15.05.2017 - 17:34 Uhr
NabburgOberpfalz

Marco Tschirpke im Nabburger Schmidt-Haus Auf den Herbst folgt der Günter

Von Hans Prem

Marco Tschirpke überzeugte nicht nur mit außergewöhnlicher Wortgewandtheit in seinen Gedichten. Auch sein virtuoses Klavierspiel, mit dem er seine Lapsuslieder begleitete, begeisterte das Publikum.
von Hans PremProfil

Nabburg . Wem kann man eigentlich noch trauen? Auf jeden Fall nicht den Jahreszeiten. Denn beim Brandenburger Kabarettisten Marco Tschirpke folgt auf Frühling, Sommer und Herbst - der Günther. Doch ist Letzterer überhaupt mit von der Partie? Bei seinen Gedichten und Liedern wähnt sich der Zuhörer zunächst in sicheren Gefilden, aber dann kommt alles ganz anders als erwartet, obwohl man bei ihm eigentlich wissen müsste, dass alles ganz anders kommen wird. Aber wer in der Oberpfalz kennt schon den Wahlberliner? Nicht viele, obwohl sein Gedichtbüchlein zum "Spiegel- Bestseller" erkoren wurde. Auf jeden Fall hätte seine überzeugende Vorstellung mehr Besucher verdient gehabt.

Erinnert an Heinz Erhardt

Die, die ins Schmidt-Haus gekommen sind, haben helle Freude an seiner Lyrik, die nicht aus Prosa mit Hang zum Zeilenumbruch besteht. Er reimt, ohne mit der Wimper zu zucken. Unkonventionell, hintersinnig, wortgewandt und anspielungsreich haut er eine Pointe nach der anderen raus. Mit seiner Reimform erinnert er ein klein weinig an Heinz Erhardt, mit dem er auch einen gewissen Grad seiner Verschmitztheit teilt. Zum Beispiel beim Vierzeiler übers Staubwischen: "Auf den Birkenholzfurnieren, die die Spanplatten kaschieren, schieb ich hin und her das Tuch. Und weshalb? Es kommt Besuch". Ob Alltagssituationen oder Weltgeschichte über den abgeschlagenen Kopf von Marie Antoinette: Tschirpke verinnerlicht eines der zentralen Gesetze guter Kunst: Du sollst dein Publikum nicht langweilen und das tut er beileibe nicht. Er beschäftigt sich mit moderner Malerei. Vor einem schwarzen Viereck stehend spricht er mild, nur weil's an der Wand hängt, ist es noch kein Bild. Höchst amüsant trägt er ein briefliches Scharmützel mit der Leiterin des August-Macke-Hauses in Bonn vor, das auf sein Gedicht über die beiden Impressionisten Franz Mark und August Macke entstand. Darin prangert er deren nationalistisches Handeln und Kriegsbereitschaft an. Aufgewachsen in der ehemaligen DDR als Kind des Sozialismus, lässt er diese Zeit im "Kosmonautenlied" anklingen. Spielerisch geht er mit den Erwartungen des Publikums um. Dem lässt er auch hin und wieder seine eigenen Interpretationen, wenn ein Vers kurz ist oder er nur den Titel ansagt wie "von Einer, die sich auszog, ihm das fürchten zu lernen". Apropos Zeitgeist: Wenn er hätte einen Nerv treffen wollen, wäre er Anästhesist geworden.

Hoge Musikalität

Ebenso gewandt und intelligent wie in seinen Gedichten geht er auch musikalisch in seinen Lapsusliedern um. Sie sind meist äußerst kurz, wie der Lapsus, der Verseher, der Ausrutscher, der Verdreher. Einer oberflächlichen klaren Aussage lässt er darin ganz unerwartet eine tiefere oder völlig andere Bedeutung zukommen. Seine hohe Musikalität und sein virtuoses, unkonventionelles Klavierspiel verleiht ihnen ein Alleinstellungsmerkmal im Musikkabarett. Mit einer unglaublichen Leichtigkeit hämmert er in die Tasten und erzeugt immer wieder avantgardistisch anmutende Tonfolgen.

Als Zugabe gibt es unter anderem ein Lied vom Pferd in Anlehnung an den Hit "Felicita" von Al Bano und Romina Power. Tschirpke beherrscht das Poetische ebenso wie das Musikalische und den Umgang mit seinem Publikum. Viele Details wirken improvisiert und scheinen aus dem Moment heraus zu entstehen. Das macht sein Programm so abwechslungsreich und spannend. Günther taucht im Übrigen nicht auf.

Klicken Sie hier für mehr Artikel zum Thema:

Nachrichten per WhatsApp und Facebook Messenger

Kommentare

Um Kommentare verfassen zu können, müssen Sie sich anmelden.

Bitte beachten Sie unsere Nutzungsregeln.