zur Klinik zur Verfügung. "Obwohl es jetzt auch onkologische Kinderstationen in Augsburg und Regensburg gibt, umfasst unser Einzugsbereich immer noch einen Umkreis von circa zwei Stunden Autofahrt rund um Erlangen. Es kommen aber auch Eltern mit Kindern aus dem Ausland zu uns. Oft leider zu spät. Sie setzen erst dann immer alles auf eine Karte, wenn sie in Deutschland die letzte Hoffnung auf Behandlung ihres todkranken Kindes sehen. Dann verkaufen sie für die Reise im Heimatland Hab und Gut und kommen teils völlig mittellos zu uns." Habermann zeigt auf das Bild des verstorbenen Mädchens aus Rumänien an der Wand. Es wird still im Raum.

"An einer Kinderkrebsstation bestehen eben nicht nur die medizinischen Möglichkeiten für eine erfolgreiche Behandlung, sondern es gibt auch wichtige Erfahrungswerte. Krebs im Kindesalter unterscheidet sich deutlich von den Formen, die bei Erwachsenen auftreten. Die Kinder stecken hohe Dosen an Medikamenten oft auch besser weg. Die Heilungschancen betragen momentan immerhin 90 Prozent. Vor 50 oder 60 Jahren war die Diagnose noch ein sicheres Todesurteil", informiert Christine Habermann. Meistens liegt bei den jungen Patienten - vom Neugeborenen bis zum 18-Jährigen - eine spezielle Form von Leukämie vor.

Ein Stück Normalität

Trotz des bedrückenden Themas baut die Sozialpädagogin eine angenehme Gesprächsatmosphäre auf. Es kommen die ersten Fragen aus der Besuchergruppe: Ob sie als Mutter aufgrund der Erfahrungen in ihrem Beruf anders mit ihren Kindern umgeht? "Meine Kollegin und ich sehen manche Dinge deutlich relaxter, was unsere Ehemänner zum Teil nicht verstehen können. Ohne die Bedeutung von Schule und schulischen Leistungen herunterspielen zu wollen - über eine Vier meiner Kinder kann ich mich nicht mehr aufregen." Wie es denn um die Schulpflicht der Patienten bestellt ist, möchte ganz pragmatisch ein Mitglied des Jugendrats wissen. "Den Unterricht in den Kernfächern übernimmt auf der Station eine Schule in der Nachbarschaft. Später kommen Hauslehrer zum Einsatz", erklärt Habermann. "So komisch sich das für euch vielleicht anhört, aber die Kinder mit Krebserkrankung haben gern Unterricht, weil er ein Stück Normalität sowie Abwechslung und Ablenkung vom harten Behandlungsalltag darstellt und den Blick nach vorne wendet, auf eine mögliche Zeit zurück in einem normalen Leben. Ansonsten sind die Patienten ganz normale Jugendliche, für die eine schnelle Wlan-Verbindung genauso wichtig ist wie für euch", scherzt Habermann. Vielleicht aber doch ein bisschen mehr: Soziale Netzwerke seien oft die einzige Möglichkeit, gegen die Einsamkeit anzukämpfen und den Kontakt zu Freunden zu halten. "Grundsätzlich ist - wie für alle Jugendlichen - auch das Essen wichtig. Vor allem bei einer Cortisontherapie, die oft richtig Kohldampf macht." Deshalb sei die Gemeinschaftsküche in den Apartments so wichtig, erklärt Habermann. "Wenn ich schon krank bin und wenn es mir schon schlecht geht, dann will ich wenigstens von Mami mein Lieblingsessen. Und da unsere Patienten aus aller Herren Länder kommen, herrschen hier oft die abenteuerlichsten Gerüche", verrät Christine Habermann mit einem Augenzwinkern.

Letzte Wünsche

Aber über allem steht der Kampf gegen den Krebs, gegen den Tod, den trotz aller Bemühungen einige der tapferen Kämpfer verlieren. "Auch Kleinkinder sind sehr sensibel. Sie können ihre Situation sehr genau und realistisch einschätzen", gesteht Christine Habermann. "Sie spüren, dass es um ihr Leben und den Tod geht, auch wenn sie von Letzterem keine genaue Vorstellung haben." Oft geht es - wenn der schlimmste Fall eintritt und ein Patient im medizinischen Fachjargon als "austherapiert" gilt - darum, dem sterbenden Kind noch letzte Wünsche zu erfüllen, die selten im materiellen Bereich liegen. "Es geht darum, noch ein paar letzte schöne Tage beim Reiten zu verbringen, noch mal die Delfine im Nürnberger Tiergarten zu besuchen oder, wie letztens möglich gemacht, Manuel Neuer vom FC Bayern bei einem Heimspiel in München persönlich zu treffen", so die Sozialpädagogin.

Insgesamt umfasst die alltägliche Arbeit des Teams der Elterninitiative krebskranker Kinder, zu dem neben der ehrenamtlichen Vorstandschaft zwei Sozialpädagoginnen und eine Verwaltungskraft gehören, ein breites Aufgabenfeld. Neben der Unterbringung von Eltern geht es auch um Probleme innerhalb der Familien, etwa um Eifersucht von Geschwistern, die sich durch die erhöhte Aufmerksamkeit, die der kranke Bruder oder die kranke Schwester bekommt, zurückgesetzt fühlen. Auch die spätere Fortpflanzungsfähigkeit, sprich die Konservierung von Eizellen und Spermien vor einer Chemotherapie, ist Thema von Beratungsgesprächen. Aber auch Unterhaltung und Abwechslung auf der Station, etwa durch Cocktailabende sowie Ausflüge während der Nachsorge, gehören zum Angebot der Elterninitiative, die hier auch auf ein Mentorenprogramm zurückgreift. "Es macht unseren Kranken Mut und gibt ihnen Kraft, wenn sie Gleichaltrige treffen, die in der selben Situation gewesen sind und die es geschafft haben", berichtet Habermann. "Vor allem in der Zeit der Nachsorge, wenn die Angst vor einem Rückfall oft groß ist."

Weil das Gefühl von Hilflosigkeit und Ohnmacht gegenüber der heimtückischen Krankheit, vor allem zu Behandlungsbeginn, immer groß ist, organisiert der Verein auch behandlungsbegleitende Angebote wie Ernährungs-, Sportherapie oder Musiktherapiekurse. Hier stehe man auch in engem Austausch mit den Kollegen in Augsburg oder Regensburg, um sich über neue Angebote auf dem Laufenden zuhalten. "In diesem Bereich wird vielleicht auch eure Spende eingesetzt, weil die Krankenkassen manche Sachen nicht zahlen", so Habermann. Grundsätzlich entscheidet aber die Vorstandschaft über die Verwendung der Spenden."

Kein Stationsbesuch

Die Krebsstation selbst kann und will die Reisegruppe aus Mitterteich nicht besichtigen. Zum einen wäre die Ansteckungsgefahr durch Keime von außen für die Patienten zu groß, zum anderen wäre die Würde der Erkrankten verletzt. "Es wäre für sie, wie in einem Gehege zu sitzen", gibt Christine Habermann zu bedenken, um dann in bereits gewohnter Manier wieder etwas Positives hinterherzuschicken: "Heute früh hat mich am Eingang zum Klinikum ein junger Mann freundlich begrüßt. Ich hab ihn zunächst, Gott sei Dank, nicht erkannt, denn er strotzte vor Gesundheit. Es war ein früherer Patient. Damals sah er schlecht aus, ohne Haare. So eine Begegnung hilft, gibt Hoffnung und Kraft!"

Kurze Zeit später stehen die Jugend- und Stadträte wieder auf dem Gehsteig vor der Vereinszentrale der Elterninitiative und atmen tief die milde Frühlingsluft ein, während sie auf den Kleinbus warten, der sie zurück nach Mitterteich bringt. Auf der gegenüberliegenden Straßenseite befindet sich der Botanische Garten. Durch die offene Tür eines Gewächshauses strahlt sattes Grün: die Farbe der Hoffnung und des Lebens.

Meine Kollegin und ich sehen manche Dinge deutlich relaxter. Ohne die Bedeutung von Schule und schulischen Leistungen herunterspielen zu wollen - über eine Vier meiner Kinder kann ich mich nicht mehr aufregen.Sozialpädagogin Christine Habermann

Hintergrund

"Weniger Böller, mehr Spenden" - unter diesem Motto stand am Tag vor Silvester 2017 eine Aktion des Mitterteicher Jugendrats. Stundenlang baten Mitglieder an einem Infostand am Unteren Markt um Spenden zugunsten der Elterninitiative krebskranker Kinder Erlangen e.V.. 2000 Euro kamen am Ende zusammen. Federführend organisiert hatten die Aktion Jugendratssprecher Rainer Schnurrer, Fabian Weinberger und städtischer Jugendbeauftragter Reiner Summer. Letzterer hat in Abstimmung mit der Stadtverwaltung auch die Fahrt zur Spendenübergabe organisiert. Der Kontakt zur Elterninitiative war über die Mitterteicherin Alexandra Weiß zustande gekommen, die seit Jahren zum Vorstand des Vereins zählt. (lnz)

Kommentare

Um Kommentare verfassen zu können, müssen Sie sich anmelden.

Bitte beachten Sie unsere Nutzungsregeln.

Nachrichten per WhatsApp