Seltenes Hörerlebnis im Rathaus

Claudia Janet Birkholz und Marina Szudra begeisterten bei ihrem Auftritt im Nittenauer Rathaus. Bild: tie
Kultur
Nittenau
30.08.2017
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Nicht nur auf zwölf Töne, sondern auch auf deren Arrangement kommt es an. Dass die Musikerinnen Marina Szudra und Claudia Janet Birkholz beides beherrschen, stellten sie bei der Veranstaltung "Songs and Sounds" unter Beweis.

Arnold Schönberg konzipierte zu Beginn des 20. Jahrhunderts eine neue Musikrichtung, die sogenannte Zwölftontechnik. Diese komplizierte Stilrichtung gilt heute nicht mehr als modern und fristet eher ein Nischendasein. Seit längerem gibt es aber Gegenbewegungen, unter anderen die "Minimal Music", die mit einfacher Melodiegestaltung wieder zu Hörgenuss ohne dauernde Dissonanzen einlädt. Bei der dritten Veranstaltung der "Sommerlichen Rathauskonzerte" im Foyer des Rathauses in Nittenau war es jedenfalls hochinteressant "Songs and Sounds" der Zwölfton-Kompositionsweise zu hören.

Moderne Tonalität

Außerdem war es bewundernswert, wie sich die beiden Musikerinnen des Konzerts, Marina Szudra (Gesang) und Claudia Janet Birkholz (Klavier), in dieser Musikrichtung engagierten und hörenswerte Ergebnisse erreichten. Das Foyer hätte noch voller sein können, aber wenn kein berühmter Name im Programm erscheint, gibt es eben Vorbehalte. Noch dazu, wenn man weiß, dass diese Musikrichtung schwierig zu verstehen ist. Ein Erlebnis war die Veranstaltung in jedem Fall, auch wenn man solche Musik nicht immer hören will. Die Vortragsfolge begann mit Liedern von Kazuyo Nozawa nach Gedichten von Paul Klee. Moderne Tonalität prägen die 2002 entstandenen Vertonungen. Der musikalische Ausdruck entsprach den tiefsinnigen Gedanken wie beispielsweise "Einst werd ich liegen im Nirgend, bei einem Engel irgend" oder "Einmal war es, als ob das Herz still stehe".Es folgte ein Werk von Luigi Dallapiccola. Das "Notenbüchlein für Annalibera" ("Quaderno Musicale die Annalibera") enthält sieben kurze Klavierstücke, die dieser Tochter des Komponisten zugedacht waren. Darunter waren feine, leise sowie schnelle, laute Vertonungen, die je nach Charakter von Claudia Janet Birkholz vorgetragen wurden.

Gedicht von Edgar Allan Poe

Es schlossen sich zwei Werke von George Crumb an. Das Klaviersolo "Nachzauber" erweiterte entscheidend die Klavierspieltechnik, indem die Finger nicht die Tasten bedienten, sondern verschiedene Saiten vorübergebeugt rhythmisch zupften. Dadurch entstanden neue Töne, deren Klänge in der Darstellung der Pianistin besondere Stimmung erzeugen - so wie im Nittenauer Rathaus. Anschließend ertönte "The Sleeper", ein Gedicht von Edgar Allan Poe. Marina Szudra sang mit freudigem Ton.

Nach der Pause erklangen sechs Lieder nach Gedichten von Caroline von Günderrode, vertont in der Sammlung "Das Rot" von Wolfgang Rihm. Es handelt sich um wehmütige Stimmungen, die in erweiterter Tonalität die Gefühle der Dichterin (sie brachte sich mit 22 Jahren aus verschmähter Liebe um) wiedergeben. Insgesamt bot der Nachmittag mit noch heute modern wirkender Musik einen Einblick in eine Kompositionsweise, die eigentlich meint, nicht mehr auf die Gefühle der Hörer eingehen zu wollen - und es eben doch tut, allerdings viel komplizierter als jemals zuvor und auch danach.
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