09.11.2017 - 17:16 Uhr
Neustadt am KulmOberpfalz

Kirchturm in Neustadt am Kulm nachts stumm Letztes Stündlein

Nachts bleibt der Kirchturm in Neustadt am Kulm stumm. Nicht ein Glockenschlag kündigt mehr die neue Viertelstunde an. Und auch um Punkt 20 Uhr herrscht Stille. Die Schuldigen: Schlafmangel und die "Tagesschau".

Pfarrer Hartmut Klausfelder muss manchmal über die Wünsche seiner "Schäfchen" schmunzeln.
von Anne Spitaler Kontakt Profil

Kurioses geht in der Stadt am Fuße des Rauhen Kulms in Sachen Glockenschlag zu, findet Hartmut Klausfelder. Der Pfarrer muss manchmal schmunzeln über die Wünsche seiner "Schäfchen". Erst vor einem halben Jahr erfuhr der 52-Jährige, der seit 2013 Pfarrer in der Kulmstadt ist, zufällig davon, warum der Kirchturm um Punkt 20 Uhr keine Töne mehr von sich gibt - zu jeder anderen vollen Stunde tagsüber aber schon.

Der Grund sei die "Tagesschau", die um diese Uhrzeit ausgestrahlt wird, erzählte ihm ein Bürger. Die Geschichte dahinter: Anwohner hätten sich vor einigen Jahren über das laute Gebetsläuten beschwert, seitdem ertönt die Glocke schon einige Minuten vor 20 Uhr. Mit Kopfschütteln und einer gewissen Verwunderung habe sich Klausfelder die Geschichte vor ein paar Monaten angehört. "Ich gebe ehrlich zu, ich kann es nicht nachvollziehen, wenn es nur um die ,Tagesschau' geht", meint der Pfarrer. Zu jeder Zeit könnten Menschen gestört werden, dann "dürfen gar keine Glocken mehr läuten - auch nicht am Sonntag".

Zu wenig Schlaf

Für den 52-Jährigen ist es aber wichtig, dass es das Gebetsläuten überhaupt noch gibt, auch wenn es früher ist. "Es ist ja eine Einladung zum Abendgebet, und das wird in vielen Familien noch zelebriert", erzählt er. Wenn das Glockenspiel daher deswegen verschoben worden sei, damit sich Abendgebet und "Tagesschau" nicht überschneiden, findet es der Pfarrer sogar gut. "Dann betet man erst und dann schaut man die Sendung." Und zumindest ertönt aus dem Fernseher heraus um Punkt 20 Uhr eine Glocke - nämlich dann, wenn die "Tagesschau" eingeläutet wird.

Dass der Kirchturm in der Kulmstadt mittlerweile nachts überhaupt keinen Mucks mehr von sich gibt, dafür kann Klausfelder aber auf jeden Fall Verständnis aufbringen. "Es gibt Leute, die einen sehr leichten Schlaf haben." Gerade im Sommer, wenn das Fenster offen ist, kann der Glockenschlag zu jeder Viertelstunde nerven, meint er. Der Pfarrer gehört selbst zu denjenigen, die mit einem leichten Schlaf zu kämpfen haben, und ist dankbar für die Stille zur Schlafenszeit.

"Neustädter Kuriosum"

Ungewöhnlich sei die nächtliche Pause nicht. Im Kloster Plankstetten sei das bei seinem Besuch vor einigen Jahren auch so gewesen, erinnert sich der Pfarrer. Und auch das Dekanat habe nichts dagegen. "Es wird nicht verordnet, wann die Glocken läuten müssen", erklärt er. Einstimmig hat der Kirchenvorstand auf Wunsch einiger Bürger deshalb beschlossen, das Läuten ab Oktober abzustellen. Zum letzten Mal erklingt die Glocke deshalb um 22 Uhr, und am Tag darauf erstmals wieder um 6 Uhr - genug Zeit für ausgiebigen Schlaf. "Die Läuteanlage ließ sich Gott sei Dank programmieren", auch wenn das kompliziert gewesen sei, wusste Klausfelder. Die nicht allzu hohen Kosten übernimmt die Kirchengemeinde.

Überrascht war der Pfarrer dann knapp eine Woche nach dem Abstellen des Läutens. "Da gab es die ersten Beschwerden in die andere Richtung: Manche vermissen den nächtlichen Uhrenschlag." Aber auch das nimmt Klausfelder mit einem Schmunzeln hin: "Es ist ein sympathisches Neustädter Kuriosum."

Eher selten

Auch andernorts stören sich Bürger am Glockengeläut: Die Pressather Stadtpfarrkirche schaltet von 22 bis 6 Uhr ab (wir berichteten). Besonders problematisch sieht zumindest das evangelische Dekanat das Thema nicht. "Es soll bisweilen vorkommen, dass Leute zuziehen und dann feststellen, dass hier Kirchenglocken läuten", erklärt Dekan Wenrich Slenczka. Insgesamt seien Beschwerden im Dekanat Weiden aber selten. Und wenn sie vorkommen, ist auch Slenczka dafür, die Sache pragmatisch zu lösen und lieber abzuschalten, als sich zu streiten. "Es geht ja nicht um das liturgische Läuten. Und Nachts kann man auch mal selbst auf die Uhr schauen." (wüw)

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