13.04.2018 - 16:18 Uhr
Oberpfalz

Jugendhilfeausschuss Neustadt/WN stimmt für zusätzliche Sozialarbeiter: 500 Mal Hilfe in Krisen und Not

Schreibabys, drogenabhängige Eltern, gewaltbereite Jugendliche, traumatisierte Kinder: Die Beratungsstelle für Kinder, Jugendliche und Eltern Weiden/Neustadt ist täglich im Einsatz, um Konflikte zu lösen - Not zu lindern. Doch auch sie selbst hat regelmäßig Probleme - personeller Art.

"Die Jugendsozialarbeit ist sinnvoll und effizient. Doch dafür braucht man Zeit." Zitat: Klaus Egelseer, Leiter Jugendamt Neustadt/WN
von Julia Hammer Kontakt Profil

"Immer mehr Kinder, Jugendliche und junge Erwachsene suchen wegen psychischer Störungen Hilfe bei uns", informiert Gunter Hanning, Diplom-Psychologe und Leiter der Einrichtung, die Mitglieder des Jugendhilfeausschusses. Diese Entwicklung und die zunehmende Dringlichkeit der Fälle sei mit der aktuellen personellen Situation kaum zu stemmen. Vier Personen arbeiten Vollzeit - 39 Stunden pro Woche. "Davon sind drei mit erhöhter staatlicher Förderung."

Eine sozialpädagogische Fachkraft sei 25 Stunden vor Ort - ohne staatliche Förderung. Seit 2009 steht dem Institut zudem eine 8-Stunden-Kraft für das Projekt "Schreibaby" zur Verfügung. Eine Vollzeitstelle ist mit der Teamassistenz besetzt. "Die Zahl der Beratungsfälle nimmt stetig zu. "2008 waren es insgesamt 341, 2017 bereits 500", informiert der Psychologe. Das wirke sich erheblich auf die Wartezeiten aus. "Im Extremfall können diese mehr als sechs Monate betragen. Das ist einfach zu lange, es handelt sich schließlich um Problemfälle." Der Träger - die Katholische Jugendfürsorge Regensburg - sowie die Verwaltung fordern deshalb eine zusätzliche Sozialpädagogenstelle mit 19,5 Arbeitsstunden pro Woche. "Dadurch könnten wir wichtige Projekte voranbringen - unter anderem unsere präventive Arbeit, die aktuell einfach zu kurz kommt."

Seit 50 Jahren betreut die Beratungsstelle Hilfesuchende in der Stadt Weiden und dem Landkreis Neustadt/WN. "Die Beratungsbereiche haben sich da natürlich verlagert." Aktuell hätten 15 Prozent der Zielgruppe Depressionen oder Suizidversuche als Anmeldegründe angegeben, 25 Prozent litten unter depressiven Verstimmungen. "Etwa 20 Prozent zeigten autoaggressive Verhaltensweisen. Das bedeutet, sie verletzen sich selbst. Hauptsächlich handelt es sich dabei um Mädchen, die sich ritzen." Fremdaggressives Verhalten, also Gewalt gegenüber anderen, zeigten 40 Prozent der Ratsuchenden. "Bei etwa 10 Prozent aller Jugendlichen waren Alkohol- und Drogenmissbrauch bekannt."

Die Aufgabenbereiche einer zusätzlichen Kraft sind bereits festgelegt. "Sie würde unter anderem offene Sprechstunden anbieten, beispielsweise therapeutische Gruppensitzungen für psychisch belastete Jugendliche, Kriseninterventionen übernehmen und auch für weiterführende Beratungen und Therapien zur Verfügung stehen", informierte Hanning. Am wichtigsten sei jedoch, "endlich die präventive Arbeit voranzutreiben". "Oft kommen Kinder und Jugendliche zu uns, die bereits Symptome von psychischer Belastung zeigen - etwa, wenn Eltern gewalttätig oder alkoholabhängig sind." Genau da möchte die Beratungsstelle ansetzen. "Wir wollen schon im Vorfeld helfen, eingreifen, bevor Symptome entstehen."

Auch die Mitglieder des Ausschusses sahen die Notwendigkeit einer weiteren Stelle. "Wir haben die Zusage vom Ministerium bekommen, dass die Stelle gefördert wird. Insgesamt kostet die Arbeitskraft pro Jahr 25 000 bis 30 000 Euro." Die Langesregierung beteilige sich mit 7000 Euro, die Restkosten würden sich auf die Stadt Weiden und den Landkreis aufteilen. Ohne Gegenstimme stimmten die Mitglieder für "die Stellenmehrung" durch eine 19,5-Stunden-Kraft. Außerdem befürworteten sie, die "Schreibaby"-Beratung (9,75 Wochenstunden) ab Januar 2019 in die Regelförderung aufzunehmen.

Jugendsozialarbeit an Schulen: Zusätzliche Stelle für Brennpunkte

"Es ist eine sinnvolle und effiziente Arbeit. Doch dafür braucht man Zeit - und Fachpersonal", betont Jugendamtsleiter Klaus Egelseer beim Jugendhilfeausschuss mit Blick auf die Jugendsozialarbeit an Schulen. Seit 2008 gibt es eine entsprechende Fachkraft, die sowohl an der Mittelschule in Altenstadt als auch in Neustadt tätig ist.

"Durch die Teilzeitbeschäftigung an beiden Schulen ist sie im Schnitt 2,5 Tage pro Woche an jeder Schule, um Projekte zu planen oder Beratungsgespräche zu führen", informiert Egelseer. Das sei zu wenig und decke den Bedarf nicht ab. Waren es im Schuljahr 2014/15 noch 29 Fälle, um die sich der Angestellte kümmern musste, waren es 2016/17 bereits 97 Beratungsfälle - Tendenz steigend.

Das Problem: Ist die Fachkraft nur an wenigen Tagen vor Ort, können "Krisensituationen, Streit oder dringliche Probleme nicht zeitnah aufgearbeitet werden". Auch Projekte wie die Streitschlichter-Ausbildung oder die Mobbingprävention seien nur eingeschränkt umzusetzen. "Außerdem verlangt die zunehmende Komplexität der Fälle ein hohes Maß an Zusammenarbeit zwischen Lehrern, Eltern und der Fachkraft." Deshalb äußerten nun beide Mittelschulen den Wunsch, die Jugendsozialarbeit auszubauen - von jeweils einer halben auf eine ganze Stelle pro Lehreinrichtung. "Das ist nachvollziehbar und aus Sicht des Jugendamts gerechtfertigt", betont Egelseer. Nachdem die Schulverbände im Vorfeld signalisiert hatten, eine Aufstockung mitzutragen und auch das Staatliche Schulamt "für die Stellenmehrung" ist, beschlossen die Ausschuss-Mitglieder einstimmig, die Schulen mit jeweils einer Fachkraft auszustatten. (juh)

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