13.10.2017 - 20:10 Uhr
MitterteichOberpfalz

Lebensgeschichte packend erzählt

Vor mehr als 71 Jahren hat Annelee Woodstrom ihre alte Heimat Mitterteich verlassen, doch sie berichtet über ihre damaligen Erlebnisse so, als wären sie erst gestern gewesen. Mit ihren Erzählungen über den Krieg und die Zeit davor und danach fesselt die 91-Jährige Buchautorin ihre Zuhörer im Mehrgenerationenhaus.

Über den Vortrag von Annelee Woodstrom freuten sich AK-Heimatpflege-Vorsitzender Werner Männer, Karl Haberkorn vom Literaturkreis (von rechts) und Bürgermeister Roland Grillmeier. Für die Referentin gab es Buchpräsente und ein Mitterteicher Hankerl. Bilder: wmr (2)
von Redaktion OnetzProfil

Annelee Woodstrom, die einst Anneliese Sölch hieß, weilt derzeit auf Verwandtenbesuch in Deutschland. 1947 hatte sie einen amerikanischen Soldaten geheiratet und war in die USA ausgewandert. Auf Einladung des Arbeitskreises Heimatpflege und des Arbeitskreises Literatur sprach sie im Mehrgenerationenhaus über ihr bewegtes Leben. Zuvor hatte sie mit ihren Ausführungen bereits zahlreiche Mitterteicher Mittelschüler begeistert.

Über ihre Lebenserfahrungen hat Annelee Woodstrom drei Bücher auf Englisch geschrieben. Ihr erstes, in Amerika preisgekröntes Werk "War child" (Kriegskind) ist inzwischen schon in der dritten Auflage erschienen. Das zweite Werk heißt "So war es", das jüngste Buch trägt den Titel "Leere Stühle".

Das Marktcafé war an diesem Abend voll besetzt. Die Referentin, die kürzlich ihren 91. Geburtstag feierte, erzählte eineinhalb Stunden lang im Stehen aus ihrem Leben und von ihren Erlebnissen. Im Raum war es mucksmäuschenstill, die Besucher hingen förmlich an ihren Lippen. Mit einer Powerpoint-Präsentation ergänzte sie ihren Vortrag. Ihre Ausführungen begannen mit einem Bekenntnis: "Deutschland ist meine Heimat", betonte die Referentin. "Aber meine Familie ist in Amerika." Sie komme immer wieder gerne zurück - das wurde auch daran deutlich, dass sie einige Zuhörer von früher kannte, so auch eine anwesende ehemalige Klassenkameradin.

Schwere Zeiten

Eingangs berichtete sie von der schweren Zeit unter dem Hitler-Regime, als sie in Mitterteich zur Schule ging. Sie zeigte ein Klassenfoto von 1933 und betonte: "Ich kenne noch alle meine Mitschülerinnen mit Namen." Damals sei es fast schon Pflicht gewesen, täglich vor dem Schulbeginn einen Gottesdienst zu besuchen. Das habe sich später auch bei der Notenvergabe mit ausgewirkt. Weiter berichtete sie von Schwierigkeiten, in der Hitler-Zeit Arbeit zu bekommen. Vielen Menschen sei heute auch nicht mehr bekannt, wie schwierig damals zeitweise die Versorgung mit Gütern war. Um in Notzeiten etwas zum Essen zu bekommen, habe man Lebensmittelkarten vorweisen müssen. Ein glücklicher Umstand sei es gewesen, von befreundeten Bauern manchmal Landprodukte zu bekommen.

Annelee Woodstrom hat den Aufstieg Adolf Hitlers und auch den Untergang des Dritten Reiches erlebt. Viele deutsche Städte waren ausgebombt, Mitterteich ist weitgehend verschont geblieben. Nur eine einzige Bombe ist gefallen. 19 Jahre war Anneliese Sölch damals alt. Lange Zeit habe die Bevölkerung nur gehört, dass die Deutschen diese und jene Schlacht gewonnen hätten. Gegen Ende des Krieges habe man gehofft, dass nicht die Russen Deutschland besetzen würden. "Vor denen hatte man Angst." Gut könne sie sich noch an die Not der Flüchtlinge erinnern, die vorübergehend im Bärensaal untergebracht waren.

Schließlich kam sie darauf zu sprechen, wie sie ihren späteren Ehemann, den amerikanischen Soldaten Kenny Woodstrom, kennen und lieben lernte. Er, der "Feind", habe damals viel Gutes für ihre Familie getan. Nur sechs Wochen nach dem Kennenlernen sei sie mit ihm 1947 in die Vereinigten Staaten gezogen - als eine der ersten Deutschen, die nach dem Weltkrieg nach Amerika ausgewandert sind. Dort wandelte sie ihren Vornamen Anneliese in Annelee um. Mit viel Mühe sei es ihr gelungen, die anfängliche antideutsche Stimmung in ihrem neuen Zuhause zu drehen. Ganz persönlich habe sie nie Probleme bekommen. "Von den Amerikanern bin ich immer mit Respekt behandelt worden."

Mit 41 noch an die Uni

Ihr großer Wunsch sei immer gewesen, Lehrerin zu werden. Obwohl sie kein Abitur hatte, gelang es ihr noch im Alter von 41 Jahren, eine amerikanische Universität zu besuchen und Lehrerin zu werden. Die schlimmste Zeit durchlebte sie, als ihre Tochter bei einem Verkehrsunfall mit zwei Freundinnen tödlich verunglückte. Auch ihr Ehemann ist inzwischen verstorben. Sie lebe nun allein im Haus und versorge sich noch selbst, so lange es möglich sei.

Zum Schluss bedankten sich Bürgermeister Roland Grillmeier und Karl Haberkorn im Namen des Literaturkreises mit Buchgeschenken und einem Mitterteicher Hankerl. Ausgiebig nutzten die Zuhörer noch die Gelegenheit, mit Annelee Woodstrom über alte Zeiten zu plaudern, Erinnerungen auszutauschen und mit ihr alte Bilder anzusehen.

Von den Amerikanern bin ich immer mit Respekt behandelt worden.Annelee Woodstrom

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