04.02.2004 - 00:00 Uhr
Neustadt an der WaldnaabOberpfalz

Wolfgangsreliquie bleibt nach Diebstahl verschwunden - Interview mit Stadtdekan Alois Möstl: Pietät der Gläubigen schwer verletzt

Der Diebstahl einer Reliquie aus der steinernen Figur des heiligen Wolfgang aus dessen Hochgrab in der St.-Wolfgangs-Kirche im Süden Regensburgs sorgte vergangene Woche für Schlagzeilen. Tief betroffen zeigt sich der zuständige Stadtpfarrer und Stadtdekan Monsignore Alois Möstl. Der in Neustadt aufgewachsene Sohn von Realschulrektor a.D. Anton Möstl leitet seit zwölf Jahren die größte Pfarrei der Oberpfalz und klärte in einem Interview über die näheren Umstände der Tat auf.

von Hans PremProfil

Wie wurde der Diebstahl entdeckt?

Möstl: Unser Aushilfsmesner entdeckte die Tat, die sich wahrscheinlich am Dienstagnachmittag oder Mittwochvormittag ereignet hat. Das Schutzgitter einer Mauernische in der Taufkapelle war aufgebrochen. Eine Reliquienmonstranz der seligen Märtyrer von Barbastro aus Spanien, die neben den Taufgegenständen aufgestellt war, fehlte. Erst daraufhin sah ich, dass auch die über 1000 Jahre alte Reliquie von St. Wolfgang verschwunden war. Es waren also zwei Reliquiendiebstähle.

Warum kam man erst einen Tag später auf die Freveltat?

Möstl: Die Reliquie der spanischen Märtyrer befindet sich in einer abgelegenen Seitenkapelle des Baptisteriums, die Wolfgangsreliquie in einem sehr dunklen Teil der Kirche. Der Schaden war auf den ersten Blick nicht zu erkennen, außerdem war es unvorstellbar, dass gerade diese Kostbarkeiten Gegenstand eines Diebstahls werden konnten.

Welchen ideellen Wert hat die Reliquie für Sie und die Gläubigen in Ihrer Pfarrei?

Möstl: Für unsere Pfarrei St. Wolfgang hat sie einen sehr hohen ideellen Wert. Zum alljährlichen Patrozinium am 31. Oktober zieht der liturgische Dienst während des Festgottesdienstes zum Hochgrab des Kirchenpatrons. Dort werden die Fürbitten gesprochen. Das Grab ist eine Nachbildung des Originals in St. Emmeram. Ähnlich, wie wir an Allerheiligen die Gräber der Verstorbenen besuchen, so sind uns die Heiligen besonders nahe in ihren Reliquien.

Wie tief sitzt der Schock über diesen Diebstahl noch in der Pfarrei?

Möstl: Die Gläubigen sind natürlich sehr betroffen. Sie helfen auch tatkräftig bei den Ermittlungen. Noch jetzt erhalte ich Anrufe über Beobachtungen von Pfarrangehörigen, die zum Tatzeitpunkt gemacht wurden. Die Kriminalpolizei geht den Angaben nach.

Was könnte der oder die Täter Ihrer Meinung nach für ein Motiv für den Diebstahl gehabt haben?

Möstl: Ich denke, dass als Motiv der Täter nicht der Wert der Reliquie, sondern der sie umgebenden und handwerklich wertvollen Arbeiten in Frage kommt. Nach den Veröffentlichungen in den Zeitungen wird es jedoch für die Täter schwer werden, die Gegenstände zu veräußern. Es könnte sich aber auch um einen gezielten Reliquiendiebstahl handeln. Die Nachfrage nach Reliquien nimmt in bestimmten Ländern gegenwärtig enorm zu. Es kann aber auch eine Tat von jungen Leuten sein, die nicht wissen, was sie tun.

Gibt es einen neuen Stand bei den Ermittlungen?

Möstl: Die Polizei ermittelt in alle Richtungen. So wird derzeit untersucht, ob es sich um eine Einzeltat handelt oder Teil einer Serie von Kirchendiebstählen in Regensburg und Umgebung ist.

Wie nahm die Öffentlichkeit Anteil an der Straftat?

Möstl: Das Interesse der Presse ist sehr groß. Man muss sich fragen, in welcher Zeit wir leben, wenn auf diese Weise religiöse Gefühle verletzt werden. Die Dreistigkeit ist in diesem Falle besonders groß, weil die Pietät der Gläubigen schwer verletzt wurde. Wolfgang ist nicht nur unser Kirchenpatron, sondern der Patron der Diözese.

Sollten die Reliquien wieder beschafft werden können, denken Sie über eine bessere Diebstahlssicherung nach?

Möstl: Es ist kein gutes Zeichen, wenn die Kirchen noch mehr gesichert oder gar zugesperrt werden müssen. Unser Gotteshaus wird auch weiterhin tagsüber offen bleiben, da viele Gläubige zum Gebet kommen. Es lassen sich jedoch Augenblicke nicht ausschließen, wo in der Kirche niemand anzutreffen ist. Für diese Fälle werden wir uns natürlich eine weitaus effektivere Sicherung der Taufkapelle und der Kunstschätze in der Kirche überlegen.

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