08.05.2017 - 19:24 Uhr
Neustadt an der WaldnaabOberpfalz

Diskussion über Lebensentwürfe junger Menschen Familie, Beruf und Risiko

Stell dir vor, es geht um deine Zukunft - und keiner geht hin. So etwa lässt sich eine Veranstaltung über Lebensentwürfe junger Leute in der Stadthalle auf einen Nenner bringen.

Mitautorin Sophie Krug von Nidda (von links) stellte zusammen mit MdB Uli Grötsch und dem Büroleiter der Friedrich Ebert Stiftung Regensburg, Harald Zintl die Studie vor.
von Autor gagProfil

(gag) Eingeladen dazu hatten SPD-Bundestagsabgeordneter Uli Grötsch und die Friedrich-Ebert-Stiftung Regensburg mit Leiter Harald Zintl. Dass die jungen Frauen und Männer mit Abwesenheit glänzten, sei bezeichnend, seufzte Grötsch. Zunehmendes Desinteresse an politischen Themen bei der Jugend sei auch das Ergebnis einer Studie, wonach nur 23 Prozent verstärkt politische Prozesse verfolgten. Fast die Hälfte der unter 35-Jährigen beteiligte sich nicht an der Landtagswahl 2013. Mitautorin Sophie Krug von Nidda stellte die Studie vor.

Für die Untersuchung befragten die Autoren 724 Menschen zwischen 18 und 40 Jahren. Dabei ging es auch um finanzielle Unabhängigkeit, Altersvorsorge und die Vereinbarkeit von Familie und Beruf. Grötsch hob besonders die Förderung von Frauen zwischen Karriere und Familie hervor und wies auf Stolpersteine in ihren Lebensentwürfen hin.

Nachbarn machen es vor

Viele Frauen würden durch ihre Mutterrolle in die Teilzeitfalle geraten. Dagegen arbeite Familienministerin Manuela Schwesig an. Ein Rechtsanspruch auf Rückkehr in den Beruf sei elementar, betonte Grötsch. "Wir sind es den Frauen schuldig, ihnen ihr Leben zu ermöglichen." Die Realität sehe aber so aus, dass Alleinerziehende ein Armutsrisiko von 60 Prozent hätten. Doch auch für Männer sei der Spagat zwischen Familie und Beruf oft schwer. Sophie Krug von Nidda erläuterte Themen der Studie wie gewünschte Arbeitszeit, Elternzeit und den Anteil von Frauen in Führungsebenen. So gebe es in Frankreich ein funktionierendes Kinderbetreuungsnetz, anders als in Deutschland, wo Kindergärten um 17 Uhr schließen. Die Geburtenrate im Nachbarland sei durch bessere Möglichkeiten angestiegen. In Schweden habe eine Frau nach der Erziehungspause sogar bessere Chancen auf die Rückkehr in den Beruf. Dort sei die Sichtweise anders: Mütter hätten dort Kompetenzen hinzugewonnen, so dass sie sogar besser bezahlt würden.

Rabenmütter-Vorurteile

In Deutschland sehe man eine Elternauszeit dagegen als Karriereknick und Einstellungshindernis. "Da ist man nach vier Jahren Pause raus", warf eine Zuhörerin ein. In Schweden müsse dagegen jeder Elternteil ein Drittel der Elternzeit nehmen und das letzte Drittel im Einvernehmen regeln. In Deutschland nähmen Männer dagegen nur durchschnittlich zwei Monate Elternzeit. "Die Deutschen denken anders", war aus dem Publikum zu hören, "wer arbeiten geht trotz Kindern, ist eine Rabenmutter".

Die Studie zeigte auch den Unterschied im Denken der 18- bis 40-Jährigen: Den Punkt "Wer Kinder hat kann keine wirkliche Karriere machen" bestätigten 15 Prozent der Männer und 34 Prozent der Frauen. "Da muss politisch noch viel gemacht werden", forderte Margot Salfetter von der Agentur für Arbeit.

Harald Zintl fragte die Zuhörer nach ihren Erfahrung mit der Aufteilung der Arbeit, etwa in einem Home-Office. Ein Zuhörer brachte die negativen Seiten auf den Punkt: großer Stress bei der Aufteilung Familie und Beruf, dazu die soziale Isolierung und die Selbstausbeutung durch mangelnde Abgrenzung zwischen Arbeits- und Freizeit. Viele im Home-Office würden durch die starken Anforderungen tagsüber die Nacht zum Tage machen. "Wir müssen die Wirtschaft dazu bringen, ihre Strukturen auf die Familien abzustimmen", sagte der Mann.

Überschätzte Heimarbeit

Auch Grötsch hielt die Debatte um das "Abschieben der Frauen auf die Heimarbeitsschiene" für gefährlich. Eine Personalleiterin im Publikum betrachtete Flexibilität als sehr wichtig. Es sollte möglich sein, anstelle starrer Arbeitszeiten auch einmal private Termine während der Normalarbeitszeit zu erledigen, die starre 8-bis-17 Uhr-Regelung sei kontraproduktiv.

An das Thema Rente denken nicht unbedingt viele aus der befragten Zielgruppe. Doch gerade Frauen, die wegen der Erziehungsaufgabe nebenbei ein 450-Euro-Arbeitsverhältnis hätten, seien später die Rentenverlierer. Diese Frauen könnten kaum noch in ein normales Arbeitsverhältnis. 60 Prozent blieben im Minijob. Grötsch schlug vor, Minijobs weniger attraktiv zu machen. "Das war bei deren Einführung auch ganz anders gedacht, genauso wie die Leiharbeit". Minijobs seien für Studenten oder Rentner gut, nicht aber, wenn sie auf Kosten normaler Arbeitsverhältnisse gingen.

In ihrem Schlusswort skizzierte Sophie Krug von Nidda einen Lösungsansatz: eine Umverteilung des Lebenslaufs. Junge Menschen sollten sich trauen, in den Betrieben Elternzeit und gleiche Chancen einzufordern, so wie in Nachbarländern.

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