26.07.2017 - 19:46 Uhr
Neustadt an der WaldnaabOberpfalz

Furcht vor Christenverfolgung: Domspatzen-Beben in Pakistan

Reinhard Erös macht sich Sorgen: Islamisten nutzen den Domspatzen-Missbrauchsskandal, um gegen Katholiken zu hetzen.

Reinhard Erös bei einem Vortrag in Neustadt/Waldnaab. Bild: Herda
von Jürgen Herda Kontakt Profil

Neustadt/Waldnaab. Der Text in der liberalen Abendzeitung Dawn ist sachlich formuliert. Dennoch: "Hunderte Jungs in deutscher Chorschule missbraucht" lautet die Überschrift. Wer kennt im fast 7000 Kilometer entfernten Peschawar, wo der Gründer der Kinderhilfe Afghanistan einst die erste christlich-moslemische Mädchenschule gründete, die Domspatzen? Erös, der diese Woche von einer Stippvisite bei Pater Leonhard, Leiter der Schule, zurückkam, fürchtet um sein Projekt: "Es war für die christlichen Missionare schon bisher schwierig, ein Visum zu bekommen - derzeit bekommt der Pater keines."

Benedikt XVI. im Visier

Rund vier Millionen Christen leben in Pakistan, etwa eine Million Katholiken. "Die Pfarrer drüben wussten bereits über den Abschlussbericht zum Domspatzen-Missbrauchsskandal Bescheid", erzählt Erös. Lange hätten sie geglaubt, es handle sich nur um Gerüchte. Als sich nun alles bestätigt habe, seien sie sehr betroffen gewesen: "Vor allem, weil aus ihrer Sicht der frühere Papst involviert ist - der ältere Bruder ist dort das Vorbild, das den jüngeren führt." Und jeder wisse, dass die Ratzinger-Brüder ein Herz und eine Seele seien.

Der vom Bistum Regensburg mit der Aufklärung beauftragte Rechtsanwalt Ulrich Weber hatte vergangenen Dienstag seinen Abschlussbericht vorgelegt. Demnach wurden zwischen 1945 und Anfang der 90er Jahre mindestens 547 Sänger des weltberühmten Chores Opfer von körperlicher oder sexueller Gewalt. Der Bericht enthielt auch Kritik an Ratzinger und Müller.

Schwer vorstellbar, dass Georg Ratzinger - Chorleiter von 1964 bis 1994 - von all dem nichts mitbekommen haben soll. Kaum denkbar, dass sich die Brüder nicht ausgetauscht hätten. "In der islamischen Welt weiß ein Direktor alles - also müsste er die Vorfälle zumindest toleriert haben."

Schließlich noch der dritte "Regensburger": Gerhard-Ludwig Müller, zweithöchster Kardinal und Ratzinger-Vertrauter, macht als Bischof bei der Aufklärung des Skandals keine gute Figur. "Auch deshalb wurde er als Chef der Glaubenskongregation abgelöst", vermutet Erös.

Müller sei bei den Katholiken in Pakistan wegen seiner Haltung allgemein als "Taliban-Bischof" bekannt. "Dort unten ist das Verhältnis zwischen Kirche und den Menschen ein ganz anderes", erzählt der Oberpfälzer. "Die Diözese ist halb so groß wie die Regensburger, aber hat nur zwei Mitarbeiter." Papst Franziskus dagegen werde in Pakistan verehrt: "Der kommt aus den Slums Argentiniens, eine Welt wie in Pakistan."

Christen, die seit dem 16. Jahrhundert in Pakistan ihren Glauben ausüben, und vor allem Katholiken mit ihren erfolgreichen Bildungsprojekten haben seit dem Putsch Zia-ul-Haqs 1977 einen schweren Stand. Oft werden sie wegen angeblicher Blasphemie verhaftet, nicht selten ihre Kirchen zerstört:

2009: Beim Brandanschlag auf die Gemeinde in der Provinz Punjab werden acht Menschen getötet, 70 Häuser und zwei Kirchen zerstört.

2010: Nach der angekündigten Koranverbrennung in den USA durch Terry Jones, greifen Demonstranten Kirchen in Daska und Narowal an.

2010: Christin Asia Bibi wird wegen Blasphemie zu Tode verurteilt: Sie soll Jesus mit Mohammed gleichgesetzt haben, sie bestreitet es.

2011: Der Katholik Shahbaz Bhatti, Minister für religiöse Minderheiten, wird bei einem Anschlag getötet.

2013: Bei einem Massaker an Christen in Peschawar werden 78 Christen ermordet, 130 verwundet.

Korrupte Politiker

Die Mehrheit der Pakistani stünde Christen neutral gegenüber. Aber das angespannte Verhältnis zum Westen, das Gefühl, dass sich Christen für moralisch überlegen hielten, lasse die radikalen Kräfte Oberwasser gewinnen. Man müsse das auch vor dem Hintergrund von Kreuzzügen und dem "Krieg gegen den Terror" sehen. "Die Wachtposten vor unserer Kirche sind bereits abgezogen", befürchtet Erös, dass staatliche Stellen den Radikalen freie Hand lassen.

Von der Politik erwartet der Oberpfälzer keinen Schutz: Premierminister Nawaz Sharif steht unter Korruptionsverdacht. Die Familie des 67-jährigen Chefs der "Muslim-Liga", die bei den für 2018 geplanten Parlamentswahlen als Favorit galt, habe Millionen Beträge in dubiosen Briefkastenfirmen geparkt. Sein Gegenspieler: "Captain" Imran Khan, Chef der "Bewegung für Gerechtigkeit" und früherer Cricket-Star, verkörpert die Träume der Jugend. "Aber im Grunde sind alle nur korrupte Milliardäre", sagt Erös resigniert.
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