Schmidkonz GmbH Pionier bei Fotobüchern
Altes Handwerk, neue Ideen

Lokales
Nittenau
27.04.2013
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"Kennen Sie den U-Bahn-Test?" Peter Schmidkonz blickt in zwei fragende Gesichter. Da nimmt der Buchbindermeister einen Bildband und klappt den vorderen Einband um, bis er auf der Rückseite des Buches liegt. Die Bindung hält. "Das können Sie mit jedem unserer Bücher machen." Staunen.

Das Beispiel sagt viel über den Mann, der den Familienbetrieb Schmidkonz GmbH zu einem High-Tech-Unternehmen am Nittenauer Taubenweg ausgebaut hat, aber großen Wert auf eines legt: "Wir machen gutes Handwerk". Das ihm das am Herzen liegt zeigt auch der Tisch, an dem Schmidkonz sitzt. Eine schwere, wunderschöne Tischlerarbeit. "So eine Spinnerei von uns", sagt der 69-jährige Unternehmer.

Auflage im Schnitt 1,6

Er hält zusammen mit seiner Tochter Maria - ebenfalls Buchbindermeisterin - und seinem Sohn Robert die Fäden in der Hand. Auch jetzt, wo die wirtschaftlichen Zeiten für die Buchbinderei etwas schwieriger sind. Alles, was in großen Auflagen erscheint und in den Buchläden liegt, wird schon längst nicht mehr in Deutschland gefertigt. "Alles in China", weiß Schmidkonz, der Romane über die Branche schreiben könnte, aufgrund seiner Erfahrung. Gedruckt und gebunden für 2,50 bis 3 Euro pro Hardcover-Buch, das im Handel dann 30 Euro kostet. Wie also bei dieser Konkurrenz überleben, als Handwerker? Durch eine Idee, die heute jeder kennt, die aber 2003 noch für Aufruhr sorgte: Fotobücher. Mit einer Produktion, die mit einer durchschnittlichen Auflage von 1,6 arbeitet. Jeder Buchdrucker hätte da früher abgewunken. Das funktioniert wirtschaftlich natürlich nur mit entsprechender technischer Ausstattung. "Rechnergestützte Buchproduktion" heißt die Zauberformel, und hier war Schmidkonz der Pionier. "Wir können jedes Buch einzeln herstellen. Das ist überhaupt kein Problem", sagt er.
Außer den Digitaldruckmaschinen ist beinahe alles an Maschinen, was drüben in der Produktion schnurrt, selbst entwickelt. Bis 7000 Fotobücher am Tag druckt Schmidkonz mit seinen gut 60 Mitarbeitern, beinahe jedes ist anders, unterschiedlich dick, unterschiedlicher Einband. Dennoch laufen sie hintereinander aus der Maschine. Die Vorlagen kommen per Glasfaserleitung an den Taubenweg ins Rechnerzentrum. Die Formate können die Kunden stufenlos wählen, von A 6 bis A 3, von 16 bis 1000 (!) Seiten. Auf schwerem, hochqualitativem, haltbaren Papier. Gebunden nach einem System, das Schmidkonz entwickelt hat und das den etwas sperrigen Namen "Doppelte Schlitzperforierung" trägt. Die Bögen werden mit dieser Technik an der Bindekante so vorbereitet, dass eine Überlappung entsteht und der Leim die einzelnen Seiten perfekt zusammenhält.

Wer einen Bildband ansieht, kennt die Situation: Kann man den Bug flach drücken, um etwa ein Panoramabild über zwei Seiten besser sehen zu können? Oder fliegt einem dann die Bindung um die Ohren? "Können Sie mit unseren Büchern machen", sagt Schmidkonz und führt es vor. Verblüffend. "Wir können Klebebindungen herstellen, die wirklich halten", sagt Schmidkonz. Weil das Bessere der Feind des Guten ist, wird laufend weiter getüftelt. Dennoch wird der Endkunde die Firma "Schmidkonz" kaum kennen, auch wenn er sein Fotobuch aus Nittenau direkt zugesendet bekommt. Denn die Druckerei und Buchbinderei arbeitet als Dienstleister für die große Internetanbieter.

Für Universitäten

Ein paar Meter weiter stehen Mitarbeiter zwischen einer Lieferung mit gleichfarbig leinengebundenen Büchern. Auf den ersten Blick: Großauflage. Falsch. Auch hier ist jeder Band anders. Es sind Bibliotheksbücher. Darin werden wissenschaftliche Hefte, Zeitschriften oder Loseblattsammlungen gebunden, mit fortlaufender Nummer. Die Zahlen und Buchstaben sind geprägt, auch das erledigt eine computergesteuerte Maschine, die Schmidkonz entwickelt hat. Die Buchdaten, also die Maße, sind abgespeichert. Stück für Stück purzeln die Kartonstücke für den Einband aus einer Maschine, werden mit Leinen zusammengefügt. Dann wird der Buchblock eingefügt. Diese Nachschlagewerke stehen später in Universitätsbibliotheken wie zum Beispiel in Regensburg, auch für große Wissenschaftliche Sammlungen arbeitet Schmidkonz. In Regensburg hat Peter Schmidkonz' Vater das Geschäft einst aufgebaut, die neu gegründete Universität sorgte für Aufträge. In der Von-der-Thann-Straße sitzt noch die Buchbinderei.
Ein paar Meter weiter sitzt Karen Wolter. Mit Nadel und Buchbinderzwirn. Es riecht ein bisschen nach Leim und altem Papier. Karen Wolter lernt Buchbinderin. Sie ist nach dem Abitur aus dem Norden extra nach Nittenau gezogen, um eine Lehrstelle zu bekommen. In ihrer Klasse an der Berufschule sind gerade noch vier Buchbinderlehrlinge. Behutsam heftet sie Bögen zusammen. Nach all den Maschinen wird hier sichtbar, was handwerkliche Buchbindekunst bedeutet. Das Buch muss nicht nur halten. Es soll auch schön sein, haptisch ein Genuss. In einem Glasschrank liegen Schätze. Das Meisterstück von Schmidkonz' Vater, sein eigenes auch. Wunderschön geprägter Ledereinband, verzierter Goldschnitt. Auch Bücher, die im Wortsinn aus dem Leim gegangen sind, werden hier repariert.

Den "U-Bahn-Test" müssen die nicht bestehen. Der entstand übrigens in New York. Die Fahrgäste lesen gerne Taschenbücher in der U-Bahn. Weil es so eng ist, müssen sie die Bücher komplett umklappen, um nicht mit den Nachbarn zu kollidieren. Hätten sie alle Bücher von Schmidkonz, sie würden das aushalten.

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Die Serie im Internet:

http://www.oberpfalznetz.de/einfachgenial
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