Der Mann neben Maria - Statist oder heimlicher Star der Weihnachtsgeschichte?
Anderen einen"Josefs-Dienst" erweisen

Kultur
Nürnberg
23.12.2016
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Auf alten Bildern steht er oft im Abseits. Eine Laterne in der Hand. Alt und würdig. Müde auf einen Wanderstock gelehnt. Etwas verwundert betrachtet er die nächtlichen Besucher. Im Zentrum steht die Krippe mit dem Kind und Maria. Um sie herum gruppieren sich Hirten und Könige, Engel und Tiere - und eben auch Josef.

Von Günter Kusch, Redakteur und Pfarrer in Nürnberg

Seine Rolle ist es, am Rand zu stehen und verblüfft zu wirken. So, als gehört er gar nicht dazu. Und es stimmt ja: Er ist nicht der "richtige" Vater und damit gar nicht erwähnenswert. Ein Drama, das Josef in den Schatten stellt? Die Weihnachtserzählung im Matthäus- und Lukas-Evangelium bedient keine Fantasien von einem geschützten Idyll. Der Vater auf der Arbeit, die Mutter am Herd, gemütliche Abende auf dem Sofa, Glückwunschkarten auf dem Tisch anlässlich der bevorstehenden Geburt.

Besorgter Blick

Was die Bibel hier berichtet, deutet eher an, welche Schwerpunkte Jesus später setzen wird: seine Hinwendung zu den Ausgegrenzten und Armen; der besorgte Blick auf diejenigen, die am Rande der Gesellschaft stehen. Josef und Maria in einem bescheidenen Stall, auf der Flucht vor politischen Todesdrohungen - Asylanten würde man heute wohl zu ihnen sagen. Als Maria, seine junge Verlobte, zu ihm kommt und von ihrer Schwangerschaft erzählt, muss das schmerzhaft für Josef gewesen sein. Da er nicht der Vater ist, will er sich leise aus dem Staub machen. Aber nicht, weil er sich in seiner Mannesehre gekränkt fühlt, sondern um Maria zu schützen.

Laut Gesetz wurde eine Ehebrecherin aus der Gemeinschaft ausgestoßen und womöglich gesteinigt. Josef will sie bewahren vor dem Spießrutenlauf in der Öffentlichkeit und vor der Verachtung ihrer Mitmenschen. Gott sei Dank regt sich sein Gewissen: "Der Engel des Herrn erschien ihm im Traum." Gerade nachts geht einem vieles durch Kopf und Sinn, man erhält neue Klarheit. Schließlich verzichtet Josef auf die geplante Trennung und entscheidet sich für die Vaterschaft. Was kostet es einen Mann in einer patriarchalischen Gesellschaft, so einen Beschluss zu fassen? Das Risiko einzugehen, betrogen zu werden? Zum Gelächter der Kollegen zu werden, weil er sich dumm angestellt hat? Zu wissen, dass er in dieser Familie nie die Hauptrolle spielen wird? Wie viele Männer könnten das ertragen, wenn hinter ihrem Rücken spöttisch gelästert wird? Betrogene Ehemänner wurden damals als Esel bezeichnet. Da hat sich bis heute wenig geändert. Und dann soll es sich auch noch um ein himmlisches Geschehen handeln - das ist einfach zu viel. Josef riskiert, als naiver Träumer und Visionär dazustehen. Doch er überhört allen Spott und entscheidet sich für die Familie.

Im Matthäus-Evangelium wird Josef als "gerecht" bezeichnet. Gerecht ist ein Mensch laut Bibel dann, wenn er nach Gottes Willen lebt. Man könnte dafür auch das Wort "loyal" verwenden. Indem Josef seine Verlobte nicht verurteilt und nicht öffentlich anprangert, wird er ihr, der Situation und eben auch Gott gerecht. Er kümmert sich nicht um das Gerede der Leute, sondern handelt aus Liebe und damit angemessen. Er pocht nicht auf Recht oder Ordnung, sondern gibt dem Anderen, dem Nicht-Verstehbaren einen Raum, schützt es und setzt sich dafür ein. Josef ist ein Mann, der den Träumen mehr traut als dem Augenschein und sich in den Dienst nehmen lässt von Gott.

Wenig Beachtung

Schade, dass Josef in der Weihnachtsgeschichte so wenig Beachtung findet. Dabei hält er drei Erkenntnisse für uns heute bereit. Ich will sie einmal als Geschenke bezeichnen, die er uns unter den Christbaum legt. Das erste Geschenk ist eine Anfrage: Gott begegnet Josef im Dunkeln. In der Nacht und in den Träumen schickt er seine Boten. Dann, wenn unsere Augen nicht vom Tageslicht abgelenkt werden. Dann, wenn unsere Sinne nicht mit alltäglichen Dingen beschäftigt sind. Dann werden wir aufmerksam für Gottes leises und verborgenes Handeln. Die Anfrage lautet: Gibt es solche Orte und Zeiten noch für Dich, in denen kein Handy klingelt und keine WhatsApp-Message aufpoppt?

Gott braucht dich!

Das zweite Weihnachtsgeschenk ist eine Ermutigung: Gott braucht dich! Es gibt eine Herausforderung, bei der Du ganz gefordert bist. Stell Dich dieser Aufgabe, für die du bestimmt bist. Sei mutig bei all den Zumutungen, die auf dich zukommen. Da kann es durchaus passieren, dass Gott bisherige Pläne durchkreuzt und Wege aufzeigt, die Du aus eigenem Wissen und aus eigener Vernunft nie beschritten hättest. Auf den ersten Blick wirkt das unvernünftig, ist aber das einzig Vernünftige. Um deine Aufgabe und Herausforderung zu erkennen, musst Du aber, wie Josef, mit dem Herzen hören.

Als Drittes legt uns Josef das Geschenk der Bescheidenheit unter all die festlichen Gaben. Josef ist ein Mann, der sich selbst zurücknimmt, ohne sich aufzugeben. Er ist bereit, Gott zu folgen und damit seinen Teil zur Geschichte Gottes mit uns Menschen beizutragen. Von Josef lerne ich, ein Ja zu sagen zu dem Platz, an den Gott mich stellt. Auch dann, wenn es eine Nebenrolle ist. Nicht zuletzt ist Josef für mich ein Vorbild im Glauben. Er steht in der Krippe, ganz passiv, als wollte er sagen: "Ich habe nichts dazugetan. Das Kind, ich habe es nicht hervorgebracht." Wir können den Retter, den Erlöser nicht erzeugen, sondern nur empfangen - als Geschenk von Gott.
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