30.05.2017 - 20:36 Uhr
Neustadt an der WaldnaabOberpfalz

Terrorverdächtiger festgenommen: Unheilige Krieger aus Neustadt

Schon wieder Neustadt, schon wieder die Terrorgruppe Junud al-Sham. Eine Festnahme zeigt, dass auch aus der Oberpfalz junge Männer in den vermeintlich "Heiligen Krieg" ziehen.

In diesem Haus in Neustadt/WN nahmen Spezialkräfte der bayerischen Polizei am Dienstagmorgen einen 37-jährigen Türken fest. Ihm wird vorgeworfen in der Terrororganisation Junud al-Sham in Syrien gekämpft zu haben. Bild: ARW
von Alexander Pausch Kontakt Profil

Weiden/Neustadt. Schon einmal hat die Nachricht über einen Dschihadisten Neustadt/WN aufgeschreckt. Es war die Meldung über den Tod eines jungen Mannes in Syrien, der vielen in der Stadt als talentierter Fußballer bekannt war (wir berichteten). Mehmet C, war, wie der am Dienstagmorgen in Neustadt festgenommene 37-jährige Türke, Mitglied der Terrororganisation Junud al-Sham (Soldaten Syriens). Diese türkisch-tschetschenische Gruppe kämpfte im syrischen Norden gegen die Regierung. Der 37-jährige türkische Familienvater war laut Generalstaatsanwalt München zweimal, im Jahr 2013 und im Jahr 2014, in Syrien, um eine militärische Ausbildung zu absolvieren und um zu kämpfen.

In Nordsyrien war auch der Neustädter Mehmet C., - als Kämpfer der Terrormiliz und Leiter des "deutschen Hauses" von Junud al-Sham. Dort hatte ihn der Münchener Harun P. gesehen, der ebenfalls in den vermeintlich "Heiligen Krieg" gezogen war. Nach seiner Rückkehr im Jahr 2014 über Prag wurde er festgenommen. Im Prozess in München berichtete Harun P. über Mehmet C. und Junud al-Sham. Im Juli 2015 wurde Harun P. vom Oberlandesgericht München wegen "Mitgliedschaft in einer terroristischen Vereinigung im Ausland" sowie wegen "Beihilfe zum versuchten Mord in mindestens 400 tateinheitlichen Fällen" zu einer Freiheitsstrafe von 11 Jahren verurteilt. Er hatte unter anderem am Sturm der Rebellen auf das Gefängnis in Aleppo teilgenommen.

Der Neustädter Mehmet C. ist im Lauf des Jahres 2014 getötet worden - in den sozialen Medien feierten ihn seine Kampfgenossen von Junud al-Sham damals unter dem Kampfnamen "Muhammed al Turki" als Märtyrer. Der junge Mann aus Neustadt war nur einer von fünf Salafisten aus Weiden und Umgebung, die in den Krieg nach Syrien gezogen waren. Alle sind miteinander familiär verbunden. Zwei kehrten zwischenzeitlich zurück: der nun in Neustadt Festgenommene sowie ein weiterer junger Mann, der am Dienstag ebenfalls festgenommen wurde und inzwischen wieder auf freiem Fuß ist.

Bei der Terrormiliz IS

Zwei aus der Gruppe, zwei Brüder aus Weiden, landeten nach Informationen unserer Zeitung offensichtlich bei der Terrormiliz Islamischer Staat (IS). Einer soll inzwischen in der Türkei leben, vom anderen fehlt jede Spur, heißt es in Familienkreisen.

Mehmet C. war zunächst nach Ägypten gegangen - zum Arabisch lernen, hießt es in seinem Umfeld und von seiner Familie. Von dort habe er angerufen und gesagt, er wolle nach Syrien, um den Menschen zu helfen. Ob dies zum eigenen Schutz erzählt wird oder weil es diejenigen, die über Mehmet C. sprechen, nicht besser wissen oder wissen wollen, bleibt offen. Der Neustädter ist einer von zehn Personen, zu denen den bayerischen Sicherheitsbehörden Hinweise vorliegen, dass sie in Syrien oder im Irak verstorben sind.

Fünf Dschihadisten

Die Sicherheitsbehörden kennen den Fall der fünf Dschihadisten aus Neustadt und Weiden seit mehreren Jahren. Zuletzt kamen die Fakten im Sommer 2015 in einem Prozess vor dem Verwaltungsgericht in Bayreuth zur Sprache. Dort wurde der Fall eines Imams verhandelt, der nach Marokko abgeschoben werden sollte. Die Behörden warfen ihm vor, für den Dschihad ("Heiligen Krieg") geworben zu haben und die Männer aus Weiden und Neustadt angestiftet zu haben nach Syrien zu gehen. Der Iman, der zeitweise auch in Schwandorf am Islamischen Zentrum wirkte, bestritt dies erfolgreich vor Gericht. Er durfte in Deutschland bleiben.

Das Islamische Zentrum in Schwandorf wird wie das Islamische Zentrum in Weiden seit Jahren vom Verfassungsschutz beobachtet. Diese gelten als salafistische Plattformen. Ein Sprecher des Weidener Zentrums räumte gegenüber unserer Zeitung ein, dass der Festgenomme die Moschee besucht habe. Das ließe sich in einer kleinen Stadt nicht vermeiden. Davon, dass der Betreffende für Junud al-Sham geworben habe, habe er nichts bemerkt. Zugleich machte er deutlich, dass seine Gemeinschaft keine Kontakt zu Terroristen habe. Den Kampf gegen das syrische Regime bezeichnete er als legitim. Er habe lange nicht gewusst, dass Junud al-Sham als Terrororganisation eingestuft ist und davon erst durch die Kriminalpolizei erfahren. Danach hätte er entsprechende Hinweise von Facebook entfernt.

Den bayerischen Sicherheitsbehörden haben derzeit (Stand April) Erkenntnisse zu 98 Islamisten aus Bayern vor, die in Richtung Syrien beziehungsweise Irak gereist sind, dies planten, planen oder dort agierende islamistisch terroristische Organisationen in sonstiger Weise unterstützen, teilte das Innenministerium auf Anfrage mit. 26 Personen, die sich im syrisch-irakischen Kriegsgebiet aufgehalten haben sind zurückgekehrt, davon 22 nach Bayern. Darunter sind die zwei Männer, denen die Polizeiaktion in Neustadt galt. Sie sind als Gefährder eingestuft, zwei von 44 in Bayern. In der Oberpfalz fällt unter diese "politsch motivierte Kriminalität" eine niedrige einstellige Zahl.

Junud al-Sham

Die Terrororganisation Junud al-Sham in Syrien setzte sich überwiegend aus Tschetschenen und Türken zusammen, darunter einige, die in Österreich oder Deutschland gelebt hatten. 2013 und 2014 schlossen sich der Gruppe viele Deutsche aus dem Umfeld der salafistischen Gruppe "Millatu Ibrahim (Gemeinschaft Abrahams)" des Österreichers Mohamed Mahmoud an, berichtet Terrorexperte Guido Steinberg. Zu Millatu Ibrahim zählte auch der Berliner Gangsta-Rapper Denis Cuspert, alias Deso Dogg. Dieser wechselte im April 2014 zur Terrormiliz IS, viele Deutsche von Junud al-Sham folgten ihm damals. (paa)

 

 

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