01.12.2017 - 18:08 Uhr
NeusorgOberpfalz

Sänger ohne Worte Schlaganfallpatient erzählt, wie das Singen ihm hilft

Johannes Müller fehlen die Worte, seit ihm 2014 ein Hirnschlag traf. Obwohl er kaum sprechen kann, singt er im Kirchenchor - und findet so zurück ins Leben.

Johannes und Maria Müller mit ihren Enkeln (von links) Valentina, Franziska und Jannick. Auch mit ihnen singt Johannes Müller gerne. Bild: wüw
von Wolfgang Würth Kontakt Profil

Er weiß, was er sagen will, aber Johannes Müller findet die Worte nicht. ,Man kann es seinem Gesicht ansehen, wie sehr er danach sucht, aber sie sind aus seinem Kopf verschwunden. Für den 64-Jährigen ist das hart. "Manchmal wird er ungehalten", sagt seine Frau Maria.

Müller war es anders gewohnt. Früher konnte er gut sprechen, hat mit angeschafft als Abteilungsleiter beim SV Neusorg. Dann kam der 4. April 2014, der Tag an dem der pensionierte Lokführer seine Sprache verlor. Seit dem Schlaganfall kämpft sich Johannes Müller zurück ins Leben. Je zweimal die Woche besucht er Ergotherapeut und Logopäde. Und immer am Freitag geht es zur Kirchenchor-Probe. Denn Johannes Müller kann zwar nicht sprechen - aber Singen, das geht fast wie früher.

40 Jahre singt der Tenor schon für die Pfarrei Patrona Bavaria. Auch sonst war Müller aktiv. "Er war immer unterwegs", erzählt seine Frau. Beim SV begleitete er den Aufstieg der Fußballer von der C-Klasse in die Landesliga. Bei der Neusorger Blaskapelle schlug er die große Trommel. "Und plötzlich konnte er nicht mehr sprechen", erzählt Maria Müller von dem einschneidenden Tag. Im Klinikum in Weiden bestätigte sich die befürchtete Diagnose, zwei Wochen musste er im Krankenhaus bleiben, danach ging es bis 30. Mai zur Reha nach Nittenau, doch die Worte blieben verloren. Müller zog sich aus der Öffentlichkeit zurück, den SV verfolgt er heute vor allem in der Zeitung, die Trommel kann er nicht mehr spielen und auch zu den Singstunden ging er über ein Jahr nicht. Wieso auch, er konnte ja nicht einmal sprechen.

Seiner Schwester Cordula Philipp verdankt er, dass es heute anders ist. Sie hat ihn zur Chorprobe mitgenommen. "Ich musste aber nicht viel Überzeugungsarbeit leisten. Nur ein wenig motiviert habe ich ihn", sagt sie heute. Den Plan habe sie schon kurz nach dem Schlaganfall gefasst. Beim Besuch in der Reha sei ihr aufgefallen, dass ihr Bruder zwar nicht sprechen, aber singen kann. "Es war wie eine Eingebung", erinnert sie sich an einen Besuch in Nittenau. Bei einem Spaziergang war ihr einfach danach: "Ich habe 'Segne Du, Maria' angestimmt. Und er hat plötzlich mitgesungen." Ihr sei klar geworden, dass das Singen ihrem Bruder hilft.

Das hat sich bewahrheitet, bestätigt Maria Müller. "Es geht langsam aber mein Mann macht Fortschritte." Johannes Müller singt auch gerne mit seinen Enkeln und in der Logopädie (Hintergrund). Die Texte der alten Lieder sind in seinem Kopf noch alle da. Nur wenn es darum geht, Neues zu lernen, tut Müller sich schwer. Der Gesang bringt ihn unter Leute, die Kontakte im Chor tun ihrem Mann gut, ist Maria Müller sicher. Im Ensemble sei er inzwischen wieder ein Sänger wie die anderen 25. Zuletzt habe sich die Formation vor allem auf den Advent und die Weihnachtszeit vorbereitet. Schon am Sonntag, 3. Dezember, gestaltet der Kirchenchor einen Adventsnachmittag mit. Der Tenor freut sich auf den Auftritt. Sein Lieblingsstück ist aber kein Adventslied. Müller bemüht sich lange, um den Titel des Liedes auszusprechen, doch er will nicht heraus aus seinem Mund. Deshalb muss es anders gehen: Müller hält kurz inne und singt dann ganz klar "Segne Du, Maria".

Logopädie: Singen hilft

Wenn Schlaganfallpatienten ihre Sprache verlieren, kann dies an verschiedenen Gründen liegen. In allen Fällen ist es wichtig, die Sprache zu trainieren, um das Sprechen neu zu erlernen. "Singen bietet sich dafür an", sagt Arngard Strömann. Ihre Marktredwitzer Logopädie-Praxis besucht Johannes Müller zweimal die Woche.

Im Falle des Neusorgers helfe das Singen besonders. Der Schlaganfall betraf die linke Seite seines Gehirns. "Bei einem Rechtshänder sitzt eben dort das Sprachzentrum", erklärt die Atem-, Sprech- und Stimmtherapeutin Strömann. Mit dem Hirninfarkt habe er deshalb die dort abgespeicherten Worte verloren.

Musik verarbeitet das Gehirn dagegen in seiner anderen Hälfte. "Damit sind auch die Texte altbekannter Lieder verbunden", erklärt Strömann. Deshalb kann ein "sprachloser" Patient diese bekannten Lieder singen - und dabei gleichzeitig das Sprechen trainieren. Dazu kommen positive psychologische Effekte, sich im Chor und damit unter Leute zu begegnen. Und auch dort biete sich die Möglichkeit, zu sprechen und so die Sprache zu trainieren. (wüw)

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