30.08.2014 - 00:00 Uhr
NabburgOberpfalz

Ernst Thomann gibt nach über 21 Jahren sein Amt als Kreisheimatpfleger für Archäologie ab Ein Mann, der Spuren hinterlässt

"Moses ist in seinem Binsenkörbchen noch nicht den Nil hinunter geschwommen, da siedelten hier schon Menschen". Ernst Thomann ist für seine amüsanten Vergleiche und Zeitstellungen bekannt, für seine Vorträge, die fesseln und zum Geschichtskrimi werden. Der Kreisheimatpfleger für Archäologie gibt sein Amt nach 21 Jahren in jüngere Hände. Unsere Redaktion führte ein Sommerinterview mit Ernst Thomann.

von Claudia Völkl Kontakt Profil

Was weckte Ihr Interesse an Archäologie?

Thomann: "Ich war 23 Jahre alt, da hat mir mein Schwiegervater, ein Lehrer, in Scheßlitz gezeigt, welche historischen Schätze auf den Äckern zu finden sind. Er hat mich auf Indikatoren wie Bodenbeschaffenheit oder Quellwasser aufmerksam gemacht. Jedes Wochenende sind wir in den Steigerwald gefahren. Da hab ich auch meinen ersten Fund gemacht. Wer weiß, ob ich sonst diese Leidenschaft entwickelt hätte."

Was verschlug Sie aus dem Fränkischen nach Nabburg?

Thomann: "1963 war ich einer der ersten BGS-Beamten, die in die neue Unterkunft auf dem Fichtenbühl einzogen. 33 Jahre war ich Innendienstleiter, und das sehr gerne. Ich kam mit meiner Familie schon während der Bauzeit, sah hier die Terrassen und den großen Fluss. Da war mir gleich klar, dass es viel zu forschen gibt.

Wo machten sie den ersten großen Fund?

Thomann: "Das war 1964 auf der Perschener Terrasse und im Raum Schmidgaden. Auf der Perschener Terrasse entdeckte ich auf einem Acker Mikrolithen und kleine Klingen aus Hornstein. Eiszeitliche Jäger haben sie in Holzspeere als Widerhaken eingesetzt. Die kleinen mit Fell bekleideten Menschen streiften auf der Suche nach Wild durch unser Naabtal. Auf dem Hügel bei Perschen richteten sie eine Jagdstation ein, hausten in Laubhütten und zogen dann weiter. Die ersten sesshaften Oberpfälzer kamen erst ab 4000 vor Christus, als der Getreidebau begann."

Wie stößt man auf Funde?

Thomann: "Ich war bei jedem Wetter unterwegs. Das Meiste entdeckt man nach einem kräftigen Regen oder nach der Schneeschmelze. Die Felder müssen noch unbearbeitet sein. Und mit den Jahren bekommt man einen Blick für die Veränderungen im Boden und für Nuancen, die dann auf mögliche Funde schließen lassen."

Welche Ihrer Funde haben für Sie die größte Bedeutung?

Thomann: "Bedeutend sind eigentlich alle für die Erforschung der Region. Mit am markantesten war wohl die Nekropole bei Zangenstein.Da bin ich schon 30 Jahre herumgeschlichen. Und dann die Sensation: Hier war ein gesellschaftlich hoch gestellter Mann aus der Eisenzeit, 800 vor Christus, in einem großen Hallstattgrab beigesetzt. Wir fanden Teile des Pferdezaumzeuges, das ihm seine Angehörigen mitgegeben hatten. Ein Zeichen hoher gesellschaftlicher Wertschätzung. Man tut sich schwer, einen Favoriten unter den vielen Steinbeilen und Tongefäßen zu nennen. Da waren 3500 Jahre alte Gräber am Willhofer Berg, die bronzezeitliche Siedlung im Nabburger Industriegebiet. 1500 vor Christus war das Naabtal hier schon besiedelt. Ein Prachtstück auch der Frauenschmuck aus der Bronzezeit, der bei einem Hausbau in Pfreimd entdeckt wurde. Ja und dann wären noch die Funde auf dem Iffelsdorfer Slawenfriedhof. Darauf habe ich schon vor 30 Jahren aufmerksam gemacht."

Sind Sie als Finder zugleich stolzer Besitzer?

Thomann: "Laut Denkmalschutzgesetz gehören sie zu 50 Prozent dem Grundstücksbesitzer und zu 50 Prozent dem Finder. Weder ich noch die Grundbesitzer haben daraus je Kapital geschlagen, sie womöglich teuer verkauft. Die Funde wurden mir überlassen und ich habe mich um die geschichtliche Einordnung, die Dokumentation gekümmert."

Was geschieht mit Ihren Entdeckungen?

Thomann: "Sie lagen zuerst fein säuberlich geordnet und beschriftet bei mir im Keller. Ich habe immer darauf gedrängt, einen passenden Ort zu finden, wo alles eingelagert, beschriftet, katalogisiert, aber auch präsentiert werden kann. Glücklich und dankbar bin ich der Stadt, dass sie im neuen Stadtmuseum eine Abteilung für vorgeschichtliche Funde eingerichtet hat. Ich hatte einen Kollegen in Pleystein. Als er starb, fand man alles ohne Beschriftung vor. Niemand konnte mehr nachvollziehen, wo die Funde entdeckt worden sind - verlorene Geschichte."

Wie kamen Sie zum Amt des Kreisheimatpflegers für Archäologie?

Thomann: "1993 hat mich der damalige Landrat Hans Schuierer dazu ernannt. Der dachte wohl, dass ich der Richtige für diese zeitraubende Aufgabe wäre. Ich habe das in den 21 Jahren aber auch immer mit großer Freude gemacht."

Wie sieht das Aufgabenfeld aus?

Thomann: "Ich mache Feldbegehungen, sammle und kümmere mich ebenso um die Funde anderer. Sie werden gesichert, geschichtlich eingeordnet. Dabei arbeitet man der Unteren Denkmalschutzbehörde am Landratsamt und dem Landesamt für Denkmalpflege zu, müssen die Gegenstände doch in die bayernweite Fundliste aufgenommen werden. Auch Öffentlichkeitsarbeit ist wichtig. Mir machen Vorträge Spaß, ob an der Uni oder bei Vereinen. Ich halte sie auch immer frei, ohne Konzept. Das ist spannender. Nach 51 Jahren Feldforschung ist man sattelfest, kann Episoden einstreuen, um das Ganze auch für Laien interessant und spannend zu machen."

Woher nahmen Sie die Zeit?

Thomann: "Neben meiner Familie mit den drei Töchtern habe ich versucht, meine Freizeit sinnvoll zu gestalten. Die Funde, das ist etwas, das bleibt. Vielleicht sagt in 200 Jahren jemand, da war doch mal..."

Was geben Sie weiter?

Thomann: "Wenn ich für die Vor- und Frühgeschichte unserer Heimat begeistern konnte, freut mich das. Und ich habe hunderte von Beiträgen für die Fachliteratur, für Zeitschriften, Zeitungen und heimatkundliche Schriftreihen verfasst."

Was ist ihnen bei Begehungen und Ausgrabungen wichtig?

Thomann: "Dass ich immer auf Ehrenamtliche und Helfer setzen konnte, die stundenlang und bei jedem Wetter mit Pinsel und Kelle halfen. Und finanziell griffen mir die Unternehmen mit Spenden unter die Arme. Nie musste ich umsonst betteln gehen."

Wer wird Ihr Nachfolger?

Thomann: "Das Landratsamt sucht nach zwei Interessenten. Für einen alleine ist das nicht mehr zu schaffen. Es wurde nun in den südlichen und nördlichen Landkreis aufgeteilt. Ich habe geeignete Personen vorgeschlagen. Die Bestallung wird im Herbst vorgenommen."

Was kommt nach dem Amt?

Thomann: "Ich werde mein Hobby natürlich weiter pflegen. Seit Jahrzehnten bin ich auch dem Oberpfälzer Waldverein verbunden."

Haben Sie ein Dankeschön erhalten?

Thomann: "Ich habe etliche Auszeichnungen bekommen, das Bundesverdienstkreuz und die Denkmalschutzmedaille. Doch die größte Befriedigung ist es, wenn man Spuren hinterlassen kann."

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