Erstaufführung von Berlioz-Oper im Nürnberger Staatstheater zeigt die Opfer von damals und heute
Antike Helden zwischen Trump und Troja

Dido und Aeneas: Aus einem Sinnbild echter Liebe wird in Nürnberg ein kühles Verhältnis zwischen Korruptheit und Konsum. Bild: Ludwig Olah
Kultur
Nürnberg
18.10.2017
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Die Grand Opéra in fünf Akten "Die Trojaner" gilt als opus magnum des französischen Komponisten Hector Berlioz. Unspielbar, zu groß in der Besetzung, zu aufwendig und ausufernd, so lauteten die Kommentare. Die Erstaufführung durch Regisseur Calixto Bieito im Nürnberger Staatstheater erhält zurückhaltenden Applaus, auch einige Buh-Rufe.

Da wird kräftig mit Symbolen gespielt: der Chor in Kampfmontur mit Sprengstoffgürteln, dann wieder mit Schutzanzügen und Gasmasken oder mit roten Krawatten. Hier ereignet sich aktuelles Welttheater. Die Angst vor Anschlägen, Atombomben oder autokratischer Arroganz schlüpft in düstere Kostüme. Dass Trump seinen roten Schlips wissentlich zu lange trägt, hat ein Psychologe vor kurzem als Demonstration der Macht und Männlichkeit gedeutet. Schon diese wenigen Andeutungen zeigen: Regisseur Calixto Bieito überführt Berlioz letzte Oper in die Moderne - mit beeindruckenden Bildern, verstörend radikal.

Auf einer papierenen Leinwand wird mit wenigen Strichen ein riesiges trojanisches Pferd skizziert und mit Blut bespritzt. Immer wieder fallen Menschen zu Boden, denen die Kehle aufgeschlitzt wurde. Didon und Énée sterben den Drogen-Tod oder kotzen sich die Wut und Resignation aus dem Bauch. Emotionslos trällern sie ihre Liebes-Arie "Nuit dívresse" und schütten dabei literweise schwarzes Öl über einen nackten und wehrlos auf dem Boden liegenden Mann. Ein großes zerteilbares Holzgerüst trennt Täter und Opfer, Wohlstand und Armut - Bühnenbildnerin Susanne Gschwender setzt mit diesem wandelbaren und schwankenden Bretterskelett ein Monument menschlicher Hybris.

Auch musikalisch geht es hoch hinaus: Roswitha Christina Müller verleiht der Seherin Cassandre, die ihre siegesgeblendeten Trojaner vergeblich vor den Gefahren des hölzernen Pferdes warnt, facettenreiches Stimmvolumen. Eindringlich auch die karthagische Königing Didon (eine ausgewogen disponierte Katrin Adel), die über ihre Liebe zu Énée ihr Volk und sich selbst vergisst. Jochen Kupfer gibt den Verlobten Cassandres, Chorèbe, souverän und sicher durch Gefühlsskalen wandelnd. Tenor Mirko Roschkowski verbindet in seiner Rolle des Enée, dem sagenhaften Gründer Roms, Durchschlagskraft mit lyrischen Momenten.

Dass der Beifall letztlich verhalten ist und ein paar Buh-Rufe ertönen, liegt also nicht an der klanglichen Kunst. Es ist einmal die Geschichte selbst, die eine große Fülle nicht nur antiker Stoffe, von Vergil bis Shakespeare, zu vereinen sucht. Regisseur Calixto Bieito verkompliziert das Verständnis noch, indem er alles um eine Stunde kürzt und eine Menge an Regieideen mit einflechtet, bei der die Liebesgeschichte zwischen dem trojanischen Helden Aeneas und der karthagischen Königin Dido kaum mehr zu erkennen ist. Um dieser verwirrenden Vielfalt noch eins draufzusetzen, sei an dieser Stelle Brecht zitiert: "Vielleicht nicht alle, aber viele, zu viele Fragen bleiben offen".
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