16.03.2018 - 20:24 Uhr
Nabburg

Saison-Eröffnung im Freilandmuseum Vergangenheit zum Anschauen

Einiges ist bei der Saisoneröffnung des Freilandmuseums Neusath-Perschen am Freitagnachmittag anders. Harfenistin Camilla Schneider singt ein Volkslied von Joseph von Eichendorf und das Rednerpult steht vor einer Schwarzweißfotografie, die just vor 80 Jahren aufgenommen wurde.

Bezirkstagspräsident Franz Löffler ist bei der feierlichen Saisoneröffnung überzeugt: "Ein Besuch wird sich auch 2018 mehr als lohnen." Bild: Götz
von Irma Held Kontakt Profil

-Neusath . Normalerweise beginnt die Saison mit echter Volksmusik, doch Museumsleiterin Birgit Angerer und ihr Team überlassen nichts dem Zufall, deshalb kam "In einem kühlen Grunde" aus gutem Grund zu ehren. Das Museum zeigt im Ausstellungsgebäude die Schau "Volk Heimat Dorf - Ideologie und Wirklichkeit im ländlichen Bayern der 1930er und 1940er Jahre". Sie geht ein auf das dunkelste Kapitel deutscher Geschichte und macht deutlich wie die große Politik, die Rassen-, Blut- und Bodenideologie auch in den hintersten Winkel auf dem Land ein- und das Leben der Menschen durchdringt.

Und die zahlreichen geladenen Gäste aus Politik, Wirtschaft, Vereinen und Verbänden blicken auf einen SA-Aufmarsch durch Trausnitz, aufgenommen am 17. März 1938. Bezirkstagsvizepräsident Lothar Höher habe ihn darauf hingewiesen, dass er heute seine Rede vor dieser Fahne halten müsse, beginnt Bezirkstagspräsident Franz Löffler. Er sieht in der Ausstellung - konzipiert von der Arge Süddeutscher Freilichtmuseen - einen Beweis dafür, dass sich die Einrichtung vermehrt mit neuerer Geschichte auseinandersetze und gleichzeitig wichtige Aufklärungsarbeit leiste, dass sich das nie mehr wiederhole.

Er sei immer wieder überrascht, weil in Neusath nicht bloß aufgesperrt werde, sondern jede Saison unter einem Motto stehe. "Wir müssen uns weiter entwickeln", sagt Löffler mit Blick auf die Veränderungen in der Landwirtschaft ab den 50er Jahren, die inzwischen bereits wieder Geschichte seien. Doch das Museum bleibt auch am Ball, wenn es um Natur und Nachhaltigkeit geht. Nach den Worten Löfflers bemüht es sich um eine Umweltstation, "die genau hierher passt", pflegt mit Nabburger Förderschülern im Sommer einen Garten und bietet in den Pfingstferien, unter anderem in Zusammenarbeit mit dem Oberpfälzer Künstlerhaus in Schwandorf-Fronberg, das Kunstprojekt "nachhaltige Lebensstile" an. Im Stall des Denkenbauernhofes wird eine Medienstation eingerichtet. "Ein Besuch", wirbt der Bezirkstagspräsident, "wird sich auch 2018 mehr als lohnen." Sebastian Schott vom Stadtmuseum Weiden geht in seinem Einführungsreferat "Grenzland, Putzband, Rassenschand: Schein und Sein des Nationalsozialismus in der Oberpfalz und auf dem Lande" auf die NS-Herrschaft ein, und spart auch Flossenbürg und die Todesmärsche nicht aus. Dem Oberpfälzer Liedgut verhilft Camilla Schneider beispielsweise mit "Kramer Annamirl z' Haustoi" doch noch zu seinem Recht.

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Weitere Informationen:

www.freilandmuseum.org

Eichendorff und die Comedian Harmonists

Das von dem Romantiker Joseph von Eichendorff gedichtete Lied "In einem kühlen Grunde" wurde 1932 von den Comedian Harmonists aufgenommen und auf Schellack gepresst zu einem ihrer größten Hits. In dem 1997 von Joseph Vilsmaier gedrehten Film über die Gesangsgruppe fällt dem Lied eine Schlüsselrolle zu. Drei der Sänger sind Juden. Nach ihrem letzten Konzert bittet sie der Herausgeber des "Stürmer" Julius Streicher in seine Wohnung. Sie sollen ihm dieses Volkslied singen. Im Film weigern sich die Sänger. Gerade sie, die aus dem Volk ausgeschlossen wurden, sollen ein deutsches Volkslied singen. Diesen Missbrauch von Volksmusik, Tracht und Bräuchen thematisiert das Museum auch in der neuen Ausstellung. (ihl)

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