02.05.2018 - 16:52 Uhr
Oberpfalz

Terrorprozess gegen zwei Dschihadisten aus Neustadt/WN: Nachrichten über einen Toten

Der Zeuge im Terrorprozess gegen zwei Türken aus Neustadt/WN gibt Einblicke in den Alltag von "Junud al-Sham". Und er erzählt von einem Neustädter, der getötet wurde.

Die wegen Mitgliedschaft in einer terroristischen Vereinigung im Ausland (Junud al-Sham») angeklagten 26 und 38 Jahre alten Männer sitzen vor Prozessbeginn im Oberlandesgericht im Sitzungssaal. Foto: Sven Hoppe/dpa
von Alexander Pausch Kontakt Profil

München/Neustadt/WN. Im Terror-Verfahren gegen zwei Männer aus Neustadt/WN hat vor dem Oberlandesgericht München erstmals ein Zeuge ausgesagt, der längere Zeit für die Terrormiliz "Junud al-Sham" (Soldaten Syriens) gekämpft hat. Der heute 30-Jährige traf in dieser Zeit in Syrien einen jungen Dschihadisten aus der Kreisstadt: Mehmet C.. Der ehemalige Fußballspieler gehörte zur weiteren Führungsriege der Miliz und ist später getötet worden.

Der fünfte Verhandlungstag beginnt mit Verzögerung. Ein Angeklagter hat den Zug nach München verpasst. Die Verhandlung in zweiten Stock des Justizzentrums wird deshalb 25 Minuten später eröffnet. Der 38-jährige Fatih K. und der 26-jährige Abdullah K. sind zwei der fünf jungen Männer, die aus dem Raum Weiden in den vermeintlich "Heiligen Krieg" gezogen sind. Die türkischen Bürger stehen seit Ende März vor Gericht. Die Staatsanwaltschaft wirft ihnen Mitgliedschaft in einer terroristischen Vereinigung im Ausland, Vorbereiten einer staatsgefährdenden Straftat und Verstoß gegen das Kriegswaffenkontrollgesetz vor.

Am Mittwoch  sind die Angeklagten im Gerichtssaal auch auf Fotografien zu sehen. Der Strafsenat zeigt Bilder bärtiger Männer in mediterraner Landschaft und in Orten mit arabischer oder türkischer Architektur. Zum Teil tragen die Männer typische Dschihadistenkleidung. Ein Bild zeigt Mehmet C.. Ihn identifiziert der Zeuge. Auch ein Angeklagter ist mit dem salafistischen Gruß, dem erhoben rechten Zeigefinger, zu sehen.

Stiefbrüder von Mehmet C.

Allerdings erkennt der Zeuge die beiden Angeklagten nicht wieder. Er kann sich nur erinnern, dass er in einem Schleußer-Haus in der Türkei zwei Stiefbrüder von "Mohammed al-Turki" gesehen habe. Das hatte er dem Bundeskriminalamt bereits im Mai 2015 gesagt. Blaue Augen, langer Bart sowie verheiratet und zwei Kinder, nannte der Zeuge damals als Merkmale. Er war sich aber nicht sicher - wenngleich die Beschreibung auf einen Angeklagten passen könnte. "Muhammed al-Turki" war der Kampfname von Mehmet C.. Einer seiner Stiefbrüder steht nun vor Gericht. Doch der Zeuge erzählt nicht über den Angeklagten, sondern von seiner Zeit bei "Junud al-Sham" und von Mehmet C., den er gut kannte.

Der heute 30-Jährige war im Juli 2015 vom Oberlandesgericht München wegen "Mitgliedschaft in einer terroristischen Vereinigung im Ausland" sowie wegen "Beihilfe zum versuchten Mord in mindestens 400 tateinheitlichen Fällen" zu einer Freiheitsstrafe von 11 Jahren verurteilt worden. Er hatte unter anderem am Sturm der Rebellen auf das Gefängnis in Aleppo teilgenommen. Seither hat er in Terrorprozessen quer durch die Republik über "Junud al-Sham" und seine Zeit bei der tschetschenischen Dschihadisten-Miliz berichtet.

Am MIttwoch erzählt der Zeuge vom Propaganda-Video, das der inzwischen getötete Berliner Ex-Rapper Denis Cuspert, alias Deso Dogg, alias Abu Talha al-Almani, mit Junud-al-Sham-Leuten aufgenommen hatte. Darin war auch Mehmet C. zu sehen, sagt Harun P. Er erzählt von Besuchen des salafistischen Predigers Izzudin J., der als ein Financier der "Junud al-Sham" galt. Der Bosnier aus Nürnberg ist Anfang April wegen Unterstützung einer terroristischen Vereinigung im Ausland zu einer Haftstrafe von drei Jahren verurteilt worden. Harun P. sagt, Izzudin J. habe sich "ein bisschen aufgespielt und mit der Pumpgun auf Blumentöpfe geschossen". Der Zeuge erzählt von der Ausbildung, vom Schießen mit Kalaschnikow oder Panzerfaust (RPG). Er erzählt, dass Mehmet C. Leiter des deutschen Hauses war. Und der Zeuge berichtet vom Angriff auf das Gefängnis in Aleppo, an dem er beteiligt war.

In Syrien getötet

Harun P. nennt die Namen der Führung rund um den Kommandeur von "Junud al-Sham", Muslim Al-Shishani. Er erzählt, dass ihn Mehmet C. zur syrisch-türkischen Grenze gebracht habe. Von dort war Harun P. nach Istanbul gefahren und im April 2014 nach Prag geflogen, von wo er weiter nach Berlin wollte. Dazu kam es nicht. Er wurde verhaftet und ausgeliefert. Mehmet C. starb im Lauf des Jahres 2014 in Syrien und wurde in sozialen Medien von den Dschihadisten als Märtyrer gefeiert. Er wurde 24 Jahre alt. Sein Stiefbruder Abdullah K. steht in München vor Gericht.

Auch er soll bei "Junud al-Sham" gewesen sein. Der 26-Jährige ist auf freiem Fuß, während der zweite Angeklagte Fatih K. seit seiner Festnahme am 30. Mai in Neustadt/WN in Untersuchungshaft sitzt. Bis Anfang August sind noch zehn Tage für das Verfahren in München anberaumt.

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