05.07.2017 - 21:10 Uhr
Neustadt an der WaldnaabOberpfalz

Das Institut der Deutschen Wirtschaft fordert weniger Neubau am Land Landhausschwemme im Landkreis Neustadt?

In den Städten fehlen Zehntausende Wohnungen - doch auf dem Land werden weit mehr Wohnhäuser gebaut als nötig, meint das Institut der Deutschen Wirtschaft. Die negativen Folgen: Zersiedelung, Leerstände und Preisverfall. Politiker und Verbände in der Region sehen das anders.

Die Nordoberpfalz ist attraktiv, gibt sich der Neustädter Landrat Andreas Meier überzeugt. Deshalb sind auch Baugebiete wie das in Irchenrieth in der Nachbarschaft von Weiden begehrt. Bild: Gabi Schönberger
von Jürgen Herda Kontakt Profil

In Bayern gilt das Urteil laut Studie für die Mehrheit der Landkreise: Wohnungen fehlen in den Großräumen München und Nürnberg, in Kitzingen sowie ganz im Süden in den Alpen-Landkreisen Garmisch-Partenkirchen, Miesbach und Berchtesgadener Land. Überall anders ist nach Einschätzung der IW-Forscher der Bedarf mehr als gedeckt - so im Bayerischen Wald und in Teilen der Oberpfalz, aber auch im ländlichen Mittelfranken oder im Oberallgäu.

Für den Oberpfälzer Landkreis Neustadt/WN haben die Wissenschaftler einen Bedarf von 83 Wohnungen ausgerechnet - gebaut wurden zwischen 2011 und 2015 jedoch 252. Das IW empfiehlt Kommunen mit ausuferndem Neubau ein rigoroses Vorgehen: keine neuen Baugebiete ausweisen, Neubauten an den Abriss von Altbauten koppeln und Ortskerne attraktiver machen. Befördert würde die ungünstige Entwicklung von den Niedrigzinsen der vergangenen Jahre, die den Kauf einer Immobilie vergleichsweise günstig machen. Das Gebrauchthaus ist offensichtlich nicht übermäßig beliebt. "Viele Familien bauen lieber etwas Neues", sagte Voigtländer. "Das ist verständlich, aber man müsste gleichzeitig leerstehende alte Häuser abreißen. Sinnvoll wäre eine Fokussierung auf den Bestand."

"Der Moloch Großstadt wird zunehmend an Zugkraft verlieren", hält Landrat Andreas Meier für seinen von der Prognose besonders betroffenen Landkreis entgegen. "Die Erwartung an und das Bild von der Nordoberpfalz, wie es die Wissenschaftler hier ziehen, beruht auf einer völligen Fehleinschätzung von dem, was hier tatsächlich stattfindet und sich entwickelt." Im Gegenteil sei "die Nordoberpfalz, wenn man sich die aktuellen Wirtschaftszahlen und die Arbeitslosenstatistik betrachtet, die Boomregion Bayerns und innerhalb der gesamten Oberpfalz derzeit im Wachstum sogar das wirtschaftliche Zugpferd".

"Präzise wie Kaffeesatz"

Durch das exzellente Angebot an durchgängiger schulischer Bildung bis hin zur Technischen Hochschule einerseits und einer starken Wirtschaft mit vielfältigen, auch hochqualifizierten Jobs andererseits sei die Region auch für junge Familien wieder sehr interessant geworden. "Man will wieder in der Heimat bleiben oder ganz bewusst auch hierher ziehen", urteilt Meier.

Belege für seine Antithese zur Studie gebe es viele, wie etwa das Bekenntnis des erfolgreichen Jungunternehmers Alexander Hofmann von "MeetDigitals": "Wir wollen auch in 20 Jahren noch in der Oberpfalz leben ohne nach München oder Regensburg zu pendeln." Aktuellen Zahlen - wie in Markus Söders Heimatbericht - zeigten, dass in der Nordoberpfalz bis auf wenige Ausnahmen der Bevölkerungsschwund gestoppt sei. "Ich halte es schlichtweg für absurd, solche Empfehlungen, nicht zu bauen, darauf zu stützen, dass man als Hausbesitzer in ferner Zukunft sein Eigenheim verkaufen wollen, und das dann - in 30 oder 40 Jahren? - wegen eines vermeintlichen Überangebots schwierig sein könnte." Die Prognosen seien völlig willkürlich: "Jede Glaskugel und jeder Kaffeesatz liefert hier meiner Meinung nach ähnlich präzise Voraussagen."

Die Empfehlung, nur noch in Ballungszentren zu bauen, zeige die immer noch vorherrschende Ignoranz, völlige Missachtung und Unkenntnis der Vorteile und Möglichkeiten des sogenannten "ländlichen Raums". Auch der Vorschlag, Häuslebauern vorschreiben zu wollen, in vorhandene Leerstände einzuziehen, sei wirklichkeitsfremd: "Es ist sehr gut nachvollziehbar, dass junge Familien eher zum Eigenheim nach eigenen Vorstellungen tendieren, als einen Leerstand im Ortskern zu sanieren." Meiers Einschätzung: "Sie werden als Bürgermeister keinen Interessenten in einen Leerstand zwingen, in dem sie keine Baugebiete mehr ausweisen." Vielmehr würden diese dann in Nachbarkommunen ziehen, die Baugebiete zur Verfügung stellten.

Wohnformen für Senioren

Immerhin, in einem Punkt gibt der Landrat den Wissenschaftlern recht: "Es stimmt natürlich, dass wir unsere Ortskerne und die vorhandenen Leerstände wieder mit Leben erfüllen müssen." Dazu gebe es viele Optionen wie neue Wohnformen für Senioren in zentraler Lage, steuerliche Anreize für Sanierungen bis hin zur Erleichterung des Abrisses nicht mehr benötigter Bausubstanz. "Und es gibt hier viele gute Beispiele, wie so etwas gelingen kann - schauen Sie doch einmal nach Waldthurn!"

Meiers Fazit: "Eine starke Nordoberpfalz, die zunehmend an Attraktivität gewonnen hat und dies nach meiner festen Überzeugung noch weiter tun wird, ist auch eine interessante, lebens- und liebenswürdige Region für jeden, der hier bauen und sich niederlassen will."

Verband Wohneigentum: "Trend geht zum Land"

Christian Benoist, Bezirksvorsitzender Verband Wohneigentums Oberpfalz, widerspricht den Thesen der IW-Forscher: "Der Trend ist genau anders herum", stellt der Schwarzenfelder fest. Nach 14 Jahren Bauausschuss stellt er fest: "Junge Familien sehen die Vorteile ländlicher Regionen, sie wollen nicht in teure Städte." Sicher sei auch die Bezuschussung von Eltern mit 5000 Euro pro Kind beim Kauf eines Grundstücks ein handfestes Argument für Schwarzenfeld gewesen. "Bei uns arbeiten viele bei Siemens in Amberg", sieht Benoist keine Veranlassung, wegen des Arbeitsplatzes umzuziehen. "Und wir haben mehr Einkaufsmöglichkeiten als in vielen Stadtvierteln ." Im Übrigen seien die Bauoptionen in den Metropolen ausgereizt: "Wo wollen die bauen? Das geht nur noch in die Höhe." Mit dem Appell, Brachflächen zu nützen stießen die IW-Experten offene Türen ein: "Das machen nach Möglichkeit alle Gemeinden", sagt der Verbandschef. "Wir haben uns das nicht mehr genutzte Fußballfeld für eine neue Siedlung aufgehoben."

Benoist vertritt 30 000 Mitglieder in der Oberpfalz, 85 Prozent seien Einfamilienhausbesitzer mit selbst genutztem Wohneigentum. "Die Preisentwicklung bei uns ist in den letzten Jahren sehr stabil geblieben." Vor allem aber, wenn man sein Wohneigentum selber nutze, gebe es keinen Grund sich vor einem spekulativen Preisverfall zu fürchten. Vor allem nicht, wenn vernünftige Gemeinderäte Zusatzkosten für Hausbesitzer minimierten: "Auch unser Bürgermeister hat sich vom Straßenmanagement überzeugen lassen", freut sich Benoist, "dadurch konnten die Abgaben drastisch verringert werden."

Dafür treiben den Verbandsvertreter andere Bauprojekte um: "Die Gleichstromtrasse und die Elektrifizierung der Bahnstrecke Regensburg-Hof bringt für viele unserer Mitglieder enorme Belastungen." Nicht nur finanzieller Art: "Die Politik verspricht, der Lärmschutz werde bezahlt", zweifelt Benoist. "Doch wir hören von der Bahn, wenn das nicht als Teststrecke sondern nur als Nebenstrecke taxiert wird, wird gar nichts bezahlt." (jrh)

Jede Glaskugel und jeder Kaffeesatz liefert hier meiner Meinung nach ähnlich präzise Voraussagen.Landrat Andreas Meier

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