Kriegsfolgen in schwarzweiß
Bilder der Erinnerung

Hans Hösl am Grab seines gefallenen Bruders vor Leningrad. Neffe Albert Hösl hütet diesen Zeugen der Familiengeschichte nicht nur, er betrachtet das Foto regelmäßig. Den Friedhof gibt es heute nicht mehr. Zentrale und größte Ruhestätte ist die Kriegsgräberstätte Sologubowka. Repro: Held
Vermischtes
Nabburg
17.11.2017
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Auch diese Aufnahme spielt für Albert Hösl eine große Rolle. Als treue "Begleiterin" seines Vaters hat sie mit ihm Krieg und Gefangenschaft überlebt. Bild: Held
 
Über 55 000 deutsche Soldaten ruhen auf diesem Friedhof. Die Kirche hat die Kriegsgräberfürsorge restauriert. Bild: exb

Erinnerungen verblassen. Albert Hösl hält dagegen, mit einem angejahrten Schwarzweiß-Foto. Die Aufnahme vom Januar 1943 ist nicht nur Zeuge deutscher Kriegs-, sondern auch wesentlicher Teil seiner Familiengeschichte. 

Nabburg-Perschen. Kein Wunder also, dass der 82-Jährige diese Fotografie besonders in Ehren hält. Als sie entstand, war er noch ein Kind, doch alt genug, um mit zu bekommen, dass etwas Schreckliches passiert ist. Am 21. Januar 1943 traf ein Granatsplitter seinen Onkel Alois, den jüngsten Bruder seines Vaters, am Hals. Der 26-Jährige verblutete. Mitten im 1. Weltkrieg geboren, fiel er im 2., mitten in der Blockade Leningrads. Eines der schwersten Kriegsverbrechen der Wehrmacht, aber auch ein Zeichen für den tiefen moralischen Verfall der Deutschen. Doch nicht alle, die kämpften, waren Nazis. Viele Soldaten dienten als Kanonenfutter einem verbrecherischen System mit Allmachtsfantasien.

Uhr fällt von der Wand

Traurig sei er gewesen, der Onkel Alois, weil er wieder in den Krieg musste, weiß Albert Hösl. Ob aus eigenem Erleben oder Erzählungen der Familie, die sich in sein Gedächtnis eingebrannt haben, mag dahingestellt bleiben. Der junge Alois Hösl ist zur Jahreswende 1942/43 auf Heimaturlaub und verlässt den elterlichen Hof in Perschen erst drei Tage vor dem 21. Januar. Sein älterer Bruder Hans ist rund 40 Kilometer entfernt, an einem anderen Abschnitt eingesetzt. "Er war Meldefahrer und als er gehört hat: ,Der Alois is g'fall'n' ist er sofort hingefahren und hat als letzten Gruß diesen Kranz besorgt. Ein Kamerad hat das Foto gemacht. Und", ergänzt Albert Hösl: Alois' Vater, "mein Opa", habe immer behauptet, im Haus in Perschen sei eine Uhr von der Wand gefallen als sein jüngster Sohn vor Leningrad fiel.

Schlichter Holzrahmen

"Vier Onkel liegen in russischer Erde begraben," sagt Albert Hösl. Neben Alois auch der Bruder seiner Mutter und zwei angeheiratete Onkel. Hans Hösl und sein Vater Sebastian haben überlebt. Albert Hösl holt ein weiteres Schwarzweiß-Foto in einem schlichten Holzrahmen, das er ebenfalls hütet wie einen Schatz. Es zeigt ihn mit seiner Mutter und seiner Schwester. Das Bild und Fotografien vom Wohnhaus mit Blumen und Fensterläden helfen seinem Vater zu Überleben.

Am 5. Januar 1941 muss er einrücken. Der Sohn weiß es noch ganz genau. Zunächst bewacht er bei Neumarkt in einem Steinbruch arbeitende französische Kriegsgefangene, dann kommt er als Besatzer nach Griechenland, ständig angespannt und in Habachtstellung vor den gefürchteten Partisanenüberfällen. Später muss Sebastian Hösl Belgrad gegen die vorrückenden Russen verteidigen. "Da kam ein fahnenflüchtiger Meldefahrer und rief meinem Vater zu: 'Hau ab!' Er schaffte es gerade noch über eine Brücke, bevor sie gesprengt wurde". Beim Bombenangriff auf Dresden sei sein Vater nur 30 Kilometer von der Stadt entfernt gewesen. "Er musste am anderen Tag dort mit aufräumen. Das war das Schlimmste, was er je erlebt hat", berichtet der Sohn.

Essiggurken als Geschenk

Am 8. Mai 1945 wird Sebastian Hösl in Prag von Amerikanern gefangen genommen. "Alle wollten von den Amis gefangen genommen werden". Hösl wird aber an die Russen überstellt und kommt als Kriegsgefangener ins Donezbecken (Ukraine). Der 40-jährige Landwirt schuftet im Kohlebergbau, wird in einer Kolchose eingesetzt und fährt mit einem Pferdegespann Brote aus. Weil es auch dem russischen Begleiter schlecht geht und er drei Kinder durchbringen muss, knapst der Perschener immer ein paar Brote für seinen Bewacher ab. Dieser zeigt sich zu Weihnachten mit Kartoffeln und Essiggurken erkenntlich. "Im Kleinen hat's funktioniert zwischen den Menschen, werden über Kriegsgräben hinweg Hände gereicht". Hösls Rettung kommt in Gestalt einer Ärztin. Sie will immer wieder das Bild vom Haus mit den Fensterläden sehen und sagt: "Das hätte sie auch gerne. Mein Vater hat sie mal gefragt: 'Was muss ich denn machen, dass ich heimkomme?' Sie antwortete: 'Viel rauchen und wenig essen.'". Das klappt. 1947 wird Hösl entlassen. "Er wog 47 Kilo." Und, so sein Sohn heute, hinter vorgehaltener Hand wurde gemunkelt: "Ob er das überlebt". Sebastian Hösl überlebt. Er starb 1979.

Leningrader BlockadeAls Leningrader Blockade wird die Belagerung der Stadt durch die deutsche Heeresgruppe Nord, finnische und spanische Truppen während des Zweiten Weltkrieges bezeichnet. Sie dauerte vom 8. September 1941 bis zum 27. Januar 1944. War noch im Juni 1941 die Eroberung der Stadt der Oktoberrevolution von 1917 das Ziel, befahl Hitler in den ersten Septembertagen 1941 der Wehrmacht, das frühere und heutige St. Petersburg nicht einzunehmen. Der Plan war menschenverachtender und perfider. Leningrad sei von der Außenwelt abzuschneiden und anschließend sich selbst zu überlassen. Am 8. September wurde der Blockadering geschlossen. Etwa drei Millionen Einwohner und rund 500 000 Soldaten der Roten Armee waren auf diese Weise dem Hungertod preisgegeben. Auch Heizmaterial war knapp, aber am schlimmsten war der Hunger. Der "Leningrader Kessel" konnte nur aus der Luft und im Winter über den zugefrorenen Ladogasee versorgt werden. Das war viel zu wenig für eine Millionenstadt. Nicht nur Katzen und Ratten wurden gegessen oder Brote mit Sägemehl gestreckt, es kam auch zu Fällen von Kannibalismus. Fast 900 Tage dauerte die Belagerung. Sie kostete nach Schätzungen 1,1 Million Zivilisten das Leben. Vernichtung durch Hunger war ein Kalkül der Rassenideologen um Hitler, die "jüdisch-bolschewistische Bevölkerung" auszurotten.


Kriegsgräberstätte SologubowkaDie deutsche Kriegsgräberstätte liegt im Ortsteil Lesje der Stadt Sologubowka etwa 70 Kilometer von St. Petersburg entfernt. Sie ist der größte deutsche Soldatenfriedhof im Ausland und ein Sammelfriedhof für über 50 000 im Zweiten Weltkrieg gefallene deutsche Soldaten. Bis Ende 2016 haben 55 041 Gefallene aus verschiedenen Grablageorten hier eine endgültige Ruhestätte erhalten. Die Namen und Daten von 35 348 Toten sind auf Granitstelen verewigt. Der Volksbund Deutsche Kriegsgräberfürsorge erhielt für den Bau des Friedhofes ein fünf Hektar großes Gelände auf kircheneigenem Grund.

Das Projekt gliedert sich in drei Teilbereiche: den Friedhof zur Erinnerung und Mahnung, den Friedenspark und die russisch-orthodoxe Kirche. Die Kirche "Mariä Himmelfahrt" wurde 1851 eingeweiht, in den 20er und 30er Jahren ausgeplündert und 1937 geschlossen. Während der Kriegsjahre befand sich im Keller ein Lazarett für deutsche Soldaten. Der Volksbund richtete nach der Renovierung im Gewölbe einen Gedenk- und Ausstellungsraum ein. Am 20. September 2003 übergab er das vollständig restaurierte Gotteshaus an die russische Gemeinde. (ihl)
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