Landestheater Oberpfalz überzeugt mit bitterbösem Musical Elternabend
Eine Runde Ritalin für alle!

Fiktiv und doch ganz nah an der Wirklichkeit: Der "Elternabend" des Landestheaters Oberpfalz überzeugt bei der Premiere in Neustadt. Bild: Stiegler
Kultur
Neustadt an der Waldnaab
18.03.2018
616
0
 
Fiktiv und noch ganz nah an der Wirklichkeit: Der "Elternabend" des Landestheaters Oberpfalz überzeugte bei der Premiere in der Neustädter Stadthalle

Wer ihn kennt, weiß es: Er kann die Hölle sein. Sowohl für die, die ihn anbieten, als auch für jene, die ihn besuchen. Auf der Bühne macht das Landestheater Oberpfalz aus dem "Elternabend" eine gelungene, bitterböse Musikkomödie.

Neustadt/Waldnaab. Die Ausstattung des Kinderhorts trügt: An der bemalten Wand herrscht eitel Sonnenschein, sogar ein freundlicher, bunter Regenbogen ist dabei. Im ganzen Zimmer sind Kuscheltiere aufgestellt, die eine heimelige Atmosphäre vermitteln sollen. Solange noch niemand auf der Bühne steht, mag diese Scheinidylle Bestand haben.

Die Realität entwickelt sich dann aber ziemlich schnell ziemlich anders. In Szene gesetzt hat dies Till Rickelt auf eine Art, die amüsant und schonungslos zugleich ist. In einer aus Elterninitiative gegründeten Nachmittagsbetreuung trifft der neue Erzieher Dennis (als herrlich langweiliger Sozialpädagoge wie aus dem Bilderbuch: Adnan Barami), der mittlerweile der achte in sechs Jahren ist, die Mamas und Papas seiner Schützlinge zum Elternabend. Zu Beginn heuchelt man noch Freundlichkeit, doch schon bald werden die verbalen Messer gezückt, und die Ansammlung verwandelt sich in den sprichwörtlichen Käfig voller Narren.

Verschiedene Weltbilder

Das Publikum begegnet nämlich genau den Typen, denen man nicht nur am Elternabend, sondern auch im "echten" Leben am liebsten aus dem Weg gehen möchte - aber nicht kann. Unterschiedliche Weltbilder und Erziehungsstile prallen aufeinander: Beim "Elternabend" geht es darum, dass Spielgeräte "kordelsicher" gemacht werden, dass Kinder doch niemals lügen würden, sondern höchstens schwindeln, und dass es das ADHS-Kind nicht gebe, sondern nur das "sensible Kind mit leicht übersteigerter Motorik". Das alles wird gekleidet in Songs, die mal wirklich saukomisch sind, die einem aber auch das Lachen im Halse stecken bleiben lassen.

"Ritalin, Ritalin, schick den Stress durch den Kamin. Plötzlich wird dein kleiner Schläger über Nacht zum Leistungsträger!", heißt es in einem Lied mit viel Choreographie. In einem anderen geht es um die Ausgegrenzten, die nirgends mitmachen dürfen: "Alle spielen, einer nicht. Alle laufen, einer kriecht!" In eine ähnliche Kerbe schlägt das Lied, das den meisten Applaus des Abends erhält: "Wie lange hält ein Mensch das aus, wenn jeder ihn nur tritt? Wenn alle Hau den Lukas spiel'n, wie lang spielt Lukas mit?"

Deutlich fröhlicher geht es beim Frauen-Trio zu, das den Homosexuellen als den perfekten Mann besingt. Besetzt sind die Teilnehmer des Elternabends neben Erzieher Dennis ideal: Sofia Mindel als Irene, ein vermeintlicher Gutmensch durch und durch; dann Stefan Puhane und Claudia Lohmann als Ehepaar Gerd und Vera, das beim Elternabend nicht nur das wirkliche Wesen des eigenen Kindes entdeckt, sondern auch die eigene Beziehung aufarbeitet; Sophia Scherm als die völlig lebensfremde und vor Naivität strotzende Gabi; und Ruppert Grünbauer als Kurt, der größeres Interesse am Handy als am eigenen Kind zu haben scheint. Herausragend aus einem eh schon auf hohem Niveau agierenden Ensemble ist Saskia Lang als alleinerziehende Anouschka, die mit ihrem Gesang und mit ihrer Darstellung die Herzen erwärmt.

Starker Applaus

Vocal-Coach Sandro Augustin hat im Vorfeld hervorragende Arbeit geleistet. Die Band mit musikalischem Leiter Thomas Basy am Klavier, Markus König (Klarinette, Saxofon) und Matthias Baumann (Drums) überzeugt auf ganzer Linie. Und so wie tagsüber die Kleinen, fallen schließlich die Erziehungsberechtigten am Elternabend übereinander her. Viel Applaus gibt es für das Ensemble.
Schon dabei? Hier anmelden!
Schreiben Sie einen Kommentar zum Beitrag:
Spam und Eigenwerbung sind nicht gestattet.
Mehr dazu in unserem Verhaltenskodex.