09.05.2017 - 17:40 Uhr
NabburgOberpfalz

Wanderlesung im Freilandmuseum: Kleines Dorf, große Schuld

Opportunisten, die über Leichen gehen, Verschleppte, die um ihr Leben fürchten, Angepasste, Aufrechte und Widerständige - dieser dörfliche Kosmos bietet eine explosive Mischung. Noch dazu, wenn Krieg herrscht. So wie in Gerda Stauners zeitgeschichtlichem Roman "Grasmond".

Die Regensburger Autorin Gerda Stauner stellte ihr Buch "Grasmond" bei einer Wanderlesung im Freilandmuseum vor. Bild: Dobler
von Thomas Dobler, M.A. Kontakt Profil

Vorgestellt hat die Regensburger Autorin ihr 2016 veröffentlichtes Erstlingswerk bei einer sogenannten Wanderlesung im Freilandmuseum Neusath-Perschen. Wanderlesung heißt, dass die Zuhörer der Autorin an verschiedene Orte folgen, die dem Szenario des jeweiligen Romanabschnitts ähneln, den die 44-Jährige vorlesen wollte. Da bot sich das Freilandmuseum geradezu an, denn die Geschichte von "Grasmond" spielt zu wichtigen Teilen in einem Oberpfälzer Bauerndorf am Ende des Zweiten Weltkriegs, das man sich zwischen und in den historischen Gebäuden des Museums sehr gut vorstellen konnte.

Im Einvernehmen mit Museumsleiterin Dr. Birgit Angerer wurde das Zeitkolorit an einer Stelle auch durch eine Devotionalie aus dem Dritten Reich verstärkt. Eine Szene des Romans ist in einer Gaststube im April 1945 angesiedelt, was durch die Lesung in der Schankstube des Schallerhofs nachempfunden wurde. Diese Schankstube - Tische, Bänke, Herrgottswinkel - wurde mit einem gerahmten Hitlerportrait aus dem Fundus des Museums komplettiert. Natürlich hat man das Konterfei des "Führers" nach dem wenige Minuten dauernden Vortrag wieder abgenommen und verstaut.

Mörderischer Zwang

Momente der Anschaulichkeit steuerte auch Florian Eckert aus Donaustauf bei, ein Bekannter der Autorin. Er tauchte hier und dort als stumme Personifizierung der Hauptfigur auf - des Bauern Anderl nämlich, an dem sich die Gewissensnot, die Verzweiflung und der Mut der Menschen deutlich machen ließ. Sie mussten sich damals (im Buch und in echt) entscheiden zwischen Kadavergehorsam gegenüber dem Regime und Hoffnung auf die Befreiung durch die nahenden amerikanischen Truppen - samt mehr oder weniger offener Rebellion gegen den mörderischen Durchhaltezwang der Nazi-Schergen.

Gerda Stauners Buch hat noch eine andere Handlungsebene, die 28 Jahre später spielt, also eine Generation nach den dramatischen Ereignissen des Kriegsendes, und die sich über die zentralen Personen verschränkt. Dabei geht es ebenfalls um eine drohende Zerstörung. Stand 1945 das Dorf, das man sich wohl im heutigen Landkreis Neumarkt gelegen denken muss, vor der Gefahr der Auslöschung durch amerikanische Panzergranaten, so geht es 1973 um die Altstadt von Regensburg. Sie ist zu jener Zeit extrem sanierungsbedürftig und die kommunale Politik sähe es gerne, dort baulich reinen Tisch zu machen und alles wegzumodernisieren. Dem stellte sich damals der Verein Altstadtfreunde entgegen, der das erste Regensburger Bürgerfest organisierte. Das wiederum öffnete den Domstädtern die Augen für die verborgene Schönheit der Stadt, die es herauszuarbeiten gelte - statt sie zu kaputt zu machen.

In beiden kritischen Situationen - auf dem Dorf und in der Stadt - waren jene Menschen erfolgreich, die mit Mut, Einfallsreichtum und Einsatzbereitschaft eine verfahren scheinende Situation zum Besseren wendeten. Gerda Stauner ist es anzurechnen, zwei Mutmacher-Beispiele gefunden und auf spannende und lehrreiche Art aufbereitet und niedergeschrieben zu haben. Der Beifall am Ende der Wanderlesung unterstrich die Hochachtung der Zuhörer vor ihrem Erzähltalent.

___

Gerda Stauner, "Grasmond - Zeitgeschichtlicher Roman", 2016, 208 Seiten, 14,90 Euro

Zur Person

Die 1973 in der Oberpfalz geborene Gerda Stauner lebt seit 1999 in Regensburg, ist verheiratet und hat einen Sohn. Nach dem Abitur studierte sie in Rosenheim Betriebswirtschaft. Zeitgleich mit ihrem Umzug nach Regensburg eröffnete sie das Themenhotel "Künstlerhaus". Ihr erster Roman "Grasmond" erschien 2016 im SüdOst Verlag. Darin setzt sich die Autorin mit den Auswirkungen des Zweiten Weltkriegs auf die Menschen in der Oberpfalz auseinander.

Klicken Sie hier für mehr Artikel zum Thema:

 

 

Kommentare

Um Kommentare verfassen zu können, müssen Sie sich anmelden.

Bitte beachten Sie unsere Nutzungsregeln.