02.03.2018 - 17:02 Uhr
Neustadt an der Waldnaab

Ärztlicher Bereitschaftsdienst wird gründlich umgekrempelt Zum Hausarzt ins Klinikum

Der ärztliche Bereitschaftsdienst wird gründlich umgekrempelt. Für Weiden und den Landkreis Neustadt gibt es künftig eine einzige Zentrale, und zwar im Weidener Klinikum. Diese ist außerhalb der regulären Praxiszeiten geöffnet. Zusätzlich übernimmt ein ärztlicher Fahrdienst Hausbesuche. Das neue Modell startet am 26. Juni.

Dr. Wolfgang Rechl und Dr. Matthias Loew (von links) inspizieren die Übersicht mit den 110 zentralen Bereitschaftspraxen in Bayern. Das Untersuchungszimmer der niedergelassenen Ärzte für 130 000 Menschen in Weiden und im Kreis Neustadt wird in der ehemaligen Notaufnahme des Klinikums Weiden eingerichtet. Bild: ms
von Martin Staffe Kontakt Profil

Weiden/Neustadt. Was tun, wenn sich ausgerechnet am Wochenende eine Grippe meldet? Oder wenn am Mittwochnachmittag Beschwerden so stark werden, dass der Patient nicht bis zur Sprechstunde am nächsten Tag warten kann, aber kein lebensbedrohlicher Notfall vorliegt? Dann muss der Kranke eine der neuen zentralen Bereitschaftspraxen aufsuchen, die vorrangig den Krankenhäusern mit Notaufnahmen angegliedert werden, sagen Dr. Wolfgang Rechl und Dr. Matthias Loew. Rechl ist Vorsitzender des ärztlichen Kreisverbandes Weiden und Vizepräsident der Landesärztekammer, Loew hat als Mitglied des Bereitschaftsdienst-Ausschusses bei der Kassenärztlichen Vereinigung die Reform mit auf den Weg gebracht.

Für die nördliche Oberpfalz wird es zwei dieser zentralen Bereitschaftspraxen geben: eine am Krankenhaus Tirschenreuth und eine in der ehemaligen Notaufnahme im Klinikum Weiden. Nicht mobile Patienten können über Telefon 116 117 einen Arzt nach Hause bestellen.

Bisher wechseln sich die niedergelassenen Ärzte in der Versorgung ab. "Für Weiden ist das bei über 90 Medizinern anders als im Landkreis kein Problem", schildert Rechl. Der Obmann hat jahrelang den Bereitschaftsplan erstellt. Zumal bereits 2013 bei einer ersten Reform die Dienstgruppen deutlich vergrößert worden seien, erinnert Loew. Vorher sei es vorgekommen, dass ein Kollege auf dem Land 800 Bereitschaftsstunden im Jahr zu bewältigen hatte. Eine ganze Woche lang sei er oft in dieser Aufgabe gebunden gewesen.

Arzt kommt auch ins Haus

Angesichts immer weniger Landarztpraxen und einer steigenden Überbeanspruchung der Notaufnahmen in den Kliniken habe man jetzt gemerkt, dass das "immer noch zu kurz gesprungen war", begründet Loew die Notwendigkeit für weitere Neuerungen. Die Dienstgruppen würden nun noch einmal größer.

Ziel sei es, den Patienten möglichst keine längeren Fahrzeiten als 30 Minuten zuzumuten. Die Oberpfalz teilte man daher in vier Bereitschaftsregionen auf: Regensburg, Schwandorf/Cham, Amberg/Neumarkt und Weiden/Tirschenreuth. Zudem hätte man gerne Kemnath gehabt, doch das war wegen der Nähe zu Bayreuth nicht durchzusetzen.

Zusätzlich zu diesen an Kliniken angegliederten "Sitzdiensten" wird ein Fahrdienst eingerichtet. Die Vermittlung erfolgt über die Nummer 116 117. Ein medizinisch ausgebildeter Chauffeur bringt den Arzt zum Patienten. Geeignete Fahrer werden bereits über Anzeigen gesucht.

Ein Vorteil der neuen Struktur liegt darin, dass sich nicht nur niedergelassene Ärzte die Bereitschaftszeiten teilen, sondern auch sogenannte Poolärzte freie Dienste übernehmen. Das sind Mediziner ohne Vertragsarztzulassung, die freiwillig am Bereitschaftsdienst teilnehmen. Rechl und Loew können sich vorstellen, dass sich aus finanziellen Gründen zum Beispiel auch Ärzte aus Regensburg oder aus Kliniken beteiligen, ebenso Doktores, die älter sind als 62 und damit nicht mehr dienstverpflichtet werden können.

Nachts springt Klinikum ein

Keinen Bereitschaftsdienst leisten müssen Notärzte. Gar nichts damit zu tun haben laut Rechl auch die Zahn-, Augen- oder Kinderärzte. Diese hätten ihre eigenen Einsätze.

Natürlich kann es auch mal vorkommen, dass ein Patient mit Herzbeschwerden in die Bereitschaftspraxis kommt und zum Beispiel einem Orthopäden gegenüber sitzt. Das sei nicht ideal, aber durchaus zu bewältigen, ist Rechl überzeugt. Jeder approbierte Mediziner müsse in der Lage sein, im Notfall einen Patienten zu versorgen. Sollte er sich unsicher sein, könne er ja jederzeit einen anderen Arzt aus der Notaufnahme des Klinikums hinzuziehen. Jeder Doktor sei zudem verpflichtet, sich regelmäßig weiterzubilden.

Rechl und sein Kollege Loew erkennen weitere Synergieeffekte mit den Kliniken. Durch die Nachbarsschaft können die niedergelassenen Ärzte den Notaufnahmen kleine Fälle abnehmen. Das Krankenhaus übernimmt die Versorgung nachts, wenn nicht mit vielen Patienten gerechnet wird. Für Rechl eine echte Win-Win-Situation.

110 zentrale Praxen in Bayern

Bisher galt: Wer außerhalb der Sprechzeiten eine akute Erkrankung hat, aber nicht gleich den Notarzt braucht, kann über die Rufnummer 116 117 den nächsten diensthabenden Arzt erfragen und ihn zu festgelegten Zeiten in der Praxis aufsuchen.

Doch in diesem Jahr werden bis Ende November 110 zentrale Bereitschaftspraxen in Bayern eingerichtet. Sie sollen den Krankenhäusern angegliedert und einheitlich mit dem Nötigsten ausgestattet sein, damit sich jeder Arzt überall schnell zurechtfindet. Auch die Öffnungszeiten sind einheitlich geregelt: Montag, Dienstag und Donnerstag von 18 bis 21 Uhr, Mittwoch und Freitag von 16 bis 21 Uhr sowie Samstag, Sonntag und an Feiertagen von 9 bis 21 Uhr.

Das System setzt auch auf Krankenhausärzte und nicht niedergelassene Mediziner, die mit der KVB eine Vereinbarung abschließen. Diese "Poolärzte" entlasten die Hausärzte bei den ambulanten Fahrdiensten, der zweiten Säule der neuen Bereitschaft. Für die Anforderung gilt weiterhin die zentrale Telefonnummer 116 117.

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