22.12.2017 - 20:00 Uhr
Neustadt an der WaldnaabOberpfalz

82-Jährige Neustädterin täglich für das Ehrenamt im Einsatz Die gute Fee im Speisesaal

Rita Siegert ist schon seit zehn Jahren der "gute Geist des Hauses". Die 82-Jährige ist jeden Tag ehrenamtlich im Alten- und Pflegeheim St. Martin aktiv. Mittags und abends hilft sie bei der Essensausgabe - am Heiligen Abend feiert sie "nur" den Gottesdienst mit den Bewohnern.

Pfarrer Richard Busch (links) bekommt sein Mittagessen aufs Zimmer: Koch Patrick Ascherl und Rita Siegert richten einen Quark-Knödel mit Vanillesauce an. Bilder: Schönberger (2)
von Maria Oberleitner Kontakt Profil

Die Uhr schlägt 10. In den nächsten Minuten macht sich Rita Siegert auf den Weg ins Alten- und Pflegeheim St. Martin. "Dafür hat man ja Füße. Außerdem wohne ich gleich um die Ecke."

Von Montag bis Sonntag ist sie im Einsatz. "Einen Urlaubsantrag von ihr habe ich noch nie gesehen", erwähnt Heimleiterin Stefanie Schricker. Anfangs begleitete sie einige Bewohner zu den Gottesdiensten. "Schon da habe ich gesehen, dass die Menschen hier jemanden brauchen. Jemanden, der ihnen zuhört, sie berät und ihnen beisteht." Als ihr Mann gestorben war, fragte sie nach, ob sie denn nicht mehr helfen könne - und seitdem ist der Speisesaal ihr Reich.

"Ich möchte es den Leuten hier so gemütlich machen, wie es geht. Sie sollen sich zu Hause fühlen können." Und das ginge los bei Servietten und Tischdeko. Auf den Tischen stehen rote Kerzen neben grünen Zweigen, überall hängen Kränze und Weihnachtskugeln. Jetzt noch ein Gläschen Himbeersaft zu jedem Gedeck - "dann kann der große Ansturm kommen." Auch am Heiligen Abend besucht Siegert das Alten- und Pflegeheim. "Dann gehe ich aber mit meiner Familie nur zur Messe, ich habe ja auch Gäste zu Hause." Zeit für andere Hobbys bleibe da keine. Man könne nicht alles gleichzeitig machen. Und da mache sie lieber diese eine Sache mit Herz und Seele.

84 Bewohner leben im Heim St. Martin, auf jeder Etage 28. "Deshalb gibt es drei Christbäume, auf jeder Etage einen", sagt Siegert. Neben Spielenachmittagen, Strickrunden oder Frühschoppen gibt es Vorlesestunden oder das beliebte Nachtcafé. Jeden Freitag kommen die Bewohner zu Musik und auf einen Ratsch in den Speisesaal. Ob traurige Geschichten oder lustiges Beisammensein - Siegert ist für alles zu haben. "Beim Nachtcafé habe ich endlos Zeit", schmunzelt sie. Die Zeit müsse man sich nehmen. "Ich nehme sie mir, gehe hierher und tue etwas für alte und hilfsbedürftige Menschen." Es klingt so einfach, so selbstverständlich.

"Wo ist denn mein Servierwagen?" Die Ehrenamtliche hat es eilig, Koch Patrick Ascherl wartet mit dem großen Speisewagen. Essen gibt es nicht nur im Speisesaal im Erdgeschoss. Einige Bewohner essen auf den Zimmern oder in den Aufenthaltsräumen auf den Etagen. Heute gibt es Gemüsesuppe, Geschnetzeltes mit Nudeln und Gemüse oder Quark-Knödel mit Vanillesauce. Siegert zieht sich ein paar Plastikhandschuhe an, "man muss an die Hygiene denken", und zieht mit dem Servierwagen durch die Gänge. "Ja, Frau Siegert, unser guter Geist", ruft eine Bewohnerin.

Für einen Plausch ist sie immer zu haben. Auch deshalb kann sie viele Geschichten erzählen. "Ich erinnere mich gern an eine wunderbare Unterhaltung über Engel. Oder an den Abend, als eine Clique Männer um das Piano stand. Es heißt ja immer, wer Klavier spielt, hat Glück bei den Frauen. Da meinte einer der Männer: 'Ja, ich hab auch eine Frau bekommen, ohne Klavier.'" Sie lacht. "Hier entstehen herrliche Dialoge. Mal unglaublich komisch und dann wieder nachdenklich."

Währenddessen ist Herta Pöllmann die erste im Speisesaal. Zielstrebig schiebt sie den Rollator zum Stammplatz an Tisch zwei. "Es ist super, was sie macht. Sie gibt sich viel Mühe und ist immer für alle da." Das bringt es auf den Punkt: Unermüdlich läuft die 82-Jährige durch den Speisesaal, verteilt Suppe, Nudeln und Gemüse, ihre Pfennigabsätze klackern auf dem Boden.

"Wir sind ein sehr individuelles Haus. Das haben wir vor allem unseren Mitarbeitern zu verdanken." Das merke man auch an Weihnachten, so die Heimleiterin. Anfang Dezember gab es eine große Adventsfeier, es wurden gemeinsam Plätzchen, Stollen und Lebkuchen gebacken. Dem "halb-vier-Gottesdienst" am Heiligen Abend folgt ein gemeinsames Abendessen mit Bescherung. "Wir versuchen, jedem Bewohner ein besonderes Geschenk zu machen. Das könnten Gutscheine für eine Taxifahrt, einen Eisbecher oder ein Haferl Kaffee sein." Am Heiligen Abend stehen sauere Bratwürste auf dem Speiseplan. Am ersten und zweiten Weihnachtsfeiertag gibt es Gänsebrust und Rinderbraten, verrät Schricker.

"Weil unsere Bewohner besonders über die Feiertage viel Besuch bekommen, wollen wir gar nicht zu viel Programm anbieten", meint die Heimleiterin. "Traditionell organisieren wir aber immer zur 'staaden Zeit' Sissi- oder Immenhof-Fernsehabende." Schricker ist der Neustädterin dankbar für ihre Hilfe. "18 Ehrenamtliche kommen regelmäßig ins Haus und helfen, wo sie können." Rita Siegert sei ein Paradebeispiel.

Nur am Nachmittag zur Kaffeezeit gönnt sich die 82-Jährige eine kleine Pause. "Ich hab ja zu Hause auch noch was zu tun." Von Montag bis Sonntag hilft Siegert beim Geschirr decken, bei der Essensausgabe und beim Abräumen. Jeder Handgriff sitzt. Sie weiß genau, wer gerne Suppe isst, wer es lieber herzhaft mag und wer ein Süßer ist.

Die Vanillesauce ist ausgelöffelt, das Gemüse verspeist. Zeit für den Nachtisch und das Espresso-Ritual mit "den Herren an Tisch eins". Danach räumt Siegert die Tische ab. Abendessen gibt es um 17.45 Uhr, spätestens um halb fünf steht die "gute Fee" deshalb wieder auf der Matte - oder besser: im Speisesaal. ihrem kleinen Reich.

Ich möchte es den Leuten hier so gemütlich machen, wie es geht.Rita Siegert

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