Interview mit Christine und Franz Mauerer
Kino in Zeiten von Netflix und Co.

Christine und Franz Mauerer freuen sich in diesem Jahr auf spannende Filme und die Begegnung mit den Gästen. Seit 35 Jahren sind sie aus dem Kinocenter Nittenau nicht mehr wegzudenken. Bild: Götz
Kultur
Nittenau
08.02.2018
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Das Kinocenter Nittenau ist ein Unikat. Ein vergleichbares Filmtheater gibt es in der Oberpfalz nicht. Das liegt vor allem an den Betreibern Christine und Franz Mauerer. Im Interview verraten sie, warum nicht alle Filme in der Nordoberpfalz vom Publikum angenommen werden und was sie zur #MeToo- Debatte sagen

Christine und Franz Mauerer stecken viel Zeit und Herzblut in ihr Kinocenter. Sie zählt zur Kategorie Wirbelwind. Neudeutsch würde man sie wohl als Powerfrau bezeichnen. Er hingegen ist eher zurückhaltend. Trotzdem: Die beiden passen perfekt zusammen.

Wie sehr sie sich schätzen, zeigen Kleinigkeiten. So serviert Franz Mauerer seinen Gästen Cappuccino mit einem Kakaopulver-Herz. Seine Frau bekommt zwei Herzen auf den Milchschaum kredenzt. Oder wie es Christine Mauerer einmal gegenüber unserem Medienhaus formuliert hat: "Uns gibt es miteinander oder überhaupt nicht." Ein Interview mit den beiden Kinocenter-Betreibern.

Es gibt immer mehr Streaming-Plattformen, auf denen Tausende Filme nur wenige Mausklicks entfernt sind. Hinzu kommt, dass Filme nur wenige Wochen nach dem Kinostart schon auf DVD, Blu-Ray und eben Video on Demand erhältlich sind. Wie schwer haben es Kinobetreiber heute?

Franz Mauerer: Immer schwerer eigentlich, was das betrifft. Man muss immer schauen, dass Blockbuster gespielt werden. Es starten zwar sehr viele Filme, auch kleine Produktionen. Aber viele gute Filme werden von den Kinobesuchern nicht als gut erkannt.

Christine Mauerer: Bei großen Filmen muss man von Anfang an dabei sein. Die sind recht bald auf Netflix un Co. verfügbar und werden zum Teil im Internet heruntergeladen. Deswegen: Man muss von Anfang an dabei sein.

Franz Mauerer: Richtig! Nach drei Wochen ist der Film durch.

Das heißt, die Zeiten sind prinzipiell kürzer, die ihr den Film spielen könnt, oder?

Christine Mauerer: Nein, das hat sich gewandelt. Zwischenzeitlich lässt du einen Film, der funktioniert, viel länger laufen. Denn durch die Digitalisierung brauchst du die Kopie nicht mehr abgeben. Du hast den Film auf dem Server liegen und kannst ihn weiterspielen.

Früher war das mit den 35-Millimeter-Maschinen anders. Wenn die Zahlen nicht mehr gestimmt haben, die der Verleih wollte, hieß es: Kopie abgeben, weil ein anderer Kinobetreiber sagt: "Ich möchte den Streifen nach drei Wochen auch spielen."

Heute sagst du zum Verleiher einfach, dass du den Film weiterspielen möchtest. Aktuellstes Beispiel ist "Dieses bescheuerte Herz". Den haben wir seit acht Wochen im Programm ...

Franz Mauerer: ... der hat auch eine gute Mundpropaganda.

Ihr Lichtspielhaus gilt als Kultkino. Die Besucher kommen gerne, nehmen weite Fahrwege auf sich. Woran liegt's? Was ist das Erfolgsrezept?

Franz Mauerer: Das liegt sicher an uns beiden. Weil wir jeden Tag da sind. Wir kümmern uns halt um die Leute, die kommen.

Christine Mauerer: Es gibt einen Kommentar im Internet von einem Gast, der bei uns im Kino gewesen sein muss. Er hat fünf Sterne vergeben und geschrieben: "So etwas muss man erst einmal gesehen haben." Ich schätze das sehr positiv ein.

Vor ein paar Jahren sind die 3D-Filme ziemlich gehypt worden? Sind diese immer noch so nachgefragt?

Christine Mauerer: Es kommt darauf an. Es gibt Filme, da bevorzugen viele 3D, zum Beispiel bei "Star Wars". Wir haben aber auch Gäste, die gezielt nach 2D-Vorstellungen fragen.

Wir haben durch die Verleiher aber oft ein Handicap. Sie sagen zum Beispiel, dass der Film die erste Woche nur in 3D gezeigt werden darf.

Wie krass sind die Vorgaben der Verleiher?

Franz Mauerer: Die Großen wie Disney schreiben dir schon sehr viel vor.

Christine Mauerer: ...und entweder du spielst mit oder lässt es bleiben. Du musst in den saueren Apfel beißen. Das beste Beispiel im Moment ist "Fifty Shades of Grey". Dieser Film hat ein FSK 16, der Verleiher verlangt aber Vorstellungen ab 15 Uhr. Wer geht um diese Zeit in einen Film, der ab 16 Jahren ist?

Franz Mauerer: Das Problem ist: Es kommt schon wer, aber die sind dann 13 oder 14 Jahre alt. Die können wir natürlich nicht rein lassen.

Was war im vergangenen Jahr der cineastische Höhepunkt?

Franz Mauerer: Rein von den Besucherzahlen ist die "Grießnockerlaffäre" am Besten gelaufen, danach folgen "Fack ju Göthe 3" und der neue "Star Wars".

Christine Mauerer: Der Besuch von Regisseur Joseph Vilsmaier ("Comedian Hamonists", "Bayern - sagenhaft"; Anm. d. Red.) war für uns emotional der Höhepunkt und ein riesiges Event. Ich bin normalerweise nicht leicht aus der Ruhe zu bringen, aber da schon. Kommt das an, was wir uns einfallen lassen haben? Wird es positiv angenommen?

Auf welchen Film freuen Sie sich dieses Jahr besonders? Was ist in diesem Jahr zu erwarten?

Franz Mauerer: "Mamma Mia" startet heuer zum Beispiel. Aber auch "Sauerkrautkoma" dürfte interessant werden - da kommen alle ins Kino; Gäste von 6 bis 80 Jahre.

Christine Mauerer: Die WM tut natürlich dem ganzen Geschäftsgebahren sehr weh, weil in dieser Zeit die Verleiher nichts Gescheites in die Kinos bringen. Ich freue mich auf "Jurassic World 2". Ich habe den Trailer schon bei Filmwoche in München gesehen und war sehr beeindruckt. Außerdem starten heuer sehr viele deutsche Filme.

Die #MeeToo-Debatte ist in aller Munde. Regisseur Ridley Scott hat Kevin Spacey sogar aus seinem neuen Film geschnitten. "Die Zeit" widmet dem Thema eine Titelgeschichte und fragt darin, ob man Filme oder künstlerische Werke von "belasteten" Künstlern überhaupt noch zeigen soll. Wie stehen Sie dazu?

Franz Mauerer: Ein schwieriges Thema.

Christine Mauerer (überlegt eine Zeit lang): ... ja, wirklich schwierig. Man sollte den Künstler Künstler sein lassen. Das Publikum muss selber entscheiden, ob es sagt: Ich schaue mir den Film nicht mehr an, weil der oder jener mitspielt. Oder eben sagt: Ich schaue mir den Film an, weil der Schauspieler das gut macht. Wie gesagt: Das muss der Kinobesucher selber entscheiden.

Franz Mauerer: Früher wird auch allerhand gelaufen sein. Das hat man allerdings nicht mitbekommen.

In unserer Region wird immer wieder die Kritik laut, dass nur Mainstream-Filme gezeigt werden. Arthouse-Streifen oder eher künstlerische Produktionen haben es schwer. Werden Filme wie "Die dunkelste Stunde" einfach nicht vom Publikum angenommen?

Christine Mauerer: Ganz genau. Wir würden so etwas ganz gerne zeigen, aber das wird eben nicht angenommen. "Aus dem Nichts" (deutscher Golden-Globe-Gewinner; Anm. d. Red.) haben wir beispielsweise auch nur in der Filmauslese gezeigt.

Das Kinocenter Nittenau gibt es seit 35 Jahren. Was hat sich seit den Anfängen verändert?

Franz Mauerer: Heute sitzen die Jugendlichen mit dem Handy im Kino. Kaum ist der Film aus, schreiben sie schon, ob er gut oder schlecht ist. In den früheren Zeiten war das Kino schöner, nicht so hektisch.

Christine Mauerer: Es gab auch nicht so viel Erfolgsdruck. Früher hat man auch einen Film erst nach drei Wochen zeigen können - und du hast immer noch Besucher gehabt, was heute überhaupt nicht mehr der Fall ist.

Franz Mauerer: Früher hat man gesagt: Einen James Bond - wenn du nichts zum Spielen hast - kannst du immer zeigen. Das ist auch gegangen. Heute kannst du das vergessen.
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