22.04.2005 - 00:00 Uhr
NabburgOberpfalz

Vor dem Krematorium-Bürgerentscheid: Interview mit Bürgermeister Josef Fischer und BI-Sprecher ... Zehn Fragen an Befürworter und Gegner

Knapp 5000 Nabburger sind am kommenden Sonntag aufgerufen, sich am Bürgerentscheid über den Bau eines Krematoriums zu beteiligen. Vier Tage vor dieser Abstimmung lud unsere Zeitung "Der neue Tag" jeweils einen Vertreter der Pro- und Contra-Seite zu einer Interview-Runde in die Lokalredaktion ein. Unseren Fragen stellten sich Bürgermeister Josef Fischer (Befürworter) und BI-Sprecher Karl Knechtel (Gegner). Mit dem Abdruck von Auszügen aus dem Interview beenden wir unsere Berichterstattung vor dem Bürgerentscheid.

von Agentur DPAProfil

Wie erklären Sie sich, dass der Trend generell zu Feuerbestattungen geht, hier in Nabburg aber der Widerstand gegen ein Krematorium so stark ist?

Fischer: "Widerstand gegen den Bau eines Krematoriums hat es vereinzelt an allen Standorten bisher gegeben. Aber wohl nirgends war der Widerstand so stark wie derzeit in Nabburg und das liegt mit Sicherheit daran, dass sich von vornherein eine politische Wählergruppe an die Spitze gestellt und den Widerstand ganz massiv in die Wege geleitet hat. An anderen Standorten - so wurde mir berichtet - gab es einstimmige Beschlüsse im Stadtrat. Der Trend zu den Feuerbestattungen wird mit Sicherheit auch in Nabburg zunehmen, egal, ob jetzt das Krematorium bei uns kommt, oder nicht. Dafür gibt es mehrere Gründe, die gesellschaftlich bedingt sind".

Knechtel: "Der Trend zu den Feuerbestattungen ist nicht so stark wie er immer angeführt wurde. Es wurde hier berichtet von einer Zahl von 42 Prozent. Diese Zahl ist dadurch entstanden, dass seit 1990 die neuen Bundesländer dabei sind und vorher war der Feuerbestattungsanteil etwa bei 27 Prozent. Die neuen Bundesländer haben Feuerbestattungen so etwa von 75 bis 90 Prozent. Der Widerstand ist deshalb in Nabburg so groß, weil die Nabburger bei acht Einäscherungen, die im Jahr stattfinden, hier keinen Bedarf sehen für eine solche Anlage, und diese Meinung hat ja der Bürgermeister bei der Informationsveranstaltung im Jugendwerk auch wiedergegeben: Für die Nabburger selber brauchen wir keine Feuerbestattungsanlage. Das mit den einstimmigen Beschlüssen für solche Krematorien, das kann man widerlegen, denn in Vilseck ist ja der Antrag vom gleichen Investor wie in Nabburg einstimmig abgelehnt worden".

Fischer: "Ich meine, wo ein Krematorium entstanden ist, gab es einstimmige Beschlüsse des Stadtrates".

Der Grundstücksverkauf brächte der Stadt etwa 75 000 Euro, mit jährlichen Einnahmen aus der Konzessionsabgabe zwischen 10 000 und 20 000 Euro wäre zu rechnen, hinzu käme Gewerbesteuer in noch nicht bekannter Höhe: Sind diese Summen einen solchen Konflikt unter den Einwohnern der Stadt, wie wir ihn seit Jahresanfang erleben, wert?

Knechtel: "Der Grundstücksverkaufserlös ist eine einmalige Einnahme. Ob die Konzessionsabgabe, wir haben sie immer als Leichengebühr bezeichnet, überhaupt rechtlich mit dem Betreiber zu vereinbaren wäre, das wäre zu prüfen. Gewerbesteuer fließt der Stadt in den ersten zehn Jahren, das ist der Abschreibungszeitraum für eine solche Anlage, nur bei sehr hohen Verbrennungszahlen zu. Das Unternehmen käme erst bei etwa 1500 bis 2000 Einäscherungen in eine Gewinnzone. Im Vergleich zum Haushaltsvolumen Nabburgs nehmen sich die Einnahmen - also diese Konzessionsabgabe - relativ gering aus".

Fischer: "Ob sich dieser Konflikt lohnt: Das liegt an den beiden Betrachtungsweisen, die man haben kann. Wer der Meinung ist, das Krematorium fügt der Stadt und seinen Bürgern Schaden zu, wird auf diese Einnahmequelle verzichten, weil wohl der Schaden höher eingestuft wird als der in Geld ausgedrückte Vorteil. Wer aber davon überzeugt ist, dass eine moderne Technik eine Umweltbeeinträchtigung vermeidet und eigene gesetzliche Vorschriften diesen Standard gewährleisten, der wird zur Überzeugung kommen, dass sich das für eine Stadt auf Dauer schon rechnet. Bei anderen Betrieben, die möglicherweise die Umwelt sogar weitaus stärker belasten, würde sich dieser Widerstand wahrscheinlich nicht regen. Aber ein Krematorium ist halt ein Betrieb, der leider von vielen Menschen nicht ohne Emotionen gesehen wird".

Knechtel: "Und ich denke, diese Emotionen muss man respektieren".

Es ist wohl unbestritten, dass ein Krematorium - wie jede andere Verbrennung auch - Schadstoffe freisetzt. Sind die Auswirkungen für Sie hinnehmbar?

Fischer: "Für mich persönlich sind diese Auswirkungen hinnehmbar. Das würde ich auch sagen, wenn ich beispielsweise in Bergelshof oder sonst wo wohnen würde. Es gibt weitaus gefährlichere Auswirkungen für die Gesundheit der Menschen. So wird in diesen Tagen ja über die Rußpartikel in Dieselkraftstoffen mit Recht heiß diskutiert. Kettenraucher wissen gar nicht, was sie anderen Menschen antun können. Wer mit der brennenden Zigarette in der Hand auf die Schadstoffe aus einem Krematorium hinweist, handelt in meinen Augen nicht glaubwürdig. So wird gesagt, es könne sein, dass sich irgendwann einmal ein Krebsrisiko auftun könnte. Das ist für mich ein sehr vages Gegenargument. Es gibt Städte, in denen schon seit vielen Jahrzehnten in unmittelbarer Nähe von Wohngebieten Krematorien stehen. Was hätte man diesen Menschen, die dort wohnen, angetan, wenn dies wirklich so wäre!".

Knechtel: "Die Auswirkungen einer solchen Anlage sind für mich und auch die ganze BI nicht hinnehmbar. Nachdem ja bereits gleichartige Anlagen - zum Beispiel in Fürstenzell und Traunstein - existieren, hätte der Antragssteller mittels objektiven Messzahlen die Unbedenklichkeit, von der die Befürworter immer sprechen, nachweisen müssen. Der Hinweis, dass es sich bei der Anlage um die modernste Technik handelt, reicht mir nicht aus. Moderne, umweltschonende Technik verursacht vor allem auch bei ihrer Umsetzung hohe Kosten, und ein privater Betreiber der versucht sicher, seine Kosten so gering wie möglich zu halten. Schließlich möchte er ja Gewinn erzielen. Aus gesamtökologischer Sicht ist zu beanstanden, dass der überflüssige Verbrauch von Energie - in dem Fall Gas - und die Entstehung von Sondermüll, der dann hinterher entsorgt werden muss, gegeben ist. Zu der Geschichte, dass in anderen Städten auch schon Krematorien stehen: Ich denke, jeder Mensch gibt den Widerstand auf, wenn der Widerstand auf die Dauer nichts bringt und mit sehr hohen Kosten verbunden ist".

Fischer: "In Regensburg ist ja beispielsweise das Dreifaltigkeitsviertel eine exklusive Wohngegend".

Knechtel: "Das ist richtig".

Fischer: "Das wird also von den Regensburgern sehr geschätzt und insofern sehe ich die Argumente entkräftet, dass man den Widerstand aufgibt, weil er mit Kosten verbunden ist, sondern man sieht hier wirklich ein, dass keine Gefahr entsteht".

Haben Sie Verständnis dafür, wenn Menschen aus ethisch-moralischen Gründen eine Feuerbestattungsanlage an ihrem Wohnort ablehnen?

Knechtel: "Ein Krematorium hat nunmal in den Augen oder im Kopf der meisten Menschen ein Negativimage. Egal, welche subjektiven Gründe die Bürger Nabburgs für ihre Ablehnung vorbringen: Man sollte sie ernst nehmen und respektieren. Dass eine große Zahl das Krematorium ablehnt, haben 2000 Unterschriften gezeigt".

Fischer: "Ja, wenn jemand sagt, dass er aus ethisch-moralischen Gründen gegen eine Feuerbestattungsanlage ist, ist das selbstverständlich zu respektieren. Es muss aber dann auch bei anderen Menschen respektiert werden, wenn diese sich für eine Feuerbestattungsanlage aussprechen. Wenn aber andere Argumente vorgebracht werden, dann muss man diese Argumente durchaus kritisch hinterfragen".

Muss eine aufstrebende Tourismus-Stadt wie Nabburg befürchten, dass ihr wegen eines Krematoriums Besucher ausbleiben?

Fischer: "Also, dass kann ich mir wirklich nicht vorstellen. Ich bin der Meinung, dass eher noch mehr Besucher kommen, die auf unsere Altstadt aufmerksam werden können. Nur wer glaubt, ein Krematorium ist das Schrecklichste auf der Welt, könnte derartige Befürchtungen haben".

Knechtel: "Es wurde von uns nie gesagt, das Krematorium wäre das Schrecklichste auf der Welt, aber ich denke, es ist eben wegen diesem Negativimage nicht gerade förderlich für den Tourismus - auch, wenn sich die Anlage nicht innerhalb der Stadtmauern befindet. Ich denke, dass die Zahl der Reisenden, die nach Nabburg kommen, dadurch nicht gerade steigt."

Fischer: "Es könnte ja sein, dass sie, wenn sie nach einer Bestattungsfeier in eine Gaststätte begeben, auf die Altstadt aufmerksam werden und sagen 'das ist ein schönes Städtchen, da fahren wir wieder einmal her'"

Knechtel: "Nur man muss bedenken, dass die Leute, die hier eingeäschert werden, zu 99 Prozent keine Nabburger sind".

Fischer: "Bei den Nabburgern würde sich an der Bestattungskultur überhaupt nichts ändern. Wenn also hier eine Feuerbestattung stattfindet, dann läuft das so ab wie jetzt auch".

Warum hat es keine gemeinsame Informationsfahrt, beziehungsweise -veranstaltung von Stadt und BI gegeben?

Knechtel: "Weil wir uns im Gegensatz zu manchen Stadträten und auch zum Bürgermeister rechtzeitig über das Krematorium informieren wollten und die Stadt von Anfang an eben nur eine Fahrt zu den Krematorien in Traunstein und Fürstenzell plante. Erst auf unseren Wunsch hin wurde dann Regensburg mit einbezogen. Diese beiden Krematorien in Fürstenzell und Traunstein arbeiten aber - wie auch in Nabburg geplant - mit Anlagen der Ofenbaufirma Heinicke. Wir wollten aber von der BI aus ein Krematorium besichtigen, das mehr oder weniger unabhängig informiert. Deshalb sind wir nach Regensburg gefahren. Das Krematorium dort ist städtisch und nicht privat, arbeitet also auf der Basis der Kostendeckung und nicht der Gewinnerzielung".

Fischer: "Eigentlich wäre beides vorgesehen gewesen, eine Informationsfahrt und eine Informationsveranstaltung. Die Veranstaltung im Jugendwerk war gutgläubig von mir mit der Bürgerinitiative vereinbart. Es war der Termin abgesprochen, es war abgesprochen, wer sprechen kann und zu welcher Uhrzeit. Nur wollte man dort keine Informationen mehr haben, sondern man war darauf aus, die bereits gesammelten Unterschriften gegen das Krematorium an mich zu übergeben". Zur Informationsfahrt waren alle Bürger eingeladen. Leider hat von der Bürgerinitiative niemand daran teilgenommen. Lediglich bei der Besichtigung in Regensburg sind überraschend vor dem Krematorium einige Vertreter der BI aufgetaucht."

Knechtel: "Es waren aber auch von uns Leute in Traunstein, und ich konnte eben nicht mitfahren, weil ich ja aus beruflichen Gründen da nicht einfach Urlaub nehmen kann".

Fischer: "Nur war das Krematorium nicht geöffnet".

Knechtel: "Zu der Zeit als die Herrschaften von uns hingefahren sind, ja, das ist richtig. Ich denke, man kann es niemandem vorwerfen, wenn nicht alle Leute verfügbar sind".

Fischer: "Es ist unwahrscheinlich, dass überhaupt niemand Zeit hat. Ich habe mich schon ein bisschen brüskiert gefühlt in der Situation".

Was empfinden Sie bei einem durch die Stadt fahrenden Leichenwagen?

Fischer: "Als Bürgermeister habe ich täglich mit dem Tod zu tun. Unsere beiden Friedhöfe werden von der Stadt verwaltet, Angehörige kommen zur Verwaltung um die Beerdigung bei einem Todesfall zu regeln oder das Bestattungsinstitut fährt mit dem Leichenwagen bei der Stadt vor. Soweit ein Leichenwagen auf den ersten Blick überhaupt von einem anderen Auto unterschieden werden kann, löst es bei mir keinen Schrecken aus. Für zusätzliche Leichenwagen - mögen es nun drei oder fünf sein, die dann zusätzlich zu den über 15 000 Fahrzeugen in der Stadt dazu kommen - wird wohl kaum eine Registrierung möglich sein".

Knechtel: "Mich stört natürlich ein einziger Leichenwagen auch nicht. Legt man aber die hohe Zahl an Einäscherungen zu Grunde, welche die Betreibergesellschaft anstreben muss um rentabel zu arbeiten, so würde Nabburg tatsächlich zum Leichenverbrennungszentrum, das entsprechend stark frequentiert würde".

Fischer: "Nehmen wir einmal an, es gibt 1500 Einäscherungen im Jahr. Dann sind es halt am Tag sechs, aber mehr werden es nicht. Es ist unwahrscheinlich, dass ununterbrochen Leichenwagen Richtung Krematorium fahren".

Haben Sie beim Besuch eines Krematoriums Geruchsbelästigung empfunden?

Knechtel: "Ich persönlich war nur in Regensburg bei einer Einäscherung zugegen. Eine Geruchsbelästigung habe ich nicht festgestellt. Jedoch hat unser BI-Mitglied Josef Kraus bei einer Fahrt nach Traunstein Anwohner aus dem Stadtteil Haidforst getroffen, die von Geruchsbelästigung bei ungünstigen Wetterlagen berichteten".

Fischer: "Ich habe also drei Krematorien besichtigt, eine Geruchsbelästigung habe ich nicht festgestellt. Wer etwas anderes behauptet, sagt schlichtweg die Unwahrheit. Ich glaube es würde reichen, dass wir beide in Regensburg nichts festgestellt haben".

Ist die neben dem Waldfriedhof vorbei führende Staatsstraße eine größere Störung der Friedhofsruhe als eine Krematorium-Zufahrt?

Fischer: "Ich glaube schon. Bei Beerdigungen stellt man das ja oft fest, wenn ein großer Lkw kommt, das ist also schon eine große Beeinträchtigung der Beerdigung. Wenn pro Werktag drei bis fünf Pkw die Zufahrt am Rande der Grabfelder nach oben nehmen und dann auch wieder zurück, wenn sie den Sarg abgeliefert haben, stört das die Friedhofsruhe mit Sicherheit nicht".

Knechtel: "Ich denke, es geht weniger um die Belästigung durch einen bestimmten Lärmpegel, sondern um eine subjektive Belästigung von Trauergästen oder Friedhofsbesuchern, wenn unweit ihres Grabes der Leichenwagen vorbei fährt und sie wissen, dass eben jetzt wieder ein Leichnam zur Verbrennung gebracht wird. Wir haben ja vorhin schon festgestellt, es geht hier auch um Emotionen der Leute".

Wäre ein Industriegebiet der bessere Krematorium-Standort?

Knechtel: "Ich denke, diese Frage stellt sich bei uns nicht, da wir in Nabburg keine solche Anlage brauchen".

Fischer: "Wenn der Investor im Industriegebiet ein Grundstück erworben hätte und würde einen Bauantrag stellen, könnte man diese Anlage wohl nicht verhindern. Selbst, wenn die Stadt ihr Einvernehmen nicht erteilen würde, würde hier von Seiten des Landratsamtes eine Ersatzvornahme stattfinden und die Genehmigung ausgesprochen werden. Ich bin aber der Meinung, dass ein Krematorium in einem Industriegebiet nichts zu suchen hat. Ich finde, dass es in der Nähe eines Friedhofes die Bestattungskultur hebt. So wurde das auch von kirchlicher Seite in Traunstein gesehen."

Knechtel: "Ich denke, da stimmen wir beide überein: Aus Pietätsgründen gehört ein Krematorium nicht in ein Industriegebiet".

Zum Abschluss unseres Interviews möchten wir Sie bitten, folgenden Satz kurz und bündig mit wenigen Worten zu vervollständigen:

"Ich bin für ein Krematorium, weil,. . . "

Fischer: ". . . es das Leben der Menschen in unserer Stadt und die Umwelt unserer Stadt nicht beeinträchtigt und weil kurzfristig und auch langfristig für die Stadt Einnahmen erwartet werden können aber vorrangig deshalb, weil es niemandem wehtut".

"Ich bin gegen ein Krematorium, weil,. . . ."

Knechtel: ". . . Nabburg keine solche Anlage braucht, die Nachteile größer sind, als der vom Bürgermeister immer angesprochene materielle Nutzen und ich vor allen Dingen nicht will, dass mit einer solchen Anlage einer Bestattungskultur Vorschub geleistet wird, die vielleicht darin gipfelt, dass Verstorbene aus allen Ecken Bayerns oder darüber hinaus im Krematorium - und jetzt zitiere ich den Artikel vom 16.2.05 im NT und damit Bischof Warnke - 'technisch entsorgt und ohne personale Identität in einer am Krematorium angrenzenden Gräberwiese, die vielleicht in Zukunft noch geplant würde, anonym bestattet werden'".

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