24.07.2017 - 20:10 Uhr
Neunburg vorm WaldOberpfalz

Neunburg nimmt mit Deutschkurs für Mütter eine Vorreiter-Rolle ein Damit Mama mitreden kann

Das "Guten Morgen" klappt schon perfekt. Selam aus Eritrea traut sich sogar, einen Satz in der neuen Sprache an die Tafel zu schreiben. Sie ist eine von zwölf Frauen im Deutschkurs für Mütter, der seit Juni in Neunburg läuft. Integrationsprojekte wie dieses sollen nun Schule machen.

Die Einnahmen aus einer Benefizaktion wissen die Vertreter der Service-Clubs, Uwe Spandau, Axel Jakobitz, Michael und Cornelia Horsch (im Hintergrund Vierter bis Siebter von links) beim Neunburger Deutschkurs für Mütter gut angelegt. Jetzt wollen sie zusammen mit der Neunburger Integrationsbeauftragten Elke Reinhart (Zweite von rechts) ausloten, wo im gesamten Landkreis noch Bedarf besteht in Sachen Integration. Bild: Bugl
von Monika Bugl Kontakt Profil

"Hut ab", sagt Unternehmer Michael Horsch nach einem Blick ins Klassenzimmer, "da haben wir in Schwandorf noch ein bisschen was nachzuholen." Als Mitglied beim Rotary-Club will er bei der Integration von Flüchtlingen mit anpacken, und hat dazu auch andere Service-Clubs ins Boot geholt. "Integration SAD" lautet das gemeinsame Schlagwort, der Startschuss dazu fiel in den Räumen über dem Neunburger Pfarrheim.

Dort empfingen die Sprachschülerinnen nun neben Horsch und seiner Frau Cornelia auch Axel Jakobitz (Past-Präsident Round Table) und Uwe Spandau (Rotary-Club Oberpfälzer Wald). Denn dass sie hier sechs Stunden die Woche Deutschunterricht genießen können, verdanken sie den Spenden aus diesen Kreisen. Der Clou: Um den Unterricht für die Mütter überhaupt zu ermöglichen, werden ihre Kinder im Zimmer nebenan betreut.

"Die großen Kinder gehen ja schon zur Schule, sonst wären es statt 17 nämlich 30 Kinder", informiert die Neunburger Integrationsbeauftragte Elke Reinhart und stellt die Teilnehmerinnen am Sprachkurs für Mütter vor. Irak, Syrien, Tunesien, Eritrea und Äthiopien heißen ihre Heimatländer. Auch Analphabetinnen sind unter den eifrigen Schülerinnen, sie werden wohl auf Deutsch statt in ihrer Muttersprache Lesen und Schreiben lernen.

Nicht zu Tode kuscheln

Reinhart hatte sich mit ihrem Engagement in Neunburg als ideale Anlaufstelle für die Mitglieder der Service-Clubs entpuppt. Sie ist selbst Mitglied bei Rotary, hat den Kleiderladen "Emma" ins Leben gerufen und ist mit dem Projekt "Frieden stiften" in Schulen unterwegs, um Vorurteile abzubauen. Ihr Credo: Genau da ansetzen, wo Bedarf ist, aber nicht zu Tode kuscheln.

"Es gibt kein fertiges Konzept für Integration", gab anschließend bei einem Pressegespräch im Rathaus auch Neunburgs Bürgermeister Martin Birner zu bedenken. Er verwies auf einen Vorläufer des Kurses lange vor der großen Flüchtlingswelle. Ein Glücksfall sei es, dass Reinhart nun als Integrationsbeauftragte Aufgaben übernehme, die über ehrenamtliche Arbeit hinausgehen. Jetzt wurden auch andere auf ihre Herangehensweise aufmerksam.

Eine Benefizgala bei der Firma Horsch im November hatte laut Jakobitz Geld in einen Topf gespült, das die Clubs, darunter auch der Lions-Club, nun gut anlegen möchten. "Wir wollen damit die Angst vor Entfremdung aus der Bevölkerung herausnehmen", argumentiert Horsch, "denn die Angst ist berechtigt, wenn wir nichts tun". Hier seien auch die Unternehmer gefordert.

Man wolle aber nicht nur Geld sammeln, sondern motivieren, sich aktiv einzubringen. Ein erster Schritt dabei ist der Sprachkurs in Neunburg. Das Projekt der Clubs "Integration SAD" werde uneingeschränkt vom Landkreis "befürwortet und unterstützt", bekundete auch Landrat Thomas Ebeling seine Zustimmung. "Die Neunburger haben erkannt, dass der Schlüssel zur Integration die Kinder sind", erklärte die Rektorin der Neunburger Realschule, Diana Schmidberger: Das Schulsystem sei auf die Unterstützung durch die Eltern angewiesen - und die funktioniere eben nur, wenn auch die Mütter mitreden können. "Wir dürfen Integration nicht mit schnellem Umerziehen verwechseln", warnte die Integrationsbeauftragte mit Blick auf kulturelle Besonderheiten. "Jeder Einzelne hat ganz schlimme Ängste und Sorgen."

Viel selbstbewusster

Trotz aller Sorgen haben die zwölf Frauen bei Lehrerin Corinna Lingl schon große Fortschritte gemacht. Das ist auch Asyl-Sozialberaterin Andreea Bercea aufgefallen, die einige der Frauen bereits von ihrer Arbeit in der Neunburger Gemeinschaftsunterkunft für Flüchtlinge kennt: "Die Frauen haben jetzt an drei Tagen eine neue Beschäftigung, sie sind inzwischen schon viel selbstbewusster geworden."

Wir dürfen Integration nicht mit schnellem Umerziehen verwechseln.Integrationsbeauftragte Elke Reinhart

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