29.09.2017 - 18:34 Uhr
NabburgOberpfalz

Beim Anblick "fällt die Kinnlade runter"

Baumaßnahmen in der Altstadt sind mit einem Namen verbunden: Dr. Mathias Hensch. Wird in alte Substanz eingegriffen, nutzt der Archäologe die Gelegenheit, Facetten der Geschichte ans Licht zu holen. Diesmal gelingt ein Coup: Entdeckt werden Reste der bedeutenden frühmittelalterlichen Befestigung, der "Nabepurc".

Innerhalb der Nabburger Stadtmauer wurden von dem Archäologenteam um Dr. Mathias Hensch die Reste der frühmittelalterlichen Befestigung, der "Nabepurc" , freigelegt. Bilder: Götz (4)
von Claudia Völkl Kontakt Profil

Zehn Tage legten Hensch und seine Mitarbeiter Ines Buckel, Florian Reitmayer, Andreas Vetter und Benjamin Völkl im westlichen Zwingerbereich Stein um Stein, Schicht für Schicht frei. Bei einer Sondage vor sieben Jahren wurde die Mauer im Zwingerbereich sozusagen knapp verfehlt. Sie machte hier einen Knick. Dafür stieß man auf ein Grab aus dem 9. Jahrhundert mit Gefäßbeigaben. Nun rückten die Archäologen wieder an und nahmen explizit den Bereich des Zwingerweges in Augenschein, zu dem derzeit der einzige Zugang besteht. In der Schmiedgasse führt beim Anwesen Kreckl ein kleiner Weg zu einem Aussichtspunkt, der den Blick auf die aktuelle Grabungsstelle freigibt. Hier soll, wenn der Zwingerweg West 2018 ausgebaut wird, eine Rampe für einen öffentlichen Zugang sorgen.

Wichtiger Zentralort

Und genau hier, auf der Fläche innerhalb des später gezogenen Stadtmauerringes, wurde das Archäologenteam fündig. Mächtige Steine, gebunden mit Kalkmörtel, kamen zum Vorschein, auch Tierknochenreste. Es könnten Brotzeitreste der Arbeiter gewesen sein. Eine Mörtelmauer, das gibt es in der Oberpfalz nur noch in Sulzbach-Rosenberg, beschreibt Hensch die Seltenheit einer so breiten Mauer aus Stein und Kalkmörtel: Geschätzte 4 Meter hoch und an der breitesten Stelle 2,70 Meter breit.

"Man muss sich diese Dimension vorstellen. Um die Steine herbeizuschaffen, mussten die Kalksteine für den Mörtel aus dem Jura-Gebiet importiert werden. Da brauchte man Leute, das waren nicht nur 100 Mann", betonen Dr. Hensch und Dr. Christoph Steinmann vom Landesamt für Denkmalpflege mit Blick auf die damalige Population der Stadt. Eine Mauer dieser Dimension, "das konnte nur der König in die Wege leiten". Man brauchte viele Arbeitskräfte, es wurde Jahrzehnte daran gebaut. Hensch zeichnet ein Bild von der Organisation des großen karolingischen Königreichs, das sich von Aquitanien bis zur Nordsee erstreckte. Die trutzige Nabburger Mauer zeuge davon, dass Nabburg im 9. Jahrhundert nach Christus ein wichtiger Zentralort für das Königtum war, ebenso wohl ein Sammelpunkt des militärischen Heeres.

Die Mauer symbolisiere zum einen die Schutzbedürftigkeit der Bevölkerung, zum anderen die imposante Außenwirkung, verdeutlicht Steinmann. Architektur sei immer auch Machtdemonstration gewesen. Wenn man heute staunend vor einer Garage mit zwei Ferraris stehe, "so hat es den einfachen Leuten damals angesichts dieses Bollwerks die Kinnlade runtergeklappt", meint Steinmann flopsig. Da haben die kampfeslustigen Kontrahenten ganz schön Respekt bekommen. Ins Spiel kommt auch eine Urkunde, die König Heinrich I. 929 in Nabburg ausgestellt hat. Das machte er nur an zentralen Orten seines Königsreiches mit entsprechender Bausubstanz und nicht "in irgendeiner Hütte". Symbolik habe im Frühmittelalter eine große Rolle gespielt.

Bild immer klarer

Steinmann vergleicht die Grabungen mit einem Gemälde, dessen Teile nach und nach rekonstruiert werden. Seit 2004 wissen die Archäologen vom frühmittelalterlichen Ring um Nabburg: Sechs Hektar Fläche. Das Puzzle, das immer vollkommener wird, begann 2004 mit der Grabung im Nordteil des Zwingerweges beim Vermessungsamt, dann folgte 2006 der Untere Markt, 2010 der Bereich nach dem Mähntor im westlichen Zwingerweg, 2011 die Grabung beim Kindergarten und 2010 bis 2012 das Areal Spitalgelände, bei dem ein ganzer Siedlungsbereich freigelegt wurde. Alle die Erkenntnisse wird Regina Feuerer zu einer Doktorarbeit über die Grabungsergebnisse der letzten 14 Jahre zusammen fassen. Wie geht es aktuell weiter? Die Funde werden dokumentiert und gesichert. Statiker Ernst Bräutigam hat den Rampenbereich umgeplant. Bevor die Zugangsrampe gebaut wird, werden die Mauerreste mit einer Platte aus Beton, mit einer Schutzhülle, gesichert und dann wieder mit Erdreich abgedeckt. Die Archäologen sind sich einig: Das sind "sehr seltene Funde", die eine Ausnahme im Burgenbau der Oberpfalz darstellen. Das spreche Bände für die Bedeutung der Siedlung.

Bollwerk des Königreichs

"Wir sind tatsächlich erstaunt", so Hensch und Steinmann. Nabburg sei schon ein gewisses Bollwerk des Königreichs gewesen. Der denkmalschutzrechtliche Mehraufwand sei inzwischen mit der Stadt besprochen. Christoph Steinmann kümmert sich derzeit um die Bezuschussung durch seine Behörde. Wenn der Zwingerweg West fertig ist, wird mit Schautafeln auf die bedeutenden Funde hingewiesen. Mit der Baumaßnahme soll den Planungen nach im Frühjahr 2018 begonnen werden.

Wie eine Garage mit zwei Ferraris.Dr. Christoph Steinmann

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