05.12.2017 - 18:28 Uhr
NabburgOberpfalz

Fragen zum tödlichen Fahrzeugbrand auf der A93 Grausames Restrisiko

Ein grauenvoller Auffahrunfall vor 10 Tagen auf der A 93: Ein 20-Jähriger aus dem Landkreis Neustadt/WN verbrennt bei Nabburg im Wrack seines 7er-BMW. Fragen werden laut: Wieso gerät ein Fahrzeug dieser Klasse so schnell in Brand?

Symbolbild: Ingo Wagner/dpa
von Jürgen Herda Kontakt Profil

Weiden/Bayreuth. Die gute Nachricht vorweg: "Dass ein Auto zum Brennen anfängt, ist extrem selten", erzählt Gutachter Hans-Peter Rauch, der bei dem geschilderten Fall nicht involviert ist. "Ich bin seit 30 Jahren Unfallanalytiker, kann mich aus meiner Praxis aber gerade an drei Fälle erinnern, die ich selbst untersuchte und ein paar, die meine Leute bearbeiteten." Der Gesamtverband der deutschen Versicherungswirtschaft (GDV) registriert nach eigenen Angaben rund 40 000 Fahrzeugbrände im Jahr - davon 15 000 Fälle tatsächliche Brände, der Rest Schmorschäden durch Kurzschluss.

Eine Zahl, die dem Niederlassungsleiter der Dekra in Bayreuth hoch gegriffen vorkommt: "Es gibt auch unklare Versicherungsfälle, wenn Fahrzeuge innerhalb der ersten drei Jahre ausbrennen."

Den konkreten Unfall könne er nicht beurteilen, aber der Fahrzeug-Typ oder die Zentralverriegelung könnten kaum ursächlich für das Drama gewesen sein: "Unachtsamkeit, wie wir sie alle schon, mal erlebt haben", vermutet Rauch, "schlechte Witterung kommt oft dazu, man sieht zu spät, dass sich ein Hindernis nur langsam oder kaum bewegt." Die Wucht müsse den BMW so stark verformt haben, dass er zur Todesfalle geworden sei. Erfahrung aus drei Jahrzehnten lehrt Rauch, dass sämtliche Faktoren negativ zusammenspielen müssen, damit es zu einem Fahrzeugbrand kommt.

An die wenigen kann sich der Experte aus Berndorf (bei Kemnath im Landkreis Tirschenreuth) allerdings noch gut erinnern:

  • Münchberger Senke: Am 19. Oktober 1990 mussten zahlreiche Freiwillige Feuerwehren zum Löschen auf der A9 anrücken. Polizei und Rettungsdienst waren noch nicht vor Ort, "als ein 38 Tonnen schwerer Milchlastzug in die stehenden Fahrzeuge fuhr", erinnert sich Rauch. Er drückte einen Pkw in die Mittelleitplanke, schleuderte zwei weitere Pkw auf die Gegenfahrbahn und quetschte vier Autos zwischen sich und einem stehenden Bus auf weniger als zwei Meter zusammen. Insgesamt waren 121 Fahrzeuge beteiligt. 10 Menschen wurden getötet, 122 verletzt, 38 davon schwer.
  • Ein Unikum: "Ein Motorrad fährt seitlich in einen Pkw", erinnert sich der Sachverständige, "dabei wurde der Tank aufgerissen, durch das geborstene Seitenfenster des Wagens spritzte Benzin, das Wageninnere fing Feuer - höchst unwahrscheinlich, aber möglich."
  • Große Wucht: "Ein Pkw fährt ungebremst in einen Brückenpfeiler", nennt Rauch ein weiteres Beispiel. Wenn das Fahrzeug durch die Wucht zusammengeschoben und die Motorhaube aufgerissen werde, so dass Sauerstoff dazu komme, die Bremsleitungen rissen und Sprit austrete, gleichzeitig noch Funkenflug auftrete, könne ein Fahrzeug in seltenen Fällen in Brand geraten. "Dann spielt es aber auch keine Rolle, ob Sie einen Rolls Royce oder einen Polo haben."
  • Busbrand in Oberfranken: Anfang Juli war ein Reisebus aus Sachsen auf der A9 nahe Münchberg im Landkreis Hof gegen einen Transporter geprallt und danach sofort in Flammen aufgegangen. Rauchs Mitarbeiter ermittelten: "Busbrände, die durch Auffahrunfälle entstehen, sind extrem selten", sagt der Chef. "Es gibt eine Vielzahl von Unglücksfaktoren, die zeitgleich passieren müssen" sagt der Unfallanalytiker.

Klassisch waren dagegen die Folgeunfälle auf der Gegenfahrbahn nach dem Brand des BMW am Samstag - mutmaßlich durch Ablenkung wegen der Rauchentwicklung. "So etwas ist mir ein Rätsel, ärgert sich Rauch, "kürzlich habe ich erlebt, wie Leute bei einer Unfallstelle in Heilbronn auf der Autobahn anhielten, um Handy-Fotos zu machen - da gehört meiner Ansicht nach sofort der Führerschein entzogen."

Ich kann mich aus meiner Praxis gerade an drei Fälle erinnern, die ich selbst untersuchte und ein paar, die meine Leute bearbeiteten.Hans-Peter Rauch, Unfallanalytiker

Brandursachen und Gegenmaßnahmen

Mögliche Ursachen für Brände seien Zündfunken, die mit auslaufendem Treibstoff in Berührung kämen, schadhafte Kabel, oder überhitzte Bremsen, welche die unter extremer Belastung stehende Zwillingsbereifung eines LKW in Brand setze.

"Wenn Sie auf der Autobahn Pkw aufmerksam beobachten, können Sie bei denen schon sehen, wie die Bremsscheiben glühen." Erfahrungswerte von Versicherungen zeigen, dass sich das Feuer in den ersten Minuten relativ langsam ausbreitet, solange kaum Sauerstoff vorhanden sei - Zeit genug, um mit einem Handlöscher gegen die Flammen vorzugehen, da die aus Film und Fernsehen beliebten Explosionen extrem unwahrscheinlich sind. Dennoch hält Rauch eine Löscherpflicht oder Grundausbildung dazu für überzogen: "Bei den wenigen Brandfällen, die ich in meinen 25 Jahren für die Landgerichte Weiden und Bayreuth tätig war, war das so selten - und bei den wenigen hätte auch kein Feuerlöscher mehr geholfen."

Selbstlöschanlagen wie in der Formel 1 hält der Sachverständige erst Recht für abwegig: "Sie verursachen Kosten und vergrößern das Gewicht, energiepolitisch ein Unsinn." Man könne sich nicht gegen das letzte bisschen Risiko versichern. (jrh)

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