08.03.2020 - 18:34 Uhr
BruckDeutschland & Welt

Equal Pay: Bis hierhin unbezahlt

Diesen Artikel lesen Sie mit
Was ist OnetzPlus?

Gleicher Lohn für gleiche Arbeit? Fehlanzeige. Auf dem Arbeitsmarkt sind Frauen nach wie vor benachteiligt. Zwei Oberpfälzerinnen erklären, warum. Und was sich ändern muss.

Gleiche Löhne für Frauen und Männer sind nicht überall Realität – bis zum 17. März, dem „Equal Pay Day“, arbeiten Frauen im Schnitt ohne Bezahlung.
von Maria Oberleitner Kontakt Profil

Am 17. März ist "Equal Pay Day": Bis zu diesem Tag sind 21 Prozent - also 77 Tage des Jahres - vergangen. Genau jene 21 Prozent verdienen Frauen in Deutschland im Durchschnitt weniger. Eine (fiktive) deutsche Durchschnittsfrau würde also bis zum 17. März arbeiten, ohne bezahlt zu werden. "Solange das sich nicht ändert, müssen wir darauf aufmerksam machen", sagt Emilia Müller, Staatsministerin a.D. und Vorsitzende des KDFB-Landesverbands Bayern.

Woher der sogenannte "Pay Gap", also die Größe der Verdienstlücke zwischen Frauen und Männern kommt? Kommunikationsmanagerin Marion Hornung hat eine Vermutung - und will deshalb zu mehr Selbstbewusstsein bei Gehaltsverhandlungen ermutigen. "Fange ich mit einem im Vergleich zu kleinen Anfangsgehalt an, werde ich keine großen Sprünge machen. Vom Einstiegsgehalt ausgehend geht es schrittweise nach oben - mit dem Einstiegsgehalt verhandle ich später weiter."

Weil vielen jungen Studentinnen außerdem ein Gefühl für die Bedeutung des Netzwerkens fehlt, hat die 28-Jährige aus Zeitlarn (Kreis Regensburg) das Netzwerk "Bridge-It" an der OTH Regensburg mitgegründet, das junge Frauen in der Gründerszene und in Führungspositionen fördern will. Wie? "Wir vernetzen Studierende untereinander und mit Unternehmerinnen aus der Region. Hier gibt es viele tolle Frauen, nur sind sie nicht immer sichtbar." Hornung will Vorbilder zeigen - mit ihren Stärken und Schwächen. Mit ihren Erfolgen und ihrem Scheitern.

Marion Hornung (ganz links) zusammen mit den anderen Gründerinnen des Netzwerks „Bridge-It".

Beim Gehalt: Pokern

Auch, weil es so wenige Frauen in der Start-up- und Gründer-Szene gibt, fällt Hornung hier besonders auf: "Frauen scheuen statistisch gesehen das Risiko." Während es Männern im Schnitt leichter fällt, große Summen zu investieren - auch schon am Anfang ihrer Karriere - gehen Frauen häufiger auf Nummer sicher und versuchen es eher mit kleinen Summen.

Hornung erklärt: Sie nehmen andere Wege zum Ziel. "Frauen sind oft selbstkritischer." Sie erinnert sich an eine Studie: "Auf eine ausgeschriebene Führungsposition in einem Unternehmen durfte sich jeder Mitarbeiter bewerben. Am Ende des Bewerbungsprozesses wurde öffentlich gemacht, wer sich beworben hatte." Wesentlich mehr Männer. "Als die Frauen, die sich nicht beworben hatten, dann aber sahen, welche Männer sich beworben hatten, war die Reaktion vieler: Da hätte ich mich auch bewerben können." Hornung rät deshalb: "Pokern." Trotz Zwickmühle: Denn laut Statistik würden Frauen, die fordernd verhandeln, wenn es um ihr Gehalt geht, dafür gestraft - weil sie unangenehm im Gedächtnis blieben.

Marion Hornung zählt weitere Probleme auf, die die Lohnlücke noch vergrößern: Nicht nur seien die Job-Anforderungen meist männlich, auch säßen in den Führungsetagen oft Männer. "Die haben nicht immer die Vorteile von Frauen im Team auf dem Schirm." Dazu komme, dass sich ähnliche Menschen häufig schneller sympathisch und vertrauenswürdig fänden. "Auch das kann dazu führen, dass der Mann doch eher einen anderen Mann einstellt."

Die Decke aus Glas

"Das Problem ist das System", sagt Hornung. "Es wird sich erst ändern, wenn es zur Normalität gehört, dass Frauen und Männer gleichermaßen beteiligt sind; bei Entscheidungsprozesses am Arbeitsplatz und auch bei der Care-Arbeit zu Hause."

In Gesprächen bemerkt die 28-Jährige oft, dass die junge Generation sehr viel Wert darauf legt, dass alles fair zugeht. "Das ist super. Doch ich höre auch oft, dass es die gläserne Decke nicht mehr geben würde", sagt Hornung. Dieser Eindruck trüge. Deshalb ist Hornung wie Müller eine Befürworterin der Quote - ob in Unternehmen oder der Politik.

Und dann das: Viele junge Frauen sträuben sich gegen den Titel Quotenfrau, vor allem in der Politik. Hornung meint aber: Das geht nur so lange gut, bis es um Ämter geht. "Dann werden sie an Grenzen stoßen. Man muss dem System Frauen zuführen - und zwar so lange, bis es sich normalisiert hat", sagt Hornung. Sei dieses Ziel erreicht, könne man die Quote abschaffen.

Eigeninitiative gefordert

Emilia Müller betont, dass der Katholische Frauenbund (KDFB) sich seit über Hundert Jahren für eine gleichberechtigte Teilhabe von Frauen einsetzt - und fordert endlich eine Gleichstellung auf Augenhöhe in Politik, Kirche und Gesellschaft. Zwar sei seit 1949 in Artikel 3 des Grundgesetzes eine eindeutige Gleichberechtigung von Männern und Frauen festgesetzt. Auf Papier. In Wirklichkeit bedauere sie es, dass Leistung mit zweierlei Maß gemessen werde.

Das in dieser Hinsicht umstrittene Ehegattensplitting ist Müller aber kein Dorn im Auge. "Solange es Frauen gibt, die die komplette Sorgearbeit für die Familie übernehmen, muss es für sie ein Instrument des Staates geben." Sie fordert aber Eigeninitiative: Jede Frau müsse sich rechtzeitig darum kümmern, für das Alter vorgesorgt zu haben. "Aus einer Entscheidung für Teilzeitarbeit darf aber keine Armutsfalle werden."

Ein Kommentar zum Thema "Equal Pay"

Weiden in der Oberpfalz

Mehr Geld für Pflege

Gerade jungen Berufsanfängerinnen rät Emilia Müller: Selbstbewusst auftreten, sich für die eigenen Rechte einsetzen - und: "Mit dem Arbeitgeber reden, wenn man das Gefühl hat, dass etwas nicht stimmt." Für wichtig hält sie, dass Frauen ihren erlernten Beruf auch tatsächlich ausüben. "Wenn Frauen nach dem Studium nur noch Familien-Arbeit verrichten, haben wir am Ende auch einen volkswirtschaftlichen Schaden."

Dass "Equal Pay" eng zusammenhängt mit "Equal Care", darüber sind sich die beiden KDFB-Frauen einig. Und fordern einstimmig: Bessere Vereinbarkeit von Familie und Beruf, gleiche Zugänge zu Führungspositionen, höhere Wertschätzung von erbrachter Leistung in der Care-Arbeit, flexible Arbeitszeiten. "In anderen Ländern funktioniert letzteres, weil das System auf die Lebenswirklichkeit der Mitarbeitenden eingeht, zum Beispiel auf Familien", sagt Hornung mit Blick auf Lettland, wo es Mutter-Kind-Büros gebe und einen Frauenanteil von 44,1 Prozent in Führungspositionen. Und Emilia Müller ergänzt: "Mit einer Aufwertung und besserer Bezahlung von Pflege- und Sozialarbeit wird es vielleicht auch für Männer akzeptabel, Pflegearbeit zu verrichten."

Info:

Besser verhandeln: Experten-Tipps für das Vorstellungsgespräch

  • Selbstbewusst sein: „Geht es ums Gehalt, ruhig noch was draufschlagen“, so Hornung. „Zwar heißt es oft, dass der Sinn der Arbeit wichtiger ist als das Gehalt – aber ganz unwichtig ist das Geld eben auch nicht.“ Ähnlich sieht das Bundesfamilienministerin Franziska Giffey (SPD). „Penetranz schafft Akzeptanz. Man muss nerven“, sagte die Politikerin dem Redaktionsnetzwerk Deutschland (RND). Es gehe nicht nur um Teilhabe der Frauen in der Politik oder in der Wirtschaft, sondern auch ums Geld. Weniger Lohn, weniger Rente – „das kann so nicht bleiben.“
  • Expertenwissen aneignen: Vor einer Gehaltsverhandlung: Googeln. „Das hört sich banal an, hilft aber“, sagt Marion Hornung. Was wird im Durchschnitt bezahlt? Gibt es einen Tarif, an dem ich mich orientieren kann? Was ist ein durchschnittliches Einstiegsgehalt mit meinem Abschluss? „Mit Expertenwissen kann man ganz anders an den Gesprächspartner herantreten. Je mehr Menschen man befragen kann, desto besser. Über Fragen, die man vor einem Vertragabschluss gestellt hat, wird man sich eher nicht ärgern. Wenn man aber weniger Geld verdient als jemand mit derselben Qualifizierung, ärgert man sich – langfristig.“
  • Netzwerke nutzen: Jeder Berufsanfänger sollte Papier und Stift zur Hand nehmen und sich aufschreiben: Wen kenne ich, der mir helfen kann? Bin ich Teil eines Vereins, Verbandes? Wie können mir Familienmitglieder, Freunde und Bekannte helfen? Wo gibt es Veranstaltungen, wo ich interessante Leute mit Erfahrung kennenlernen?
Klicken Sie hier für mehr Artikel zum Thema:

Für Sie empfohlen

 

Videos

Kommentare

Um Kommentare verfassen zu können, müssen Sie sich anmelden.

Bitte beachten Sie unsere Nutzungsregeln.