14.07.2008 - 00:00 Uhr
Neunburg vorm WaldOberpfalz

Neunburger "Hussenkrieg" weist sich noch deutlicher als Anklage gegen schlechte Politik und ... Leid und Trauer nach dem großen Sieg

Bürger und Bauern aus Nabburg huldigen dem zum Kampf entschlossenen Pfalzgrafen Johann (Peter Pauly links). Das Freilichttheater "Vom Hussenkrieg" hatte in Neunburg vorm Wald zum 26. Mal Premiere. Bild: Gerhard Götz
von Rudolf BarroisProfil

Ein lockeres Sommertheater ist das nicht, was die Neunburger heuer zum 26. Mal im Hof der alten Pfalzgrafenburg aufführen: "Vom Hussenkrieg" ist ein dramatisches und tragisches Stück gegen den Krieg, gegen schlechte Politik, Habgier, Machtgelüste und Fanatismus. Der Stoff, aus dem Peter Klewitz sein Stück geschrieben hat, ist auch 2008 beängstigend aktuell.

Das zeigte sich einmal mehr, als das Spiel rund um die berühmte Schlacht von Hiltersried im September 1433 am Samstag Premiere hatte. Nikol Putz führte zum zwölften Mal Regie und trug heuer noch mehr der Tatsache Rechnung, dass zunehmend Zuschauer aus Tschechien nach Neunburg kommen. Denn der Hussenkrieg ist auch ihre Geschichte, grausam, leidvoll und mit hohem Blutzoll bezahlt.

Neue Szene eingefügt

Putz hat in das dramatische Geschehen in diesem Jahr eine Szene eingefügt, in der ein hussitisches Elternpaar (dargestellt von Tibor Alesik und Jana Drabkova) das überbracht bekommt, was von ihrem gefallenen Sohn übrig geblieben ist: Ein Bündel blutige Kleider, ein Beutel Geld, ein Schwert. Die Szene wird in tschechischer Sprache gespielt, und doch versteht jeder, was der Vater sagt, als er das Beutegold seines Sohnes in den Sand fallen lässt.

Der Inhalt ist seit 600 Jahren Geschichte in einer Region, die jahrhundertelang immer wieder Kriegsschauplatz gewesen ist, so auch in der ersten Hälfte des 13. Jahrhunderts, als ein Hussitenheer in die Oberpfalz zog um Beute zu machen für die Glaubensbrüder, die gerade Pilsen belagern. Ein Heer von Rittern, Bürgern und Bauern stellt den Gegner bei dem Dorf Hiltersried und schlägt ihn vernichtend.

Peter Pauly spielt engagiert und temperamentvoll den Pfalzgrafen Johann, der die letzte Entscheidung zu treffen hat und weiß, welche Verantwortung er damit auf sich lädt. An seiner Seite Lydia Scheidler als Pfalzgräfin, die die Angst der Frauen um ihre ins Feld ziehenden Männer teilt, sich dann aber tapfer an die Seite ihres Mannes stellt.

Die Doppelbödigkeit des Konflikts ist gleichsam personifiziert in den beiden Geistlichen, die mit ins Feld ziehen: Da ist der fanatische, vom Hass auf die Ketzer erfüllte Pfarrer Mockel, den Richard Koslowski einprägsam darstellt. Ganz anders Pfarrer Schmalzhaffen, der die Motive des Reformers Jan Hus versteht, sich von der Kirche abzuwenden. Des Pfalzgrafen Entscheidung fällt freilich auf der Ebene "Untergehen oder sich wehren" und ist daher nicht aufzuhalten: Alleingelassen von seiner Wittelsbacher Verwandtschaft entscheidet er sich für die Schlacht gegen einen zahlenmäßig überlegenen Feind.

In diesem Freilichtspiel gibt es, auch in entsprechenden Positionen, nicht die Stars. Vom Pfalzgrafen bis zum Armenhäusler waren sie vor 600 Jahren eine geschlossene und entschlossene Gemeinschaft. Und auf der Bühne sind sie ein Ensemble, das als Ganzes brillant spielt und dem Taktstock von Nikol Putz folgt.

Der hat sich schon vor zwölf Jahren zu einer offenen Inszenierung entschlossen, die das Publikum unmittelbar anspricht und beteiligt. Es ist episches Dialogtheater im besten Sinne, ein Lehr- und Lernstück obendrein. Denn die Zuschauer, die beinahe atemlos der Handlung folgten, kommen auch an diesem Abend nicht umhin, sich der Frage zu stellen: Lernen wir aus der Geschichte?

Internationale Ebene

Die Antwort ist um so drängender als sie gerade erlebt haben, wie der Ritter Hans Zenger seinen totgeglaubten Sohn bei den Hussiten wiederfindet und ihn, provoziert und angestachelt durch den fanatischen Mockel, schließlich tötet.

Das Thema "Glaubenskrieg", den die Oberpfalz auch im Dreißigjährigen Krieg sattsam erneut zu spüren bekam, setzt sich heute fort auf internationaler Ebene. Das "Viktoria" der siegreichen Oberpfälzer trägt einen Trauerschleier, für Triumphzüge gibt weniger denn je Anlass. Das konnten die Zuschauer von Neunburg mitnehmen. Ihr Beifall galt freilich einem Ensemble von 130 Laiendarstellern, die in vorzüglicher Maske, Kostümierung und Szene leidvolle Geschichte für die Gegenwart wieder lebendig machten.

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