Kabarettist Sigi Zimmerschied und sein neues Programm "Multiple Lois - Einwürfe eines Parasiten"
Ein Böser, den man erschreckend gut kennt

BU: Der Passauer Kabarettist Sigi Zimmerschied auf der Schmidthaus-Bühne in Nabburg.
Kultur
Nabburg
22.04.2013
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"Der Ribery! Elf Millionen! Und vom Messie mog i gar ned red'n!". Wortgewaltig redet sich da einer in Rage. Lautstark, schwitzend, bis hin zur körperlichen Verausgabung. Ein bedrohlich anschwellendes Plädoyer für die höhere Besteuerung von Spitzenverdienern, das just in dem Moment, als die Stimmung im Publikum seinen Siedepunkt erreicht, plötzlich abbricht: "Einfache Feinde und Sozialneid - sog ihnen, was hör'n woll'n und dann geh hoam."

Dusche kurz vor Schluss

Wumms. Eine kalte Dusche kurz vor Schluss, deren Spritzer vielleicht nicht alle frenetisch Applaudierenden erreicht, und doch für Irritation sorgt. "Sog ihnen, was hör'n woll'n?" Aber man ist sich doch einig, der Kabarettist auf der Bühne und wir unten im Publikum, oder etwa nicht? So funktioniert doch links-soziale Kabarett-Tradition. Bestätigung allgemeiner Feindbilder und dann geht man befriedigt heim. Gerne mit einem "Der hat's ihnen wieder gegeben, der Sigi!" auf den Lippen.

Einer, den man kennt


Doch wer den Passauer Kabarettisten Sigi Zimmerschied kennt, der weiß, dass seine Programme schon lange nicht mehr so funktionieren. Auch der Alois, den er vergangenes Wochenende auf die Schmidthaus-Bühne stellte, das ist kein Böser "von denen da oben", kein gieriger Banker, kein verlogener Politiker, kein Spitzenverdiener, sondern einer, den man gefährlich gut kennt. Schon der Blick auf dessen Sozialisation lässt Ungutes ahnen.

Der Vater, wie so viele Kriegsheimkehrer ein "z'sammg'schossener Zyniker", der Frauen und Kinder nicht "packt". Die sprachlose Mutter gehört zum "Kücheninventar". Onkel Norbert ein korrupter Steuerprüfer, der Alois den Weg ebnet.

Damals, als das "Multiple so in Mode war", hat ihm Onkel Norbert das nötige Attest beschafft, um wehrdienst- und arbeitsfrei ins Leben zu starten. Und so führt "Multiple Lois" heute ein bequemes Vermieterleben. "Ganz nah dran an Menschen", um sie gehörig abzuzocken. Ein gewinnorientierter Opportunist, sein Leben eine klare Kosten-Nutzen-Rechnung.

Fischerl füttern

Natürlich wäre Alois auch gerne etwas anderes geworden. Beamter vielleicht. Doch er erkennt: "Es gibt acht Millionen Zierfischerln und zwei Millionen Beamte - das sind zehn Millionen hilflose Geschöpfe, die g'füttert werden müssen".

Wir Wähler, das sind doch die Guten, oder? Und warum ist dieser Alois nicht so böse, wie wir ihn gerne hätten? Wie er da so auf der Bühne steht und freimütig plaudert, von Ausländern als "dankbare" Mieter oder vom Großvater, der damals plötzlich ganz allein mit dem Haus des jüdischen Nachbarn dastand ("Des war a ned leicht für ihn!"), das kommt alles so schmerzhaft vertraut daher. Das Böse nicht in "einfachen Feindbildern", sondern in seiner erschreckenden, uns täglich begegnenden Banalität aufzuzeigen, das zeichnet Zimmerschieds Programme aus.

Begeisterter Applaus trotz "kalter Dusche" zum Schluss. Oder gerade deswegen.
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