04.04.2018 - 20:00 Uhr
Oberpfalz

Amtliche Rüge für einen Landrichter

Zur 800-jährigen Geschichte der Stadt Neustadt gehört auch das einstige königliche Landgericht. An der Spitze stand der junge Landrichter Karl Franz Reisner, Freiherr von Lichtenstern, geboren 1776 auf Burg Treswitz bei Moosbach. Einmal in seiner Amtszeit musste er eine Rüge einstecken.

Repro: Der Neustädter Landrichter Karl Franz Reisner, Freiherr von Lichtenstern , nicht ganz frei von Fehlern musste sich eine Rüge gefallen lassen.
von Rainer ChristophProfil

1814 erbte er von seinen Verwandten das Landsassengut Neusath bei Nabburg. Begraben ist er jedoch in der Kreisstadt. Mit fast 86 Jahren und nach 59 Dienstjahren trat der Freiherr 1862 in den Ruhestand. Maria Trottmann, ehemalige Leiterin des Neustadt-Museums, bezeichnete ihn nicht nur als Original, er "regierte besonders klug, umsichtig und segensreich". Ob seines Sprachfehlers wurde er hinter seinem Rücken spöttisch mit dem Spitznamen "der Atn, Atn" bezeichnet. Der Grund dafür kam von seiner Angewohnheit, nach jedem Satz die Worte "Atn, Atn" zu setzen.

Viele oft fast unglaubliche Geschichten kursieren über den Mann. Folgendes "Separat-Protokoll" des Landrats im Ober-Main-Kreis in Bayreuth, zu dem die Landkreise Tirschenreuth und Neustadt gehörten, wurde am 23. März 1832 an "alle 24 Landraths-Mitglieder" versandt. Darin wurde Lichtenstern massiv gerügt und in die Pflicht genommen. Sein Handeln und seine lasche Arbeitsauffassung ließen zu wünschen übrig und waren Anstoß größten Ärgernisses. Im Gericht ging es scheinbar drunter und drüber.

Inhalt des Protokolls war "die stete Abwesenheit des Landgerichts-Vorstandes zu Neustadt an der Waldnaab aus seinen Amts-Zimmern und anderes betreffend". Folgende Anklagepunkte gab es zu vermelden: "Der Vorstand des Landgerichts Neustadt befindet sich gegen die besserer Geschäftsordnung nicht in dem - im Erdgeschoss des Landgerichtsgebäudes befindlichen Amtszimmers, in Mitte seines Personals, sondern besorgt seine Amtsgeschäfte in einem abgesonderten Lokale des ersten Stockwerks. Wenn nun, wie dies in einem Landgerichte von 20-22.000 Seelen fast täglich der Fall ist, der eine Assessor mit den ,Criminalverhören' beschäftigt ist, der andere Asssessor, so wie der Aktuar, auf Commissionen abwesend sind, so befindet sich das zahlreiche Schreiberpersonal ohne Aufsicht und Kontrolle."

"Dies ist die eigentliche Ursache, dies ist die Quelle so vieler Unordnungen, so mannigfacher Beschwerden, Verzögerungen und vergeblicher ,sauerer Gänge der Amtsuntergebenen', die bis zu sechs Stunden vom Landgerichtssitz entfernt sind. Würde sich der Landgerichtsvorstand, gleich anderen Landrichtern, in oder doch der Nähe der Kanzlei aufhalten, so würde der jetzt höchst schleppende Geschäftsgang rascher, der Fleiß und gute Wille des Schreiberpersonals größer sein."

Massiv wurde unterstrichen, dass noch mehr zu beklagen sei, "dass sich dieser Landgerichtsvorstand ungeachtet des erst im vorletzten Jahre erneuerten Regierungsverbots vom 23. September 1830 (veröffentlicht im Kreis Intelligenz Blatt Seite 776)" alle ignoriert. Kein Vorstand eines Landgerichts dürfe sich ohne Urlaub aus seinem Gerichtsbezirke entfernen. Er aber würde sich sehr oft auf sein im Landgericht Nabburg im Regenkreise gelegenes, acht Stunden von Neustadt entfernten Gut Neusath begeben, und dort mehrere Tage zubringen. Die königliche Staatsregierung wurde daher gebeten, den angegebenen großen Übelständen ein für "allemal und zwar auf das nachdrücklichste" abzuhelfen.

Scheinbar hatte diese Rüge Erfolg, denn 12 Jahre später bekam der in Neustadt aus heutiger Sicht geschätzte Landrichter den Verdienstorden vom heiligen Michael durch König Ludwig I. verliehen. Gleichzeitig wurde ihm für die großen Wohltaten seines bis dahin 36-jährigen Wirkens in Neustadt gedankt. Ab 28. November 1842 hatte er sogar ein Mandat im Landtag als Nachfolger des entlassenen Carl von Korb.

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