25.02.2018 - 20:00 Uhr
Mitterteich

Zwei Jahre danach sind viele Helfer noch traumatisiert Zugunglück fräst sich ins Leben

So einen Einsatz stellen sich Helfer in ihren schlimmsten Alpträumen nicht vor. Auch zwei Jahre nach dem verheerenden Zugunglück sind die Ereignisse noch stark präsent. Reden kann helfen.

Dramatische Bilder vom Zugunglück in Bad Aibling zeigte der damalige Feuerwehr-Kommandant in Mitterteich. Die visuellen Eindrücke und die Schilderungen des Geschehens stimmten die Zuhörer sehr nachdenklich. Bilder: jr (2)
von Josef RosnerProfil

Proppenvoll war der Saal im Feuerwehrgerätehaus. 110 Kameraden aus verschiedenen Wehren waren gekommen, um einem der ihren zuzuhören. Wolfram Höfler, ehemaliger Kommandant und Einsatzleiter der Feuerwehr Bad Aibling, erinnerte in einem bewegenden Vortrag an das Zugunglück am 9. Februar 2016. An diesem Faschingsdienstag kamen 12 Menschen ums Leben, es gab 90 zum Teil sehr schwer Verletzte. Auch heute kann Höfler mit dem Ereignis nicht abschließen: "Es war einfach eine so gewaltige Sache."

Heute ist Höfler in ganz Deutschland unterwegs. Von Mitterteich aus ging es nach Hause und gleich weiter nach Köln. Der damalige Kommandant ist seit eineinhalb Jahren in Pension und spricht sich mit den Vorträgen das Erlebte von der Seele.

Mitterteichs Kommandant Franz Bauernfeind begrüßte Feuerwehrler aus der ganzen Region. Kreisbrandräte aus Amberg und Wunsiedel waren ebenso unter den Zuhörern wie Vertreter der Polizeiinspektion Waldsassen und BRK-Rettungskräfte. "Man macht sich nach so einem Zugunglück schon seine Gedanken. Schließlich liegt Mitterteich auch an einer Bahnlinie", meinte Bauernfeind. Er dankte dem gebürtigen Mitterteicher Michael Scharnagl, er ist derzeit Ausbilder bei der Feuerwehr München, der den Kontakt hergestellt hatte. Bürgermeister Roland Grillmeier erinnerte an die große Belastung der Rettungskräfte bei Unglücksfällen wie dem Unfalldrama vor einigen Jahren, als auf der Autobahn bei Mitterteich drei Menschen ums Leben kamen. "Es ist gut, dass es solche Vorträge gibt", meinte er. Die Menschen müssten dankbarer für solche Helfer sein, forderte er eine Stärkung des Ehrenamtes und sah hier den Staat gefordert.

46 Jahre Feuerwehrmann

Wolfram Höfler gehörte 46 Jahre der Feuerwehr an. 6 Jahre lang, bis Mitte 2016, war er Kommandant der 20 000 Einwohner zählenden Stadt Bad Aibling. Für rund 70 Aktive war er verantwortlich. Wie gut die Feuerwehr im Kreis Bad Aibling ausgerüstet ist, verdeutlichte er mit der Feststellung, dass in der Gegend für rund 70 000 Einwohner sieben Drehleitern vorhanden seien, in der Stadt München für fast zwei Millionen Menschen nur zehn Drehleitern. In Wort und Bild berichtete Höfler über jenen schicksalshaften Faschingsdienstag, der sich in sein Leben eingebohrt hat.

Meldung "Zug gegen Zug"

"Ich erhielt um 6.52 Uhr am Morgen einen Notruf. Es hieß nur lapidar: Zug gegen Zug." Gleich eilten die Hauptfeuerwehr und fünf Stadtteil-Wehren zum Unfallort. Zur besseren Vorstellung der Zuhörer spielte Höfler den original Notruf ein. Überraschend, so der Sprecher, war die Ruhe und Konzentriertheit des Anrufers. "Ich wusste, die beiden Züge sind mit jeweils rund 100 Stundenkilometern Geschwindigkeit aufeinander geprallt." Die beiden Feuerwehren Bad Aibling und Kolbermoor waren die ersten am Unfallort, näherten sich von verschiedenen Seiten.

Vertrauen aufs Team

Höfler betonte, dass die Erkundung die erste und wichtigste Aufgabe der Einsatzleitung ist. "Ich muss entscheiden, wie bringe ich meine Mannschaft und die Rettungsgeräte an den Einsatzort. Ich muss das richtig machen, sonst ist mein Einsatz umsonst." Als entscheidendes Erfolgskriterium nannte er die Kommunikation untereinander - und die Ruhe zu bewahren. "Unser Glück waren die Faschingsferien, denn normalerweise nützen auch viele Schüler diese Zugverbindung. Bis zu 1200 Fahrgäste sind da keine Seltenheit."

Ein Zug war 58 Meter, der andere 107 Meter lang. Der kleinere Zug wurde bei dem Zusammenstoß um mindestens 20 Meter zurückgeschoben und zur Seite geschleudert. "Bis wir zur Einsatzstelle kamen, mussten unsere Kameraden einen 1,3 Kilometer langen Fußmarsch zurücklegen und dabei das Einsatzgerät wie Aggregate mitschleppen", verdeutlichte der Kommandant. "Als ich zur Unfallstelle kam, hat es ausgeschaut wie nach einer Detonation und nicht wie nach einem Unfall. Ich hörte keine Schreie, nur viel Gestöhne und ansonsten Stille."

Schnell habe er bemerkte, dass der Strom nicht abgeschaltet war. "Ich bin trotzdem in den Zug hinein, obwohl es noch recht unübersichtlich war. Auf der anderen Seite stieg ich aus und stellte fest, dass der Zug geerdet war." Höfler betonte, wie wichtig es sei, in so einem Fall auf seine Mannschaft zu vertrauen. "Jeder Feuerwehrkamerad hat eigenverantwortlich in seinem Bereich gearbeitet. Jeder muss in der Lage sein, selber zu denken und danach zu handeln." Für den Einsatzleiter war das Erkunden das Wichtigste. Manchen Verletzten konnte er Mut zusprechen und sie auch mal an der Hand nehmen: "Das beruhigt in so einer Extremsituation enorm." Innerhalb von 40 Minuten waren die 70 Leichtverletzten in die umliegenden Krankenhäuser gebracht worden. Es folgte die Rettung der Schwerverletzten und Bergung der 12 Toten.

Trauma noch heute

Dieser Einsatz hat nicht nur bei Höfler Spuren hinterlassen. Zwei Feuerwehrkameraden traten kurz danach aus dem aktiven Dienst der Feuerwehr aus. Im Gespräch mit Oberpfalz-Medien erzählte der damalige Kommandant, dass trotz intensiver Gespräche mit professionellen Stellen immer wieder Helfer wegen des Traumas behandelt werden müssen. "Ich habe so ein Unglück bei uns nicht für möglich gehalten", beendete Höfler seinen Vortrag und erzählte noch vom immensen Medienaufgebot. Schon wenige Stunden nach dem Unglück waren mindestens 60 Kameras und Reporter aus aller Welt vor Ort. Lob zollte er den meisten Medien für die sachlich richtige Berichterstattung. Ausnahmen bestätigten die Regel, kritisierte der Feuerwehrmann aus Oberbayern vor allem seine Heimatzeitung.

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