18.10.2017 - 10:34 Uhr
Neunburg vorm WaldOberpfalz

Beim Deutschunterricht für Flüchtlinge ist auch Kinderbetreuung inklusive "Mama hat jetzt Schule"

Die Schulsachen stecken im Kinderwagen, aber sie sind nicht für die großen Geschwister bestimmt. Im Neunburger Pfarrzentrum drücken Mütter die Schulbank - und müssen oft ganz von vorne anfangen.

Corinna Lingl hat recht unterschiedliche "Schülerinnen" in ihrer "Klasse". Viele sprechen arabisch, manche etwas englisch oder französisch. Einige müssen aber auch erst das Alphabet lernen. Bilder: Bugl (3)
von Monika Bugl Kontakt Profil

Zohira aus Syrien kommt mit Kopftuch und langem schwarzen Mantel, Selam aus Eritrea trägt ein ärmelloses Top. So unterschiedlich wie der Kleidungsstil sind auch Kultur und Bildungsniveau, das die Frauen im Kurs von Corinna Lingl mitbringen. Sie alle wollen die Sprache lernen, die der Schlüssel ist zu dem neuen Land, in dem ihre Flucht ein vorläufiges Ende gefunden hat. Ob mit oder ohne Kopftuch, jede Schülerin wird per Küsschen und Handschlag in den Kreis aufgenommen. Einige haben Kuchen gebacken für die Pause, andere versuchen verzweifelt, verschreckte Kinder vom "Rockzipfel" zu lösen.

"Guten Morgen" steht an der großen weißen Tafel, daneben ein Smiley. "Wann bist du heute aufgestanden?", eröffnet die Kursleiterin den Unterricht, und schon kommen die ersten Antworten auf den Satz, den die Lehrerin mit schwarzem Filzstift an die Tafel geschrieben hat. Die zwölf Schülerinnen aus Äthiopien, Eritrea, Irak, Syrien und Tunesien haben recht unterschiedliche Kenntnisse aus ihren Heimatländern mitgebracht.

"Moschee" definieren

Dreimal pro Woche üben sie nun gemeinsam zwei Stunden lang die schwere deutsche Sprache. "Es gibt auch einige Analphabeten, die in ihrer arabischen Muttersprache weder schreiben noch lesen können", hat die Lehrerin festgestellt, "da kommt man mit normalem Unterrichtsmaterial nicht weiter". Andere ordnet die Kursleiterin, die eigentlich Gymnasiallehrerin für Englisch und Geschichte ist, so auf dem Niveau der Drittklässler ein - "mal abgesehen von der Rechtschreibung".

Wenn sie mit den Anfängerinnen übt, bekommen die Fortgeschrittenen eine Textarbeit. Anhand der Legende "Mohammed und die Katze" sollen sie Begriffe erklären. "Was ist eine Moschee?", lautet da beispielsweise die Frage. "Und das ist gar nicht einfach", sagt Lingl.

Damit sich die Mütter auf den Unterricht konzentrieren können, werden nebenan die kleinen Töchter und Söhne betreut, vom sieben Monate alten Murat bis zu den fast schulpflichtigen Kindern. Angela Gruber, Martina Bucher und als ehrenamtliche Verstärkung Christina Ziereis halten Babys im Arm, schütteln Rasseln und lesen dazu aus dem Buch von Arielle der Meerjungfrau vor. Trotzdem geht die Türe zum Klassenzimmer an diesem Vormittag öfter auf. "Mama hat jetzt Schule, du bist erst später dran", sagt eine der drei Kinderbetreuerinnen und schnappt sich freundlich, aber bestimmt ein kleines Mädchen.

Ein kleiner Knirps mit dunklen Locken will Mamas Hand gar nicht erst loslassen, gleich kullern Tränen aus den großen braunen Augen. "Die Kinder kommen aus einem Kriegsgebiet, sie sind ganz verschreckt", weiß die Lehrerin und zeigt Verständnis. Die fünfjährige Shahd habe lange kein einzige Wort gesprochen, wissen die Betreuerinnen. Sie wird wie ihre Mutter noch viele Wörter in einer fremden Sprache lernen müssen. 57 Tage in sechs Monaten sind dafür reserviert. Und auch Lehrerin Corinna Lingl hat schon viel gelernt. "Ich glaube, ich will nichts Anderes mehr machen", lautet ihr Resümee über den etwas anderen Einstieg nach der eigenen Elternzeit. Sie genießt die kleine Gruppenstärke. "In der Schule wahrt man immer Abstand und Distanz zu den Kindern", stellt sie fest, "hier geht es ums Annähern, ums Kennenlernen".

"Aufgeblüht"

Die Pausenverpflegung, ob orientalischer Reis mit Kokos, gefüllte Weinblätter oder bayerische Küchel, tröstet über schier unüberwindliche grammatikalische Hürden hinweg. Wenn Erklärungen in eine Sackgasse münden, kann manchmal statt der Lehrerin die Tischnachbarin weiterhelfen. Corinna Lingl sieht den Wortschatz wachsen und das Selbstbewusstsein. "Manche Frauen sind hier richtig aufgeblüht."

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