Polizeiinspektion Neustadt/WN stellt Kriminalstatistik für 2017 vor
"Eiskalt und abgebrüht"

(Foto: Archiv: Walberer)
 
Die Fälle von häuslicher Gewalt im Landkreis Neustadt/WN steigen. Die Beamten sind oft machtlos. Symbolbild: Patrick Pleul/dpa
 
"Wir haben 2017 über 5500 Sachverhalte bearbeitet und 73 Haftbefehle vollstreckt." Zitat: Hermann Weiß, Polizeihauptkommissar und Dienststellenleiter

"Der Landkreis ist ein sicheres Pflaster", freut sich Polizeihauptkommissar Hermann Weiß über die Zahlen der Kriminalstatistik 2017 für den Landkreis Neustadt. Weniger Diebstähle, sinkende Straßenkriminalität. Doch ein "eiskalter und abgebrühter" Unfall beschäftigt ihn bis heute.

"Ich erinnere mich noch gut daran, ich war selbst mit am Unfallort", schildert auch Polizeihauptkommissar und Sachbearbeiter Verkehr, Thomas Wirth, den 29. August 2017. "Das geht mir bis heute nahe." Zwischen Weiherhammer und Etzenricht überfährt ein VW-Fahrer einen Radfahrer, lässt das Opfer liegen und flüchtet. "Er ist ungebremst und ohne auszuweichen auf das Rad aufgefahren. Das Opfer hatte keine Chance." Das "Eiskalte und Abgebrühte daran": Der Fahrer machte sich auf den Heimweg, "stritt dort mit seiner Freundin, fuhr zurück und zog den Radfahrer auf die Seite". Erst am nächsten Morgen sei dieser von Bauhofmitarbeitern gefunden worden. "Da war er bereits verstorben." Durch Zufall machten die Beamten den Fahrer aus. Ihnen fiel der kaputte Scheinwerfer auf. Doch auch drei weitere Personen ließen 2017 ihr Leben auf den Straßen im Landkreis.

Entwicklung der Verkehrsunfälle: 2017 ereigneten sich im Dienstbereich der Polizeiinspektion Neustadt/WN 1028 Verkehrsunfälle, 207 weniger als im Jahr zuvor. 114 Menschen wurden dabei verletzt - 33 von ihnen schwer. Vier Personen erlitten tödliche Verletzungen. "Alle waren auf der Landstraße unterwegs. Das ist ein gefährliches Pflaster. Wir wohnen in einer ländlichen Region, es ist viel Wald außen rum", erklärt Wirth. Positiv sei die Entwicklung der Schulwegunfälle. "Davon gab es 2016 und 2017 keinen." Auch die Zahl der Wildunfälle ging zurück. Sie sank auf 431 (2016: 449). Einen starken Anstieg der Unfälle verzeichnen die Beamten im Bereich A 93. 231 Mal krachte es 2017 (2016: 191). "Das ist der bisherige Höchststand."

Unfallursachen: Vier Bereiche fallen bei den Ursachen besonders ins Gewicht: Abbiegen und Wenden, zu geringer Abstand, missachtete Vorfahrt und die Straßenbenutzung. "Dadurch werden 77 Prozent aller Unfälle verursacht." Doch auch Alkohol und überhöhte Geschwindigkeit seien "große Probleme". 24 Mal krachte es, weil Fahrer zu schnell unterwegs waren (2016: 31), 13 Mal, weil sie unter Alkoholeinfluss standen. "Alkohol spielte auch bei einem Unfall im Februar 2017 bei Mantel eine Rolle. Eine Frau verlor dabei ihr Leben. Der andere Verkehrsteilnehmer hatte getrunken."

Polizeihauptkommissar Stefan Moller informierte die Bürgermeister der 15 Gemeinden über die allgemeine Kriminalstatistik. "Insgesamt haben wir 967 Delikte registriert. Das ist ein Rückgang im Vergleich zu 2016 von 230 Fällen." Besonders positiv sei die Aufklärungsquote von 72,2 Prozent. "Damit liegen wir weit über dem bayerischen (66,8) und dem Oberpfälzer (68,7) Durchschnitt.

Gewaltdelikte: Zu den Gewaltdelikten zählen unter anderem Mord, Totschlag, Vergewaltigung und Raub. "Die Zahl stieg leicht von 28 auf 31 Fälle." Die Aufklärungsquote erreichte einen Höchstwert. Sie steigerte sich von 92,2 auf 93,5 Prozent.

Körperverletzungen: Um 24 Fälle stieg der Zahl der Körperverletzungen 2017 - auf 136 Fälle. "11 davon ereigneten sich beim Neustädter Faschingszug. Der ist 2018 deutlich friedlicher abgelaufen", informiert Moller. 113 Mal habe es sich um einfache, 23 Mal um schwere Körperverletzungen gehandelt. "Auffallend ist, dass oft Alkohol im Spiel ist."

Wohnungseinbrüche: Positiv fiel die Bilanz der Einbrüche aus. Die Zahl der Delikte sank von 18 (2016) auf 9 Vergehen. "Das liegt auch an den Sonderstreifen, die wir von Oktober bis März einsetzen - in den dunklen Monaten." Ein auffallender "Brennpunkt" sei Weiherhammer. Ganze vier Mal stiegen Einbrecher 2017 in Wohnungen und Häuser ein. "Unsere Aufklärungsquote beträgt verbesserungswürdige 7,7 Prozent."

Rauschgiftkriminalität: Einen starken Anstieg verzeichnen die Beamten bei den Rauschgift-Delikten. Diese stiegen von 43 Fällen 2016 auf 77. "Dabei haben wir es vor allem mit Cannabis zu tun." Moller hat eine Erklärung parat: "Das ist eine Art Schneeball-System. Wir stellen bei einer Person ein Gramm Cannabis fest. Dieser nennt uns den Verkäufer, der liefert uns weitere Namen. So werden aus einem Fall 15 oder mehr." Die Aufklärungsquote liege bei über 90 Prozent.

"Asylproblematik und Zuwanderung": 2017 waren 668 Asylsuchende im Landkreis untergebracht. "Wir haben 17 Anzeigen in Asylbewerberunterkünften aufgenommen." 16 Delikte hätten ausschließlich unter Bewohnern stattgefunden. "Dabei handelte es sich vor allem um Körperverletzungen und Beleidigungen."

Reichsbürger: 471 Bürger wurden im Bereich des Polizeipräsidiums Oberpfalz als "Reichsbürger-verdächtig" gemeldet. "Als Tatsächliche stellten sich 160 heraus". 25 von ihnen besitzen eine "sicherheitsrelevante Erlaubnis", zu der unter anderem einen Waffenschein zählt.

Vermisstenfälle: Die Fälle stiegen um 13 auf 84 an. "Das macht vor allem Wöllershof aus." Meistens könnten diese Fälle schnell gelöst werden. "Für einige mussten wir Hubschrauber und Hunde anfordern."

"Alles in allem ist die Entwicklung positiv. Das ist auch aufmerksamen Bürgern geschuldet. Ihre Hinweise sind oft Gold wert", betonte Weiß.

Häusliche Gewalt nimmt stark zuEs ist ein bedenklicher Anstieg: Waren es 2015 noch 23 Fälle von häuslicher Gewalt - "Fälle von psychischer oder physischer Gewalt zwischen Ehe- und Lebenspartnern" - sind es 2017 51 Straftaten. "Ich befürchte, dass diese Zahl weiter steigt", betont Polizeihauptkommissar Stefan Moller. Seit einiger Zeit arbeite die Polizei mit der Diakonie und Fachkräften zusammen. "Doch oft sind wir machtlos. Passiert eine Gewalttat am Abend, sind die Frauen aufgewühlt, weinen, man sieht, dass sie blau von den Schlägen sind. Dann sind sie bereit, ihren Partner zu verlassen."

Am nächsten Morgen sehe das oft anders aus. "Es gibt Familien, da waren wir 10, 15 Mal. Wenn die Frauen nichts dagegen unternehmen, können wir nichts tun." (juh)


Wir haben 2017 über 5500 Sachverhalte bearbeitet und 73 Haftbefehle vollstreckt.Hermann Weiß, Polizeihauptkommissar und Dienststellenleiter
Schon dabei? Hier anmelden!
Schreiben Sie einen Kommentar zum Beitrag:
Spam und Eigenwerbung sind nicht gestattet.
Mehr dazu in unserem Verhaltenskodex.