09.05.2017 - 20:00 Uhr
Oberpfalz

Eine Ehegeschichte im Staatstheater Nürnberg Vergangenheit nicht einfach beerdigen

"Mit ihrem wunderbaren Dialog über zwei Menschen, die erst ein Kind verloren haben, dann sich selbst und dann einander, trifft Liselot Vekemans direkt ins Herz", heißt es in der Jurybegründung für den Taalunie Toneelschrijfprijs, den die Autorin am 29. November 2010 für "Gift" erhielt.

Eine Frau und ein Mann treffen sich nach neun Jahren zum ersten Mal auf dem Friedhof wieder. Dort ist das Grab ihres Sohnes Jacob, der bei einem Unfall ums Leben kam.
von Günter KuschProfil

Dieser Preis wird in den Niederlanden jährlich für das beste aufgeführte Stück der vorhergehenden Spielzeit vergeben. Das Stück feiert nun am Nürnberger Staatstheater eine umjubelte Premiere: Trauerbewältigung mit Tiefgang Ein Friedhof. Zwei Menschen. Der Verlust des gemeinsamen Kindes. Neun Jahre Trennung und Totenstille. Das Grab des Sohnes soll verlegt werden. Gift in der Erde macht die Umbettung notwendig. Nun stehen sie vor der Geschichte ihrer gescheiterten Ehe: "Sie" und "Er".

Was ist aus ihnen geworden? Aus ihrer Trauer und ihrem Leben? Zwischen Abrechnung und Annäherung, Trübsal und Trost, Verharren und Verarbeitung des Vergangenen blicken sie noch einmal zurück, um in die Zukunft zu schauen. Schicksal und Entscheidung, das sind die beiden Themen in Lot Vekemans Seelen-Szenario "Gift. Eine Ehegeschichte".

Fantastisches Bühnenbild

"Die Welt stand still. Auf irgendeine Weise war es ein vollkommener Augenblick", sagt "Sie". "Er" starrt regungslos ins Leere. Noch einmal blitzen Momente auf von einst, als ihr Sohn durch einen tragischen Autounfall ums Leben kam. Warum ist "Er" damals sang- und klanglos abgehauen? "Wie oft denkst Du an ihn", will "Sie" von ihm wissen. Und: "Liebst Du ihn noch?" Ihr anfängliches Plaudern über das Wetter wird immer mehr zu einem Gewitter der Vergangenheitsbewältigung. Das fantastische Bühnenbild von Birgit Leitzinger unterstreicht das beklemmende Gefühl: Ein Berg voller Erde, daneben eine abgebrochene Brücke - niemals werden "Sie" und "Er" wieder Wege zueinander finden.

Regisseurin Christina Gegenbauer gelingt es, eine emotionale Brücke zum Publikum zu bauen. Wenn "Er" und "Sie" buchstäblich im Sand ihrer Geschichte wühlen, sich wütend mit Erde bewerfen, ihre Hände darin verschwinden lassen und tief graben, im Grab des eigenen Kindes, lässt das die Zuschauer nicht kalt.

Adeline Schebisch und Michael Hochstrasser, die schon viele Paare auf der Bühne des Staatstheaters verkörpert haben, sind perfekt aufeinander eingespielt. Man bewundert ihre Präsenz und ihre Fähigkeit, Pausen zu setzen, augenblicksgenau Gefühle ins Spiel zu bringen und auszuleben. Das Publikum wird Zeuge, wie "Sie" und "Er" sich verletzen, analysieren, befragen, aber auch trösten.

Blick in die Zukunft

Entgegen Vekemans Vorlage wartet Regisseurin Gegenbauer am Ende noch mit einer Überraschung auf. "Sie" und "Er" verlassen nicht gemeinsam den Schauplatz der Trauerarbeit. Der immer wieder kehrende Satz von ihm führt bei ihr zu einer ersten Einsicht: "Vielleicht müssen wir akzeptieren, dass es das hier ist."

Wir können das Vergangene nicht ändern. Zurückliegendes kann nicht einfach beerdigt werden. Es begleitet uns, muss aber integriert werden ins Jetzt. Nur wer seine Geschichte annimmt, kann befreit in die Zukunft blicken. Ein hochaktueller Gedanke - entfaltet durch grandiose Regie- und Schauspielkunst.

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